Der große Trainer-Gipfel

„Fußball ohne Fans ist eine Katastrophe“

Expertenrunde: Die vier Münchner Drittligatrainer im angeregten Austausch. Von links: Holger Seitz (Bayern II), Alex Schmidt (Türkgücü), Arie van Lent (Haching), Michael Köllner (TSV 1860).
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Expertenrunde: Die vier Münchner Drittligatrainer im angeregten Austausch. Von links: Holger Seitz (Bayern II), Alex Schmidt (Türkgücü), Arie van Lent (Haching), Michael Köllner (TSV 1860).

Nie war die 3. Liga münchnerischer als heuer. Wie 2019 haben wir die Trainer der hiesigen Drittligisten an einen Tisch gebracht.

München – Als Michael Köllner mit seinem 30 Jahre alten Rennrad vorfährt, ist es 16.54 Uhr – und der Löwen-Trainer hat beste Laune mitgebracht. „Jetzt ham’s noch sechs Minuten – sonst wird’s teuer“, sagt Köllner und meint seine Berufskollegen Holger Seitz, Arie van Lent und Alexander Schmidt. Eine Disziplinarstrafe für grobes Unpünktlichsein musste am Ende keiner bezahlen, und der freche Spruch des Oberpfälzers wurde angemessen gekontert – mit einer kollegialen Lästerei über die Farbe seines Rennrads: Violett. „War damals total in“, so Köllner. Passte insofern auch gut, weil ja der Anlass des Treffens eine seltene Vermengung von blauen Löwen, roten Bayern, rotblauen Hachingern und dem rotweißen Drittliganeuling Türkgücü war. Wir haben die Trainer der vier Lokalrivalen ins Paulaner Bräuhaus am Kapuzinerplatz geladen – zum großen Vierer-Interview am Donnerstagabend, kurz vor dem ersten Spieltag.

Herr Schmidt, gleich mal provokativ gefragt: Wie fühlt man sich in der Rolle des Bad-Boy-Trainers?

Schmidt:Bad Boy… Wegen der Sache mit dem DFB-Pokal? Ich habe mit unserem Präsidenten (Hasan Kivran) gesprochen, er sagte mir, dass Schweinfurt unsere Drittliga-Lizenz anfechten will – entgegen den Abmachungen. Von daher verstehe ich es, wenn wir auf unser Startrecht im Pokal pochen. Und rein von der Logik her: Warum sollte der Tabellenzweite im DFB-Pokal spielen? Wir waren doch Erster und gehören da rein.

Wie sehen es die anderen Herren in der Runde?

Seitz: Ich war bei den Gesprächen nicht dabei, deswegen kann diese verfahrene Situation nicht beurteilen.

Köllner: Ich bin mit Markus Wolf (Präsident des 1. FC Schweinfurt) befreundet, von daher enthalte ich mich einer Meinungsäußerung. Das ist auch nicht unsere Baustelle.

Vier Trainer, alle um die
50 Jahre alt. Wie gut kennen sich die Herren eigentlich untereinander?

Köllner: Arie van Lent kenne ich aus dem Fernsehen (lacht), Holger schon länger, aus gemeinsamen Zeiten beim DFB/BFV – und den Alex auch.

Stimmt es, dass Sie, Herr Köllner, mit Alexander Schmidt als Co-Trainer vor einem Jahr beinahe bei Swansea City gelandet wären?

Köllner:Ja, es gab eine Anfrage, aber ich habe wohl leider zu schlecht verhandelt (lacht). Ich kenne den Alex schon lange aus meiner Zeit als Trainer der Bayern-Auswahl, damals war er bei 1860. Jetzt sind wir wieder Gegner.

Schmidt:Wir schätzen uns – und haben ernsthaft darüber nachgedacht.

Für Köllner hätten Sie also doch noch mal den Co-Trainer gemacht. Sind Sie auch in der 3. Liga bereit, sich dem Kollegen unterzuordnen?

Schmidt: Natürlich nicht! Wir haben keine Angst vor großen Namen.

Gutes Stichwort. Ihr erster Gegner am Samstag ist gleich der FC Bayern . . .

Schmidt:Lieber habe ich Bayern gleich jetzt zum Start als später, wenn sie eingespielt sind.

Ein Derby ohne Zuschauer – wie sehr schmerzt es?

