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Bierofka: „Mich schockt nichts mehr“

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Von: Armin Gibis, Ludwig Krammer, Florian Fussek

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Regional Liga Bayern TSV 1860 München - Greuther Fürth 2Saison 2017 / 2018
Sechzig-Coach Daniel Bierofka während der Partie gegen Fürth in seinem Element. © sampics / Stefan Matzke

Im großen tz-Interview spricht der Löwen-Trainer über den derzeitigen Löwen-Hype, seinen eigenen Karriereplan und den Reha-Verlauf von Timo Gebhart.

München - Als Daniel Bierofka vor drei Monaten das Amt des Cheftrainers übernahm, konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, es handle sich um ein Himmelfahrtskommando. Nach dem Jahrhundert-Abstieg schien der TSV 1860 in Trümmern zu liegen. Die ganze Mannschaft war weg, ebenso der Präsident, der Geschäftsführer, der´bisherige Coach. Die Insolvenz drohte. Inzwischen haben die Löwen in der Regionalliga ihr neues kleines Glück gefunden. Die Mannschaft ist Tabellenführer, die Krisenstimmung verflogen, das Grünwalder Stadion stets ausverkauft. Vor dem Gastspiel beim Tabellenletzten FC Unterföhring unterhielt sich unsere Zeitung mit Chefcoach Bierofka – also mit dem Mann, der großen Anteil hat am nicht unbedingt zu erwartenden Aufwärtstrend.

Herr Bierofka, Ihre Mannschaft steht souverän auf Tabellenplatz eins. Trotzdem erlebt man Sie hier bei 1860 meistens total unter Strom. Wie stressig ist der Cheftrainer-Posten bei den Löwen?

Bierofka: Es ist einfach in mir drin und sieht manchmal vielleicht wilder aus als es ist. Ab und zu kommt der Spieler in mir noch durch, ich bin ja erst seit drei Jahren raus.

Durch die Erfolgsserie ist ein regelrechter Hype um Sechzig entstanden und die Verkörperung sind Sie. Ist das eine Belastung?

Bierofka: Ich bin jetzt so lange dabei, dass ich weiß, wie die Dinge einzuordnen sind. Wenn du gewinnst, ist alles gut und bei zwei Unentschieden wird schon alles infrage gestellt. Ich habe Leute um mich rum, meinen Trainerstab, meine Familie, die mir ein Feedback geben, auf das ich mich verlassen kann.

Die Konzentration auf Ihre Person ist ja auch einem Mangel an Alternativen geschuldet. Außer Ihnen ist niemand regelmäßig in den Medien präsent. Würden Sie die Installation eines Sportdirektors begrüßen?

Bierofka: Ich habe mit Herrn Fauser (Geschäftsführer, d. Red.) darüber gesprochen, dieses Jahr wird da nichts mehr passieren. Die große Transferperiode haben wir jetzt hinter uns, von daher passt es im Moment.

Der Verein lag vor drei Monaten in Trümmern, jetzt herrscht in Giesing und Umgebung eine überwiegend positive Stimmung. Wie war das möglich?

Bierofka: Im Unterschied zur letzten Saison sind Leidenschaft und Identifikation wieder da, die Jungs schmeißen ihr Herz auf den Rasen. Ich habe bis jetzt noch keinen einzigen Pfiff gegen uns gehört. Dass die Fans so hinter der Mannschaft stehen, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt bei Sechzig.

Es gibt auch Stimmen, die das Ganze als Selbstläufer betrachten. Da reagieren Sie allergisch.

Bierofka: Ja, weil ich die Liga kenne. Man sieht’s an Schweinfurt, die jetzt ein paar Mal Unentschieden gespielt haben. Oder unser Spiel in Seligenporten. Da hatten wir viel mehr Chancen und spielen 0:0. Was uns im Moment ein bisschen abhebt von den anderen Mannschaften, ist die Stabilität in der Defensive. Und vorne haben wir die Qualität, immer ein Tor machen zu können.

