Der erste Löwe schlägt Alarm

Liendl stellt die Qualitätsfrage

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Trainer Benno Möhlmann redete nach dem Schlusspfiff auf Michael Liendl ein.

Berlin - Die Niederlage gegen Union Berlin trifft die Löwen bis ins Mark. Neun Punkte sind es auf einen Nichtabstiegsplatz. Nun schlägt der erste Alarm.

Ein kräftiger Tritt gegen die Werbebande – das war Bobby Woods letzter Beitrag in einem Spiel, das nicht nur für ihn selber spezielle Bedeutung hatte. Der Ex-Löwe hatte gekämpft und gerackert, gut gespielt, ein Tor geschossen. Jetzt, in der 89. Minute, hatte er eine letzte dicke Chancen vergeben. Es wäre das 4:0 gewesen – da wollte einer mehr. Wie überhaupt alle Berliner entschlossener wirkten, gieriger auf die drei Punkte. Die Gäste? Start verschlafen, zu viele Chancen zugelassen, die eigenen vergeben – wie schon gegen Nürnberg (0:1). Der erste Kommentar von 1860-Trainer Benno Möhlmann nach der 0:3-Pleite: „Scheiße . . . Weil schade untertrieben wäre.“

Der beste Löwe spielte beim Gegner: US-Nationalstürmer Bobby Wood, ausgebildet bei 1860, legte erschreckend viele Lücken in der Münchner Defensive offen. In dieser Szene konnte Stefan Ortega einen Wood-Treffer gerade noch verhindern – später nicht mehr.

Ein Blick auf die Tabelle verdeutlicht die missliche Lage, in die sich die zahnlosen Löwen hineinmanövriert haben. Zwar verloren auch Paderborn und Duisburg, doch Düsseldorf schaffte mit dem Ex-Löwen Marco Kurz eine Überraschung in Freiburg, was bedeutet, dass Nichtabstiegsplatz 15 für den Moment in unerreichbare Ferne gerückt ist. Neun Punkte Rückstand sind es bereits – und Michael Liendl, gestern einer der besseren Löwen (zusammen mit Ortega, Adlung, Aycicek), klang entsprechend demoralisiert. „Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis da unten mal einer gewinnt“, sagte er mit leichter Resignation in der Stimme. „Irgendwer in der Liga muss ja mal gewinnen, wenn wir es nicht schaffen. Wenn wir nie ein Tor schießen, dann werden wir kein Spiel gewinnen.“ Von einem weiteren „großen Dämpfer“ sprach der Spielgestalter aus Graz: „Das klingt jetzt zwar blöd, aber wir haben zweimal gut gespielt, unter dem Strich stehen wir aber mit null Punkten da. Es ist sehr schwer, da momentan etwas Positives zu finden.“

Vor allem, wenn man den Ernst der Lage offensichtlich nicht erkannt hat. Anders ist der Mangel an Körperspannung kaum zu erklären, der die Löwen schon nach sechs Minuten folgenschwer ins Hintertreffen brachte. Felix Kroos, den auch 1860 gerne geholt hätte, tunnelte Jan Mauersberger, hatte danach freie Bahn. Ein kurzer Blick, ein platzierter Fernschuss – 1:0. „Als ob wir uns gar nicht aufgewärmt hätten“, grollte Möhlmann und sprach auch die nachfolgende Chance von Wood (8.) an, die Stefan Ortega in höchster Not vereitelte: „Da haben wir es nur dem Torwart zu verdanken, dass es beim 0:1 geblieben ist.“

Fünf Mal Note 5: So schlecht war Sechzig

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Von Minute 15 bis 80 dann: Leichte optische Überlegenheit der Möhlmann-Elf, hier und da eine Torannäherung, bis auf Levent Ayciceks Pfostenschuss (42.) jedoch nichts Zwingendes. Exemplarisch für die Schaffenskrise der Löwen-Offensive war die vorentscheidende Phase zehn Minuten vor Schluss. Zunächst vergab der gestern nur eingewechselte Rubin Okotie freistehend das 1:1. Im Gegenzug zeigte Wood dann, wie man einen Big Point setzt: Energisches Solo, 1860-Kapitän Schindler machtlos gegen so viel geballte Willenskraft – das 2:0. Doch damit nicht genug der Demütigung. Damir Kreilach setzte kurz darauf das 3:0 drauf – mit der Hacke.

Haben sich die Löwen was vorgemacht, als sie sich nach groß angelegter Einkaufstour im Aufwind wähnten?„Vorne fehlt uns die Kaltschnäuzigkeit, die Cleverness“, schlug Liendl nachdenkliche Töne an: „Teilweise muss man sagen, dass wir vor dem Tor nicht die nötige Ruhe oder Qualität haben.“ Das sei nicht als Seitenhieb gegen die Stürmer gemeint. Aber, betonte er: „Wenn du in zwei Spielen gefühlte zehn hundertprozentige Chancen hast und kein Tor machst, dann liegt’s halt nicht immer nur am Pech.“

Eine durchaus realistische Einschätzung, und realistisch betrachtet kann es für 1860 ab sofort nur noch ein Ziel geben: Platz 16. „Wir sind noch nicht so weit, dass unsere Zuversicht schwindet“, gibt sich Möhlmann kämpferisch. Liendl, der Realist, stellt sich dagegen bereits auf eine Saisonverlängerung ein: „Es ist nach wie vor so, dass wir nicht weit weg sind vom Relegationsplatz (3 Punkte/Red.) – den müssen wir jetzt mit aller Gewalt versuchen zu holen. Dazu gehören Tore, Siege – und wenn wir das nicht bald schaffen, dann sind irgendwann keine Spiele mehr übrig.“ Beim Heim-Doppelpack gegen Bochum (Sonntag) und Düsseldorf (27. Februar) geht es jetzt fast schon um alles.

Ticker zum Nachlesen: Den Deckel drauf macht ... Bobby Wood

Uli Kellner

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