Seitz: Ich kenne unsere Fans und weiß, wie bitter das ist. Aber es liegt nicht in unserer Hand. Wir können nur warten und hoffen, dass es bald wieder mit Fans geht. Schmidt:Dem kann ich mich nur anschließen.

Bei Unterhaching in Zwickau und 1860 in Meppen sind immerhin Fans der Heimteams erlaubt.

Van Lent:Und es wird sich nach Fußball anfühlen! Ob die jetzt für oder gegen uns sind, das ist mir nach der langen Zeit ohne Zuschauer fast schon egal. Wir haben uns auch über die 120 Leute vom Trainerlehrgang gefreut, die beim Test gegen Bayern dabei waren.

Köllner: Mir ist das in Meppen auch wurscht. Hauptsache es rührt sich wieder was. Ohne Fans ist es eine Katastrophe. Fußball ist emotional, das macht unseren Job doch am Ende auch aus. Für wen machen wir denn das alles? Ich hoffe, dass sich das Thema jetzt sukzessive normalisiert, sichere und praktikable Lösungen gefunden werden. Wir sind nicht dafür geboren, dass wir elf gegen elf fürs Fernsehen spielen – und am Rand steht dann ein Ordner und sagt: „Bitte setzen Sie die Maske auf!“

Van Lent: Im Moment hört man auch jedes Wort von uns – auch die Sätze, die besser keiner hören sollte.

Hat Türkgücü die Chance, ein Zuschauermagnet zu werden?

Schmidt:Es könnten mehr Zuschauer sein – dafür dass so viele türkischstämmige Leute in unserem Einzugsgebiet leben. Unser Präsident ist da ein bisschen skeptisch, ich glaube schon, dass man die emotionalisieren kann.

Wie nimmt man als Trainerkollege den Neuling Türkgücü wahr?

Van Lent:Sie sind aufgestiegen und haben daher die Berechtigung, in der 3. Liga zu spielen. Ob sie dann die zweite oder dritte Kraft werden, wird man sehen. Vielleicht, hoffentlich, werden sie eine Kraft hinter uns (lacht).

Sie können das Ganze ohne Erfolgsdruck angehen, Herr Seitz. Oder fordert Hansi Flick eine bestimmte Quote an Talenten, die zu den Profis hochkommen sollen?

Seitz: Eine feste Quote gibt es nicht, aber unsere Aufgabe ist es ganz klar, Spieler an das höchste Niveau heranzuführen. Hansi Flick hat immer ein Auge für unsere jungen Spieler, ich glaube, dass die Chance für den Sprung nach oben lange nicht mehr so gut war beim FC Bayern. Bestes Beispiel ist Joshua Zirkzee. An der Meisterschaft wird unsere aktuelle Mannschaft sicher nicht gemessen werden nach all den Abgängen.

Stichwort Talente. Wer hat denn jetzt die besseren, Haching oder 1860?

Köllner: Ich weiß, worauf Sie anspielen. Ich sag mal so: Manni und ich mussten das Sommerloch ein bisschen überbrücken, jetzt geht es um andere Themen.

Van Lent:So was gehört doch dazu. Ich hab geschmunzelt darüber. Und in der Sache haben beide recht: Der Nachwuchs ist wichtig, wir brauchen ihn, um zu überleben. Köllner:Manni ist absoluter Nachwuchsverfechter – aber wir sind es auch. Sinn und Zweck der 3. Liga ist nicht, dass wir mit 15 Mölders oder Stroh-Engels spielen, sondern dass unsere NLZ gnadenlos liefern. Die Alten helfen auf diesem Weg den Jungen, ein gutes Profiniveau herzustellen. Am Sonntag sehen wir uns übrigens wieder – wenn sich unsere U19-Teams bekriegen.

Wie ärgerlich ist es, wenn man ein Talent an den Lokalrivalen verliert?

Van Lent:Die Sache mit Andi Hirtlreiter?

Köllner:So ist das Geschäft. Ich hätte ihn gerne behalten, aber der Spieler hat sich für Haching entschieden.

Schmidt: Eigentlich Wahnsinn, dass ein Sechzig-Talent nach Haching wechselt, das hätte es vor zehn Jahren niemals gegeben!

Van Lent: Spricht für unsere Arbeit in Unterhaching.

Apropos Haching. Laut Präsident Manni Schwabl soll es dort ja künftig keinen Streichelzoo mehr geben. Auch deswegen wurden Sie geholt, Herr van Lent. Wie oft mussten Sie die Peitsche denn schon auspacken?