Mit fünf Punkten Vorsprung nach elf Spielen hätten Sie trotzdem nicht gerechnet, oder?

Bierofka: Nein. Aber Selbstzufriedenheit wäre der Anfang vom Ende. Fünf Punkte, das ist einmal verlieren und einmal Unentschieden.

Sie müssen sich langsam vorkommen wie Matthias Sammer beim FC Bayern. Immer mahnend den Finger in die Wunde…

Bierofka: Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer selbstkritisch war und nie in Gefahr, abzuheben. Natürlich lobe ich meine Spieler und sage, was gut war. Aber ich zeige ihnen auch gnadenlos auf, was schlecht war, egal ob wir gewinnen oder verlieren.

Man liest in Internet-Kommentaren oft: Der Bierofka jammert auf hohem Niveau.

Bierofka: Ich jammere nicht. Das kommt wahrscheinlich von denen, die von den nackerten Weißwürsten träumen.

„Karriereplan? Hab ich längst über den Haufen geschmissen“

Eine der positivsten Überraschungen der bisherigen Saison war der aktuell verletzte Timo Gebhart. Wie haben Sie ihn so schnell hinbekommen?

Bierofka: Durch Training (lacht). Ich kenne den Timo ja schon lange. Als ich mit 27 aus Stuttgart zurück zu Sechzig gekommen bin, ist er gerade von der U 19 hochgekommen. Damals drehte sich alles um die Benders, aber nach dem ersten Training bin ich zu unserem Zeugwart Wolfi Fendt gegangen und hab gefragt: Was ist denn das für einer? Der ist ja überragend! Und dann hat sich mit der Zeit so eine Beziehung entwickelt, weil ich mich als erfahrener Profi auch besonders um die jungen Spieler gekümmert habe. Diese Verbindung hat bis heute gehalten, wir wissen, was wir aneinander haben. Wenn ich ihm ab und zu eine drüberknalle, dann weiß er, wie er das zu nehmen hat. Beim Timo gehört das dazu, weil er halt manchmal ein bissl ein Luftikus ist. Er weiß ganz genau, dass ich nur das Beste für ihn will. Und wenn ich sehe, was er für ein Potenzial hat, dann ist das jeden Tag ein brutaler Ansporn für mich, das Maximale aus ihm herauszuholen.

Wie ist Gebharts Stand in der Reha?

Bierofka: Er fährt Rad und ist schon relativ weit. Der eine oder andere Einsatz vor der Winterpause ist vielleicht noch möglich, aber wir werden auf keinen Fall irgendein Risiko eingehen.

Überrascht es Sie, dass die Mannschaft Gebharts Ausfall bislang so gut weggesteckt hat?

Bierofka: Timo ist ein Entscheider, keine Frage, aber ich habe auch gelernt, dass eine Mannschaft in solchen Situationen zusammenrücken kann und eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt. Ugur Türk, Nico Andermatt, Aaron Berzel, Nico Karger, Markus Ziereis – man sieht, dass die Jungs beweisen wollen, dass unser Erfolg nicht nur von Timo abhängt.

Sie erwähnten kürzlich, sich sportlich an Trainern wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco zu orientieren. Gilt das auch in Sachen Karriereplan? Bei Ihnen hat man den Eindruck, Sie seien mit Sechzig verheiratet.

Bierofka: Ach, meinen Karriereplan hab ich eh längst über den Haufen geschmissen (lacht). Manchmal denke ich, dass ich schon seit 13 Jahren Trainer bin, nicht erst seit drei. Zweimal Interimstrainer in der Zweiten Liga, mit der jüngsten U 21 der Regionalliga Zweiter geworden, jetzt Cheftrainer der ersten Mannschaft. Das hat mich als Mensch schon ex­trem geprägt. Und ich glaube, dass ich mich als Trainer ganz gut entwickelt habe. Im heutigen Fußball kann man sowieso nicht sagen, ich bleibe mein Leben lang im selben Verein. Schauen wir mal, was die Zukunft bringt.

