Relegation

ARD-Frau Scharf: Es wird ganz eng für die Löwen

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"Es wird eine ganz enge Kiste", sagt Sportschau-Moderatorin Julia Scharf vorm Relegationsduell zwischen den Löwen und Holstein Kiel.

München - Sportschau-Moderatorin Julia Scharf spricht im Exklusiv-Interview über die aktuelle Lage beim TSV 1860, das Relegationsduell mit Holstein Kiel und erklärt, warum ein möglicher Abstieg auch Chance auf einen Neuanfang sein kann.

Frau Scharf, rot oder blau - wie stehen Sie als Münchnerin zum TSV 1860?

Prinzipiell bin ich beiden Münchner Vereinen gegenüber erstmal neutral eingestellt. (lacht) Aber während meiner Arbeit für die TZ und den Münchner Merkur (Anm. der Red.: Julia Scharf volontierte vor ihren Engagements bei SPORT1 und der ARD bei der Münchner Mediengruppe) war ich früher eigentlich fast täglich an der Grünwalder Straße, um über die Löwen zu berichten. Ich habe also schon viele Auf's und Ab's, Trainer- und Präsidentenwechsel bei dem Klub hautnah miterlebt und weiß daher auch, wie „hektisch“ es bei den Löwen ab und an zugeht.

Ich erinnere mich aber immer gerne an positive Erlebnisse zurück, wie zum Beispiel die Euphorie und den tollen Empfang, den die 60-Fans den Bender-Zwillingen machten, als sie 2008 als U19-Europameister an die Grünwalder Straße zurückkehrten. Oder auch Kevin Volland, den ich seit seiner Zeit bei den Löwen kenne und mittlerweile durch meine Arbeit bei der ARD und dem SWR auch in Hoffenheim auf seinem Karriereweg begleiten durfte.

Sie sprechen Spieler an, deren Weg von den Löwen mittlerweile in die Bundesliga und sogar die Nationalmannschaft führte. Gerade erst wurde bekannt, dass es auch Löwen-Juwel Julian Weigl zum Saisonende Richtung Dortmund zieht – warum schafft es der Klub nicht, vielversprechende Talente wie Weigl in München zu halten? 

Die Löwen hatten schon immer eine starke Jugendarbeit und haben Jungs mit viel Potenzial nach oben gebracht. Aber es ist natürlich ein fieser Kreislauf: Du kannst diese Talente nur halten, wenn Du ihnen auch eine sportliche Perspektive bietest – und der Sprung zum Stammspieler in Liga 2 ist da in den letzten Jahren bei 1860 einfach das Maximum gewesen. Den nächsten Schritt konnten diese Spieler bei den Löwen nicht gehen. Dann ist es natürlich Aufgabe der sportlichen Führung, die Verträge wenigstens so zu gestalten, dass am Ende im Fall eines Abgangs wenigstens etwas für den Klub dabei rausspringt und man sinnvoll weiter investieren kann – auch das ist bei 1860 leider nicht immer der Fall gewesen.

Zuletzt fanden rund 70.000 Zuschauer den Weg in die Arena, um die Mannschaft im Abstiegskampf zu unterstützen – Klub und Umfeld bergen enorm viel Potenzial ... 

Das stimmt, allerdings sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu viele Fehler gemacht, es ist zu viel experimentiert worden – und zwar ohne dass dabei langfristig eine klare Linie erkennbar war. Ein bisschen Fußball-Fan zu sein reicht zum Beispiel nicht aus, um als Präsident einen Verein zu führen. Hinzu kommt natürlich, dass Du als Löwe einen zweiten großen Verein in der Stadt hast, der über Jahrzehnte hinweg zu den Top 3 in Europa gehört und extrem viel an Aufmerksamkeit, an Sponsoren und an Fan-Potenzial abzieht. Allein dadurch stehst Du ständig im Fokus, im öffentlichen Vergleich und entsprechend dauerhaft unter Zugzwang – diesen Kreislauf und diese Ungleichheit kannst Du natürlich nur schwer durchbrechen.

München bangt in diesen Tagen um den Traditionsverein – wie erleben Sie aktuell die Stimmung in der Stadt?