Van Lent:Bisher gar nicht. Die Mannschaft hat sich vorbildlich reingehängt. Ich denke, der Manni wollte einfach was verändern. Er war es satt, wie es manchmal in der Rückrunde gelaufen ist, aber das hat nichts mit Claus (Schromm) zu tun. Keiner braucht einen Trainer, der ständig draußen rumschreit, aber vielleicht einen, der auch mal verbal die Peitsche rausholt.

Auch Sie, Herr Seitz, waren bei Haching im Gespräch.

Seitz: Mit dem Manni (Schwabl) habe ich ja damals in Nürnberg gespielt. Beziehungsweise: Der Manni hat gespielt – ich war eher der, der von der Tribüne zugeschaut hat. Auch zu Claus Schromm habe ich schon seit vielen Jahren ein sehr enges Verhältnis. Wir führen immer mal wieder Gespräche, aber es war in dem Fall nichts Konkretes. Außerdem bin ich mit meiner Aufgabe beim FC Bayern absolut zufrieden und denke an nichts anderes. Ich bin dankbar und froh, für diesen großartigen Club arbeiten zu können.

Künftig gibt es ja eine Flut an Derbys. Wie viele der 18 möglichen Punkte gegen die Lokalrivalen haben Sie eingeplant, Herr Köllner?

Köllner:Noch gar keine, denn jetzt gibt es erst mal drei in Meppen zu vergeben, an der holländischen Grenze. Das wird schwer genug. Die Derbys sind noch ganz weit weg für mich.

Stadtmeister will man aber schon werden, oder?

Van Lent:Ich glaube, es täte jedem von uns gut, wenn er zwischendurch mal ein Derby gewinnen würde.

Köllner:Es bringt keinem was, Stadtmeister zu werden – und dann abzusteigen (lacht).

Van Lent: In Haching stapeln wir gerne tief, deswegen freuen wir uns, wenn wir die Großen ärgern können.

Schmidt:Fühlt ihr euch als die Kleinen?

Van Lent: Nein, wir sind total selbstbewusst. Aber vom Westen aus betrachtet stehen Vereine wie Bayern und 1860 mehr im Fokus. Tradition verpflichtet. Und wenn dann nach drei Spielen alles wieder infrage gestellt wird, ist das lustig – und man freut sich, wenn man selbst nicht davon betroffen ist. Haching wirkt gemütlicher, im positiven Sinne.

Sind Derbys für Türkgücü die einfachste Gelegenheit, sich Respekt zu verschaffen und als Neuling ernst genommen zu werden?

Schmidt: Es sind natürlich besondere Spiele. Sicher kann man sich in Derby profilieren, aber unter dem Strich geht es auch nur um drei Punkte. Was bringt es mir, wenn ich Bayern schlage und dann die Woche drauf gegen Verl verliere?

Wenig, wenn man sich das Ziel 2. Liga ausgibt . . .

Schmidt:2. Liga? Das Wort nehme ich nicht mal in den Mund. Erst mal müssen wir in der 3. Liga ankommen. Aber klar: Hohe Ziele sind mir lieber, als wenn es so vor sich hin dümpelt und man jedes Jahr mit Platz zehn zufrieden ist. Mein Gott: Bei Türkgücü sind halt Emotionen drin – das kann man ja auch positiv sehen. Wenn ich zum Präsidenten gehe und sage: Da gibt’s einen Spieler, den hätte ich gerne, aber den können wir uns wahrscheinlich nicht leisten, dann sagt er: Wie? Was heißt da, den können wir uns nicht leisten? Solche Aussagen will er gar nicht hören. Man braucht diese fußballverrückten Sponsoren, wenn man nicht gerade Bayern ist.

Van Lent:Das verbindet uns ja: dass wir Leute um uns herum haben, die total fußballbegeistert sind und unbedingt hochwollen. Schau nach Sechzig: Die müssen eigentlich jedes Jahr hoch und hätten schon längst Champions League spielen müssen.

Dagegen ist Haching eine Oase, oder?

Van Lent:Der Manni hat schon auch seine Ziele. Wenn er sagt: Wir wollen in die 2. Liga, dann weiß er aber im nächsten Atemzug, dass das nicht so leicht zu erreichen ist. Um das zu garantieren, müssten wir soundso viele Erstligaspieler verpflichten, das ist aber unmöglich.

