Warum hört er auf?

Doc Englhard geht und schweigt

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Dr. Alois Englhard hört bei den Löwen auf.

München - Der angesehene Teamarzt und Orthopäde, Dr. Alois Englhard, verlässt die Löwen urplötzlich – auf eigenen Wunsch und offiziell wegen seines Alters.

Er hätte sicherlich einiges zu sagen gehabt. Über das ganze Gerede, das zuletzt aufkommen war. Über die Hintergründe für manche Langzeitverletzung. Über Berichte, die an seiner Berufsehre rütteln und wie gesteuert wirken. Doch Dr. Alois Englhard, der beim TSV 1860 nur „Doc“ genannt wurde? Er verlässt den Klub, bei dem er seit Ewigkeiten Mitglied ist, und tut das, wozu Ärzte schon von Berufs wegen verpflichtet sind: Er schweigt.

Da gab es diese Berichte, die scheinheilige Fragen aufwarfen („Warum wird kein Löwe fit?“). Da hätte es die Gelegenheit gegeben, den Ruf eines verdienten Mitarbeiters zu schützen. Jedoch: Wo sonst jeder negative Bericht kommentiert wird, wurde diesmal nichts richtiggestellt. Keiner stärkte Englhard den Rücken, keiner sprach ihm das Vertrauen aus. Stattdessen kam jetzt diese 08/15-Presseerklärung. „Er hat uns in vielen Situationen mit seiner Erfahrung geholfen“, rief Sportchef Gerhard Poschner dem scheidenden Doktor hinterher. Und weiter: „Es ist schade, dass er geht, aber wir respektieren seinen Wunsch.“

Und Englhard? Der „Doc“ wird mit einem für ihn untypischen Allerweltsstatement zitiert („ . . . werde weiter mitfiebern“) – das Interpretieren überlässt er anderen. Offiziell hört der angesehene Orthopäde wegen seines Alters auf. Vor acht Tagen ist er 65 geworden. Er hat es nicht mehr nötig, zwei Tage vor Weihnachten in Leipzig an der Seitenlinie zu sitzen. Zehn Jahre Haching. Sechs Jahre 1860. Irgendwann muss Schluss sei. Doch warum gerade jetzt?

Englhard betreibt zusammen mit Kollegen eine stark frequentierte Praxis in Neuhausen. Die unwidersprochenen Zweifel an seiner Kunst, die plötzlich im Raum stehen, können ihm nicht gefallen. Sechs 1860-Profis fallen aus, zwei von Poschners Spaniern noch länger, doch kann Englhard wirklich etwas dafür, dass Rodri seine importierte Knöchelverletzung in der Heimat behandeln lässt, Edu Bedia auf das harte Moniz-Training mit Schambeinproblemen reagierte, Rubin Okotie sich ein Innenband im Knie verletzte? Die länger Patienten bei ihm sind, schätzen ihn. „Er hat mir die letzten fünf Jahre meiner Profikarriere geschenkt“, schwärmt Ex-Kapitän Daniel Bierofka, 35, der einstige Dauerpechvogel: „Er ist fachlich absolut top. Und dazu ein toller Mensch.“

Kai Bülow ist noch so ein Beispiel. Englhard operierte Mitte Dezember ein Überbein an seinem linken Fuß. Pünktlich zum Vorbereitungsstart war Bülow zurück auf dem Trainingsplatz. Er ist der einzige Profi, bei dem Englhard in dieser Saison das Messer ansetzte. Und auch in den zurückliegenden Jahren hatte 1860 eher geringe Probleme mit Langzeitausfällen. Das Ganze wirkt wie ein Ablenkungsmanöver. Es könnte ja mal einer auf die Idee kommen, dass die sportliche Misere auch andere Gründe hat.

Englhards Abschied kam wie eine Fußnote daher. Pressemitteilung am späten Nachmittag, keine 20 Zeilen. In Wahrheit lässt sein ehrenhafter Rückzug tief blicken. Wieder ein anerkannter Experte weniger, wieder ein Sündenbock mehr.

Uli Kellner

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