"Ich erkenne bei Bayern viel von 1860 wieder"

München - Er ist wohl einer der größten und mit Sicherheit einer der witzigsten Löwenfans der bekannten Welt: Achim "Sechzig" Bogdahn (45). Im tz-Interview nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Achim „Sechzig“ Bogdahn: Löwenfan, Scholl-Spezl und Radio-Legende bei Bayern 2

Dass der Bayern2-Journalist (Zündfunk, Tagesgespräch, Eins zu Eins. Der Talk, Nachtmix) auch mit andersdenkenden Fußballern zurecht kommt, beweist er seit zwei Jahren in seiner Musiksendung mit Mehmet Scholl. Am Freitag um 23.05 Uhr ist wieder Zeit für „Mehmets Schollplatten“.
Mit der tz sprach Bogdahn über die Lage bei 1860 aus Fan-Sicht – und nahm kein Blatt vor den Mund.

Achim Sechzig, steht Ihr Wunsch-Künstlername mittlerweile in Ihrem Pass?

Bogdahn: Noch nicht. Ich sammle immer noch Dokumente, die beweisen, dass ich als Achim Sechzig bekannt bin. Das muss ich über mehrere Jahre nachweisen, bevor ich den Künstlernamen beim Kreisverwaltungsreferat eintragen lassen kann. Dieses Interview ist also vielleicht auch eine Hilfe für mich.

Die Idee einer Komplett-Umbenennung in 1860 München haben Sie aufgegeben?

Bogdahn: Ja, damit hätte ich hier keine Chance. Es gab ja vor einigen Jahren diese Geschichte mit einem bulgarischen Fan namens Martin Sdravov, der es geschafft hat, dass er nun mit Vornamen „Manchester“ und mit Nachnamen „United“ heißt. Mir würde auch schon der Künstlername „Sechzig“ reichen.

Zum Ernst des Lebens: Wie schwer ist es in diesen Tagen Löwenfan zu sein?

Bogdahn: Es war ja noch nie leicht, Löwenfan zu sein. Das letzte Mal leicht war es wahrscheinlich 1966, als wir Meister waren. Insofern ist das eigentlich das alltägliche Bild. Man wird bemitleidet, wurde bemitleidet und wird bemitleidet werden. So ist das Leben als Löwenfan. Wir sind ja keine Erfolgsfans.

Was auch kurios wäre bei sieben Jahren zweiter Liga.

Bogdahn: Die sportliche Situation ist niederschmetternd. Wir sind nicht die graue, sondern die blaue Maus. Seit Jahren geht nichts nach oben und die Zuschauer werden immer weniger. Aber das allüberragende Thema ist natürlich die Finanzsituation. Ich kann mir gut vorstellen, dass es die Sechziger in einem Jahr so nicht mehr gibt.

Mangels Lizenz.

Bogdahn: Ich kenne Fans, die warten nur noch auf den Gnadenschuss und wären auch nicht besonders traurig darüber, wenn 1860 tieferklassig im Grünwalder spielen würde.

Insolvenz als Lösung – ist das auch Ihre Meinung?

Bogdahn: Ich hab keine Lösung anzubieten. Das Schlimmste sind diese erdrückenden Mietkosten in Fröttmaning und dieses offensichtlich viel zu große Stadion. So lange das so ist und so lange jeder Spieler, der fünf gute Spiele gemacht hat, schon Dortmund gehört oder Hoffenheim, solange gibt es auch keine Perspektive. Eigentlich könnte man Depressionen bekommen, wenn man’s nicht gewohnt wäre bei 1860.

Gehen Sie noch ins Stadion?

Bogdahn: Selten. Ich schau, dass ich oft zu den Amateuren rausgeh’, ich war auch schon bei einigen Auswärtsspielen in dieser Saison. Es ist einfach bitter in der Arena. Und es war zu befürchten, dass es so kommt. Ich bin an dem Tag aus dem Verein ausgetreten, als beschlossen wurde, dieses Stadion zu bauen. Ich habe kürzlich meinen offenen Brief an Karl-Heinz Wildmoser wieder gefunden. Damals habe ich ihm geschrieben, dass ich glaube, dass diese Arena die Löwen finanziell und ideell auf alle Zeiten ruinieren wird. Das war 2001. Jetzt sind wir zehn Jahre später. Ich bin ein Prophet! (lacht).

Wie lange geben Sie dem aktuellen Führungsduo Schneider/Schäfer?

Bogdahn: Zuletzt war’s ja ein Kommen und Gehen wie in einer Soap. Kaum hast du ein paar Mal nicht eingeschaltet, weißt du nicht mehr, wer wer ist. Bei Schneider kann ich mir noch kein wirkliches Urteil bilden, Schäfer wird wohl nicht lange überleben. Ich habe Interviews mit ihm gelesen, die mir nicht gefallen haben. Das ist Business-Sprache. Der trägt den Löwen nicht im Herzen.

Schleudersitz 1860: Welche (Ex-) Funktionäre der vergangenen sieben Jahre kennen Sie?

Strec

Wer gefällt Ihnen denn vom aktuellen Personal?

Bogdahn: Reiner Maurer. So lange er Trainer bleibt, hab’ ich noch ein kleines bisschen Hoffnung. Von ihm halte ich sehr viel – und viele andere Fans auch. Er holt das Maximum raus aus der Situation, es könnte wesentlich schlimmer sein bei den ganzen Punkt- , Gehalts- und Spielerabzügen.

Laut Miki Stevic wäre mehr dringewesen in dieser Saison.

Bogdahn: Zu Stevic sage ich nur: Sven Bender gegen Antonio Rukavina. Was für eine kolossale Katastrophe! Einen unfassbar talentierten Mann im Tausch gegen einen durchschnittlichen Rechtsverteidiger, der vielleicht mal Nationalspieler in Serbien war. Kommentar Ende.

Soll der Verein mit Benny Lauth verlängern?

Bogdahn: Wenn Lauth geht, hätte man nur noch Volland auf Abruf, eventuell Schäffler wieder und einen Rakic, der seit tausend Minuten nicht mehr getroffen hat. Ich würde sehr hoffen, dass Lauth bei uns bleiben kann, zumal er ja auch nie irgendwo gut war außer bei 1860.

Inwiefern lindert es das Löwenleid, dass beim FC Bayern derzeit auch nicht alles nach Plan läuft?

Bogdahn: Ich amüsiere mich, weil ich manches dort wiedererkenne von den Sechzgern, nur auf einer viel teureren Ebene. Zum Beispiel das Scheitern jetzt gegen Dortmund. Für Bayernfans ist es viel schwieriger, das auszuhalten, was sie grad in der Liga erleben, als für uns bei 1860. Wir kennen das ja. Klingt das jetzt sehr deprimiert?

Überläufer! Spieler, die bei beiden Münchner Vereinen kickten

Strec

Durchaus, ja.

Bogdahn: Dann muss ich noch was hinzufügen. Bei all der Misere bin ich nicht so tieftraurig, weil ich weiß, wir können gar nicht untergehen. Wir sind der Löwe, uns wird’s immer geben, egal wo. Wer Löwenfan ist, wer sich das antut, der kann einiges aushalten. Nein: alles.

Interview: lk

Rubriklistenbild: © sampics

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