Stichwort Aufstieg, Herr Seitz: Bayern darf bekanntlich nicht, aber die drei Kollegen. Wem trauen Sie es am ehesten zu mit seinem Verein?

Seitz: Um das seriös zu beantworten, müsste ich jedes Training meiner Kollegen sehen, dazu reicht die Zeit leider nicht. Die Liga ist insgesamt auch zu unberechenbar. Das hat man ja letzte Saison an uns selber gesehen. Wir haben schwer reingefunden, Mitte der Hinrunde hatten wir eine schwierige Situation – und am Schluss waren wir Erster, zu unserer eigenen Überraschung.

Anders gefragt: Welchen Lokalrivalen fürchten Sie am meisten?

Seitz:Wir fürchten uns vor keiner Mannschaft, auch nicht in den Derbys. Gegen Arie hab ich schon gespielt (1:1 im Test). Michael kenne ich ewig. Und der Alex hat auch wahnsinnig viel Erfahrung. Fakt ist: Meine Mannschaft hat von allen die wenigste Erfahrung…

Schmidt:Die wenigste Erfahrung, aber den höchsten Marktwert(grinst).

Seitz: Die Jungs sind hochtalentiert, das ist unbestritten, aber wenn ich zum Beispiel bei 1860 reinschaue: Da stürmt ein Mölders, was mich riesig freut, weil es genau das ist, was meine Jungs benötigen. Das wird eine riesige Herausforderung für meine Innenverteidiger.

Ein bisschen Erfahrung hat Bayern aber auch.

Köllner:Timo Kern.

Schmidt:Nicolas Feldhahn.

Seitz:Und Maxi Welzmüller, Fiete Arp und Thorben Hoffmann. Fiete und Thorben sind zwar noch deutlich jünger als die anderen drei, haben aber auch schon viel Erfahrung im Profifußball gesammelt.

Van Lent:Ich weiß, was Holger meint. Im Testspiel nehmen sie uns in der ersten halben Stunde auseinander, und am Ende müssen sie froh sein, dass es 1:1 ausgeht. Typisch für eine U 23.

Seitz:Ein sinnbildliches Spiel für das, was uns bevorstehen könnte. Da Konstanz reinzubekommen, ist das große Thema. Eine spannende Aufgabe, denn wenn die Jungs einen Flow entwickeln, sind sie brutal gefährlich.

Typisch für junge Spieler sind auch deren Aktivitäten in den sozialen Medien. Schaut man da als Trainer heimlich rein?

Köllner: Ich selber bin weder bei Instagram noch bei Facebook und Twitter, aber meine beiden Söhne spielen mir manchmal Informationen zu.

Van Lent: Meine Töchter auch – deswegen weiß ich alles. Köllner:Grundsätzlich sind mir Aktivitäten in den sozialen Medien nicht wichtig – es sei denn, ein Spieler würde total abdriften, den Teamgeist verletzen oder sich vereinsschädigend äußern. Nur dann würde ich da einschreiten.

Ein Like vom Trainer wird es also eher nicht geben?

Köllner: Wie denn? Ich bin nur bei Xing und LinkedIn. Einmal wollte ich da einen Beitrag auf meine Startseite stellen, bin aber jämmerlich gescheitert und hab nach einer Stunde aufgegeben. Ich kenn’ mich leider mit dem ganzen Zeug nicht aus.

Zurück zum Sport: Wo sieht sich die Trainerrunde am Saisonende?

Van Lent: Auf einem einstelligen Tabellenplatz, das ist unser Ziel. Alles andere kannst du in dieser Liga nicht vorhersagen.
Schmidt: Wir wollen uns etablieren und nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Unsere langfristigen Ziele sind natürlich höher, aber für mich zählt jetzt erst mal der Start – das wird schwer genug.

Köllner: So ist es. Gefühlt hat Sechzig in der 3. Liga nichts verloren, das höre ich hier praktisch jeden Tag. Aber vom Reden ist noch keiner aufgestiegen. Wir haben eine gute Mischung, sind richtig gut vorbereitet. Müssen wir auch sein, denn wir spielen ja ausnahmsweise den Winter durch. Natürlich wünscht man sich, dass man besser abschneidet als letztes Jahr. Da waren wir Achter, also müssen wir jetzt Siebter werden (grinst). Aber jetzt lassen wir die Spiele mal beginnen.

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