Ich erlebe die Anspannung und das direkte Duell momentan sogar hautnah – und zwar insbesondere durch meine Nachbarn: Der eine ist der größte 1860-Fan, den ich kenne, der andere stammt aus Kiel und hat bis zur Regionalliga selbst bei Holstein gespielt. Das ist also derzeit eine sehr kuriose und brisante Konstellation - zumal die beiden extrem gut befreundet sind. Sie wollen definitiv am Dienstag beim Rückspiel gemeinsam in die Arena gehen – aber vermutlich werden sie sie nicht zusammen verlassen … (lacht) 

Unter Löwen-Fans gibt es Stimmen, die eine Art „Selbstreinigung“ durch Abstieg und in dessen Konsequenz einen sportlichen und wirtschaftlichen Neuaufbau befürworten würden. 

Ganz neutral gesagt: Die Stadt braucht 1860 nicht unbedingt in der 2. Bundesliga. München hat einen sehr starken Bundesligisten und zudem zahlreiche andere Sportarten, in denen man erstklassig ist. Das Beispiel Karlsruher SC hat jüngst gezeigt, dass so ein Neuaufbau nach einem Abstieg durchaus erfolgreich funktionieren kann. Nach der verlorenen Relegation gegen Regensburg 2012 stand der Klub vor dem Abgrund – jetzt sind sie zurück und schnuppern nach nur drei Jahren wieder am Oberhaus. Wenn man ruhig, überlegt und mit der richtigen Strategie weiterarbeitet, kann so etwas funktionieren. Ich kann also durchaus nachvollziehen, wenn einige Löwen-Fans dieser Meinung sind und einen möglichen Abstieg auch als Chance sehen. Und die „echten“ Anhänger werden den Klub auch in der 3. Liga unterstützen.

Macht man es sich mit dieser Wunschvorstellung nicht zu einfach? 

Natürlich darf man die Begriffe „Selbstreinigung“ und „Neuaufbau“ nicht verherrlichen - das Risiko, auf längere Zeit in der Versenkung zu verschwinden ist extrem. Allein durch die wegfallenden Fernsehgelder verliert man enorm viel finanzielles Potenzial. Zudem würde die U21 aus der Regionalliga zurückgestuft werden, was natürlich eine zusätzliche Bestrafung ist und dem Nachwuchs wiederum weniger Perspektive bietet, auf einem gewissen Level zu spielen, schnell hochgezogen zu werden und den Sprung zu den Profis zu schaffen. So ein Neuaufbau hört sich zunächst einmal immer gut an – aber es ist sicherlich nicht so einfach, wie sich das manch einer vorstellt und birgt wie gesagt enorme Risiken.

Sportlich wussten die Löwen zuletzt nicht zu überzeugen – wie schätzen Sie die Chance ein, aus den beiden Partien gegen Kiel am Ende als Sieger hervorzugehen und die Klasse zu halten? 

Ich gebe zu, dass ich Holstein nicht gut genug kenne, als dass ich mich zu einem abschließenden Tipp hinreißen lassen würde. Aber man hört und liest insbesondere in den vergangenen Tagen sehr viel über den angeblichen Zustand der Mannschaft von Torsten Fröhling und darüber, dass sowohl die Stimmung innerhalb der Mannschaft, als auch das Verhältnis zur sportlichen Führung um Gerhard Poschner angeknackst ist. Ich halte vor diesem Hintergrund auch die Maßnahme, schon ein paar Tage vor dem Hinspiel in den Norden zu reisen, um dort vielleicht ein wenig mehr Ruhe zu haben und Kraft zu tanken, für sinnvoll.

Trotzdem: Eine Mannschaft, die offenbar in ihren Grundfesten zerfallen und angeschlagen ist und zahlreiche Negativerlebnisse hinnehmen musste, wird es insbesondere in solchen entscheidenden Spielen wie jetzt schwer haben. Selbst wenn die individuelle Klasse der Löwen sicherlich höher einzuschätzen ist, als jene von Kiel, kann so ein aufstrebender Drittligist mit Rückenwind und Teamgeist natürlich viel kompensieren und leisten. Das Heimrecht im Rückspiel ist sicherlich ein Vorteil für Sechzig, aber ich denke, es wird eine ganz enge Kiste werden!

Sind Sie am Dienstag im Stadion?

Ich werde es leider nicht schaffen, da die kommenden Tage sehr eng getaktet sind. Ab Freitag bin ich für die ARD in Berlin und berichte am Wochenende vom Pokalfinale, unter Umständen steht dann am Sonntag noch eine Sondersendung in Dortmund auf dem Programm ... (lacht). Und am Montag geht es direkt zum Relegationsrückspiel der Bundesliga nach Karlsruhe, wo ich den KSC vermutlich auch am Tag danach noch begleiten werde. Daher schaffe ich es leider nicht, gegen Kiel dabei zu sein.

Interview: Thomas Deterding

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