Bierofka zieht seinen Rücktritt durch und sagt: „Es tut weh“

Daniel Bierofka: Ein Abschied unter Tränen

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Bittere Stunde: Daniel Bierofka verlässt mit Sack und Pack den Arbeitsplatz bei seinem Herzensverein. 

Als sich Teile der Mannschaft zum Mittagessen trafen, deutete wenig darauf hin, dass dieser Dienstag als neuer Tiefpunkt in die Geschichte des TSV 1860 eingehen wird.

München – Die Schafkopfrunde um Stefan Lex schaute konzentriert in die Karten, hier und da wurde auch gelacht. Selbst der erkältete Sascha Mölders saß in zivil mittendrin, cool wirkend wie immer. Das Thema des Tages schien vor der verglasten Pforte des Löwenstüberls geblieben zu sein. Dieses hatte sich seit dem Wochenende angekündigt: Der Rückzug von Daniel Bierofka, 40, von seinem Herzensverein.

Bis zu diesem Zeitpunkt war noch nichts offiziell, weil die Situation alle beim TSV 1860 zu überfordern schien. Ein Geschäftsführer nach dem anderen suchte wortlos das Weite (was nicht für einige Fans galt, die Günther Gorenzel wüst beschimpften). Bestätigt wurde die Entscheidung dann auf herzzerreißende Weise. Nicole Bierofka, die Gattin des Trainers, tauchte vor der Geschäftsstelle auf und sagte auf die Frage, ob die Würfel gefallen seien: „Ich denke ja . . . “ Mehr brachte sie nicht heraus, denn im nächsten Moment schossen ihr die Tränen in die Augen. Nicole Bierofka fing bitterlich an zu weinen, ehe Yvonne Mölders die kreuzunglückliche Freundin an sich drückte und Trost spendete, wo es keinen Trost gab.

Auch ihr Mann, Daniel Bierofka, hatte sich die Entscheidung alles andere als leicht gemacht. „Es tut weh“, hatte er bereits am Montag gegenüber unserer Zeitung gesagt, seine Entscheidung bestätigt, die er erst der Mannschaft mitteilen wollte, und angekündigt, sich von keinem mehr umstimmen zu lassen. „Es ist zu Ende“, sagte Bierofka ernst und ließ durchblicken, wie verbittert er ist nach all den Intrigen und Indiskretionen, die ihn in einem schleichenden Prozess aus dem Amt gespült haben.

„Für mich ist das eine Schande, die ich nicht in Worte fassen kann.“

Bezeichnend für das spezielle Umfeld, aus dem sich Bierofka nun selbst entfernt hat, war schon das zurückliegende Wochenende gewesen. Deutlicher als der Trainer kann man ja kaum mit der Alarmglocke läuten. „Lange schaue ich mir das nicht mehr an“, hatte der Trainer nach dem 4:2-Heimsieg gegen Köln geknurrt – und trotzdem brachte es nach seiner Darstellung keiner aus dem Verein fertig, sich beim tief gekränkten Coach zu melden. Keiner außer Antony Power, dem Statthalter von Hasan Ismaik. Der Investor ist sogar noch eingeflogen, um sich am Abend mit Bierofka im Mandarin Oriental zu treffen – zu spät. Ismaik blieb nichts anderes übrig, als den Irrsinn bei seinem Verein mit scharfen Worten zu geißeln. Seit Monaten sei Bierofka intern „gemobbt“ worden, wetterte er bei Facebook(siehe Text links): „Für mich ist das eine Schande, die ich nicht in Worte fassen kann.“

Wie es nun weitergeht bei den Profifußballern des gebeutelten Traditionsvereins? Der naheliegende Reflex von Sportchef Gorenzel war, Assistenzcoach Oliver Beer (ohne Fußballlehrerlizenz) die Verantwortung für Bierofkas Team zu übertragen; er selber würde dann wohl als Teamchef fungieren. Bei den Spielern soll Beer besser gelitten sein als zuletzt bei Bierofka. Auch mit Gorenzel hatte der zurückgetretene Coach reichlich Differenzen, seit dieser zum Geschäftsführer befördert wurde. Bierofka warf dem Steirer vor, seine Autorität bewusst oder unbewusst untergraben zu haben.

Bierofkas ursprünglicher Plan war ja, sich in Halle ein letztes Mal auf die Trainerbank zu setzen und sich erst in der Länderspielpause zurückzuziehen. Dass das ein bisschen naiv gedacht war, zeigte sich schon am Mittag. Der hitzigen Diskussion, die sich in der Geschäftsstelle ereignete, folgte kurz darauf der sofortige Cut. Mit Sakko, Löwen-Rucksack und Laptoptasche stapfte Bierofka um kurz nach 14 Uhr zu seinem Auto. Wie angekündigt kommentarlos – und auch er mit deutlich geröteten Augen.

In einer Ansprache ans Team wollte Bierofka die Spieler in die Pflicht nehmen, sich weiter für 1860 zu zerreißen und auch ohne ihn den Klassenerhalt meistern. Markus Ziereis sagte hinterher, dass keiner was sagen dürfe. Kapitän Felix Weber, drei Jahre Bierofkas verlängerter Arm, ließ sein regloses Gesicht sprechen. „Da sag ich jetzt nichts zu“, kommentierte er die Abschiedsszenen in der Kabine. Das Training am Nachmittag fiel dann aus – auch das bezeichnenderweise ohne offizielle Erklärung.

Nach der Hiobsbotschaft sucht der TSV 1860 München einen Bierofka-Nachfolger. Eine Löwen-Legende hat einen Vorschlag.

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