So viel Erfahrung in so kurzer Zeit dürften nur wenige Trainer gesammelt haben…

Bierofka: Die drei Jahre waren wie ein Turbo. Wenn du einen Traditionsverein vor dem Abstieg in die Dritte Liga retten musst oder jetzt nach einem Totalabsturz den Neuaufbau angehst, dann kann dich eigentlich nichts mehr schocken. Ich bin ruhiger geworden, auch wenn’s manchmal nicht so ausschaut.

Bei 1860 ist viel vom „Projekt“ die Rede. Worin besteht das?

Bierofka: Ich hasse das Wort Projekt. Das hat für mich etwas ganz Kaltes und passt nicht dazu, wie ich Sechzig sehe. Für mich ist dieser Verein pure Leidenschaft. Man braucht natürlich gewisse Orientierungspunkte, aber Fußball ist unheimlich schwer planbar. Für mich ist wichtig, mit Charakter zu spielen, damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder nach oben kommen.

An der Leidenschaft gibt es keinen Zweifel. Wann wird es Zeit, die nächsten Ziele zu formulieren?

Bierofka: Wenn wir gegen Ende der Saison ganz weit oben stehen. Dann können wir sagen, dass wir jetzt Platz eins angreifen oder verteidigen wollen.

„Die Spieler aus der U 21 verdienen 1600 Euro brutto“

Mit Schweinfurt, Bayern, Augsburg und Bayreuth stehen vier Duelle gegen direkte Konkurrenten an. Wie ist 1860 gerüstet?

Bierofka: Blöd ist natürlich, dass uns Timo und Felix in dieser Phase ausfallen, aber unser Kader ist stark genug, um das aufzufangen. Ich mach da auch keinen Unterschied zwischen den Gegnern. Für mich ist Unterföhring genauso wichtig wie Schweinfurt. Gegen die direkten Konkurrenten wird es auch Unentschieden geben, vielleicht verlierst du auch mal. Aber entscheidend wird sein, dass du gegen die Gegner in den unteren Tabellenregionen keine Punkte lässt. (Hier können Sie das Gastspiel der Löwen bei Unterföhring in unserem Live-Ticker verfolgen)

Wie groß ist Ihre Angst, dass die Mannschaft auseinanderfällt, sollte der Aufstieg nicht gelingen?

Bierofka: Nein, wir haben viele Verträge, die über zwei Jahre gehen oder über drei, da mache ich mir keine Sorgen. Das Gros der Mannschaft würde stehen.

Aber der Etat würde schrumpfen nach allem, was man hört.

Bierofka: Der Etat ist jetzt schon nicht hoch. Die Spieler aus der U 21 verdienen 1600 Euro brutto, manche Spieler bekommen natürlich mehr. Aber diese Mär, dass wir einen größeren Etat hätten als Schweinfurt, die muss man mal streichen. Wir haben Lino Tempelmann (nach Freiburg) und Kilian Jakob (Augsburg) aus wirtschaftlichen Gründen abgegeben, weil wir nächstes Jahr keine Ablöse mehr bekommen hätten. Es ist nicht so, dass wir hier im Geld schwimmen.

Gutes Stichwort. Werden Sie bei Ihrem Winterurlaub in Dubai auch mal rüberschauen zu Investor Hasan Ismaik?

Bierofka: (lacht) Nach Abu Dhabi sind’s schon ein paar Kilometer.

Beunruhigt es Sie nicht, dass man so gar nichts mehr hört?

Bierofka: Nein, ich interpretiere das so, dass der Investor zufrieden damit ist, was wir sportlich machen. Herr Fauser ist mit seinen Beratern im regelmäßigen Austausch. Und falls wir zu einem gewissen Zeitpunkt immer noch oben stehen sollten, dann müssen wir eh die Drittliga-Lizenz beantragen. Ich gehe jeden Tag davon aus, dass da hart gearbeitet wird, vertraue Herrn Fauser zu tausend Prozent. Ich glaube, dass alle das Beste für 1860 wollen.

Interview: Ludwig Krammer, Florian Fussek, Armin Gibis

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