"Einen nach dem anderen in die Wüste geschickt"

tz.de-Interview: Herr Ude, werden Sie 1860-Präsident?

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Den Löwen lange verbunden, unter anderem 13 Jahre als Aufsichtsratsmitglied: Christian Ude.

München - Die Löwen geben im Sommer 2015 ein bedauernswertes Bild ab. Das beschäftigt auch den langjährigen Münchner OB Christian Ude. Wir haben ihn gefragt, was er nun für seinen Herzens-Verein tun kann.

Diesen Sommer wird kein Löwen-Fan so schnell vergessen. Erst die sportliche Rettung in allerallerletzter Minute, dann tritt das Präsidium nach einem weiteren Disput mit Investor Hasan Ismaik zurück. Jetzt braucht es starke Persönlichkeiten bei Sechzig - wie Christian Ude. Ob der 67-Jährige, der bis 2009 für 13 Jahre als Aufsichtsrat bei den Löwen aktiv war, für ein Mandat in Giesing zur Verfügung steht, hat er tz.de im Interview verraten.

Die vergangene Saison hat enorm viele Nerven gekostet. Wie schätzen Sie die Situation bei den Löwen ein?

Christian Ude: Die letzte Saison war an Spannung wirklich nicht mehr zu übertreffen. So ein Foto-Finish lässt alle Fans mitfiebern und füllt das Stadion in einer Art und Weise, wie man es fast nicht mehr zu träumen wagte. Es war eine schwierige Saison mit einem verblüffenden und begeisternden Happy End. Was dann aber im Verein geschah, ist schon dramatisch. Es ist fast schon zum Gespött der Fußball-Nation geworden, dass bei Sechzig ein Präsident nach dem anderen in die Wüste geschickt wird, kaum dass er seine Arbeit aufgenommen hat. Das wertet das Amt ab und senkt die Bereitschaft, sich zur Verfügung zu stellen. Das nehme ich als Krisen-Phänomen sehr ernst. Es muss einfach Mal gelingen, eine Respektsperson im Amt aufzubauen und allseits anzuerkennen statt nur durch schnellen Verschleiß aufzufallen.

Wo sehen Sie die Hauptprobleme?

Ude: Es fehlt die Bereitschaft zur Kontinuität - auch mal eine Durststrecke durchzustehen und den Menschen in der Verantwortung in dieser Funktion zu stärken und arbeiten zu lassen. Stattdessen mündet die Unzufriedenheit über die Krise im nächsten Präsidenten-Sturz. Das ist jetzt neunmal nacheinander geschehen. Herr Schneider (Sigi Schneider, Anm. d. Red.) wird schon aus gutem Grund Interims-Präsident genannt, bevor er das erste Mal an den Schreibtisch getreten ist. Es gibt also in der Namensliste wieder einen Präsidenten, der - wenn auch auf eigenen Wunsch - nach wenigen Monaten abgelöst wird. Das ist ein weiteres Zeichen der Instabilität. Das zweite Problem ist das Verhältnis zum Investor - da fehlt mir allerdings das Insider-Wissen. Jedenfalls kommen beide Seiten, die ohneeinander nicht können, miteinander nicht klar.

Finden Sie es merkwürdig, dass der Investor für das Präsidium teilweise über Monate nicht zu erreichen ist?

Ude: Das stimmt. Aber da ich kein Insider mehr bin, kann und will ich das nicht kommentieren und schon gar nicht Verantwortlichkeiten zuordnen. Wichtig ist nur: Wenn man einen einzigen Groß-Investor hat, ist ein Verhältnis, wie es sich jetzt darstellt, natürlich eine große Belastung.

Steckt Sechzig in der größten Krise der Vereinsgeschichte?

Ude: Nein, es gab ja schon die Krise in der Amtszeit Erich Riedl, wo der Klassenerhalt misslungen ist - und das allein wegen der Finanzkrise. Das ist anno 2015 nicht geschehen. 1860 ist ein wirklich leidgeprüfter Verein, der schon Schlimmeres erlebt hat. Aber es ist aktuell eine Krise, die sich auftürmt. Sportlich ist der Klassenerhalt erst in der allerletzten Minute der Saison-Verlängerung gelungen. Zudem gibt es eine Vertrauens-Krise zwischen Investor und Vereins-Mehrheit und dann auch noch eine Präsidial-Krise, weil einer nach dem anderen die Flinte ins Korn wirft oder in die Wüste gejagt wird. Natürlich gibt es die finanziellen Probleme mit der Stadionfrage, die man sich selbst aufgebürdet hat. Alle Krisen zusammengenommen sind schon sehr viel. Bei Erich Riedl war es nur die Finanzkrise, die das sportliche Ergebnis zunichte gemacht hat. Aber es hat nicht alle Bereiche des Vereinslebens und des Wirtschaftsunternehmens betroffen.

Die ganzen Probleme werden sich nicht in der Sommerpause klären lassen. Muss nun die Mannschaft mit sportlichen Erfolgen für positive Stimmung sorgen?

Ude: Ja, natürlich. 1860 ist ein Fußball-Verein, und ein Fußball-Verein soll gut Fußball spielen. Die Nebenkriegsschauplätze müssen in den Hintergrund treten und in Stille aufgearbeitet werden. Stille ist dabei sehr wichtig.

Können Sie sich vorstellen, dass die Mannschaft unter den gegebenen Umständen überhaupt den angepeilten gesicherten Mittelfeldplatz erreichen kann?

Ude: Gott sei Dank ist der sportliche Erfolg mehr als nur ein Ausfluss der finanziellen oder psychologischen Situation. Sonst gäbe es keine Überraschungs-Erfolge von ganz finanzschwachen Vereinen, die sich plötzlich in der Spitzengruppe hervortun. Und es wäre gewiss, dass jeder reiche und geordnete Verein an der Spitze bleibt. Beides ist bekanntlich nicht der Fall. Das sportliche Schicksal führt Gott sei Dank ein Eigenleben. Hätte es immer nur die Verhältnisse im Verein widergespiegelt, hätten die Löwen in den vergangenen Jahren überhaupt keine Erfolge gehabt.

Torsten Fröhling hat wenige Tage vor dem Trainingsauftakt einen neuen Vertrag unterschrieben, obwohl Hasan Ismaik auf einen bekannteren Namen als Trainer pochte. Ist es die richtige Entscheidung, dass Fröhling Trainer bleibt?

Ude: Ich bin über jedes Stück Kontinuität erfreut. Ich finde nicht, dass es beim Trainer auf die Prominenz ankommt, sondern auf das Verhältnis zur Mannschaft - das war ja offensichtlich nicht so schlecht.

Gerhard Poschner stand schwer in der Kritik, darf sich nun aber nach dem Rücktritt des Präsidiums gestärkt fühlen. Hat der Sportdirektor Ihr Vertrauen?

Ude: Ich habe nicht die Befugnis, mich da einzumischen, weil ich kein Mandat bei 1860 habe. Aus meinen allgemeinen Erfahrungen befürworte ich Kontinuität, wo immer sie vertretbar ist und warne vor schnellen Schuldzuweisungen. Wir sollten die ganze Misere nicht einer Einzelperson als Sündenbock aufbürden.

Wir haben unsere User gefragt, wer die Löwen nun anführen sollte. Einige Fans würden sich wünschen, Sie wieder in der Verantwortung zu sehen. Können Sie sich das vorstellen?

Ude: Nein. Es freut mich natürlich, dass zumindest einige Fan-Gruppen positive Erinnerungen an mich haben. Aber ich habe mich festgelegt, welche Aufgaben ich wahrnehme und bin da schon wieder reichlich ausgelastet. Ich widme mich dem, was ich wirklich kann und was für mich wirklich sinnvoll und erfolgsversprechend ist. Es müsste jetzt ein junges Team übernehmen und nicht eine Einzelperson nach der anderen verschlissen werden. Das neue Team muss sich die Löwen für fünf Jahre oder ein ganzes Jahrzehnt zur Aufgabe machen. Der alljährliche Verschleiß einer Galionsfigur hilft nicht weiter.

Würden Sie den Löwen beratend zur Seite stehen, wenn der Verein auf Sie zukommen würde?

Ude: Ich bin kein sportlicher Berater, aber ich habe bei finanzpolitischen oder vereinsrechtlichen Fragen oder Fragen zum Umgang mit den Medien viele Ratschläge gegeben. Das hat auch manche drohende Krise abgewendet. Aber meine Entscheidungen, was ich jetzt mache, habe ich getroffen.

mgi

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