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Jungwirth: „Jeder fiebert Brasilien entgegen“

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Florian Jungwirth © getty

Ägypten - Er ist U19-Europameister und U20-Kapitän, doch bei den Löwen steht Florian Jungwirth auf dem Abstellgleis. Wir haben vor dem WM-Viertelfinale mit ihm darüber gesprochen.

Herr Jungwirth, am Samstag wartet mit Brasilien im Viertelfinale eine sehr schwere Aufgabe auf Euch. Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Florian Jungwirth: Jeder bei uns ist heiß und fiebert diesem Spiel entgegen. Man hat nicht oft in seinem Leben die Chance, bei einer WM gegen Brasilien zu spielen. Auch für mich ist es eine Premiere. Wir wollen dieses Spiel unbedingt gewinnen.

Als Abwehrspieler müssen Sie sich auf eine völlig neue Spielkultur einstellen...

Jungwirth: Ich denke, dass wir auf eine technisch starke Mannschaft treffen, vom Typ her werden die Brasilianer aber ähnlich wie Nigeria auftreten. Die hatten auch starke Offensivspieler in ihren Reihen, hatten aber gegen uns Probleme in der Defensive. Ich denke, ein ähnlicher Spieltyp erwartet uns auch morgen.

In Nigeria mussten Sie zweimal einem Rückstand hinterher laufen und haben in Unterzahl doch noch das Spiel gedreht. Wie haben Sie es geschafft, noch mal zurück zu kommen?

Jungwirth: Jeder ist einfach über seinen inneren Schweinehund hinaus gegangen, hat gekämpft bis zum Umfallen und am Ende haben wir es uns dann auch verdient, dass wir noch gewonnen haben.

Im Vorfeld haben 25 Spieler abgesagt, die U20 ist ohne eine eingespielte Mannschaft in das Turnier gegangen. Warum läuft es trotzdem so gut?

Jungwirth (lacht): Es konnten ja nur 21 Spieler mitfahren, dann können ja schlecht 25 Spieler absagen. Aber zur Frage: Wir hatten nur ein Trainingslager eine Woche vor Spielbeginn. Die Eingewöhnungsphase, um zusammenzufinden, war sehr kurz. Von Vorteil war aber trotzdem, dass das Grundgerüst der EM mit Lars Bender, Björn Kopplin, Richard Sukuta-Pasu und einigen anderen wieder dabei ist. Aber auch die Neuen haben sich super eingefügt. Bei uns stimmt die Mischung einfach.

„Sven Bender ist enorm wichtig“

Mit Sven Bender ist noch ein Leistungsträger der U19-EM zu euch dazu gestoßen. Wie wichtig ist Bender für die Mannschaft?

Jungwirth: Sven ist für die Defensive und für die Offensive enorm wichtig. Er kann den Takt im Mittelfeld angeben. Gerade weil es jetzt immer mehr an die Kraft und an die Ausdauer geht, ist Sven ein Segen für uns.

Wie glauben Sie als Kapitän: Knacken Sie die Brasilianer?

Jungwirth: Wenn wir in der Defensive weiter so stehen wie bisher, eng dran sind und sie aggressiv bearbeiten, haben wir gute Chancen, sie in der Offensive auszuschalten. Wenn wir vorne Druck machen, können wir die Brasilianer schlagen. In der Abwehr haben sie ihren Schwachpunkt.

Im Gegensatz zu Ihrer Situation bei den Löwen genießen Sie in der Nationalmannschaft vollstes Vertrauen. Ist die WM Balsam für Ihre Fußballseele?

Jungwirth: Ich würde nicht sagen, dass das Turnier Balsam für mich ist. Die WM allein ist schon eine riesen Sache. Aber klar, ich bin froh endlich mal wieder Spiele über 90 Minuten machen zu dürfen. Mir hat zuletzt die Spielpraxis gefehlt. Es tut einfach gut, dass ich wieder zu meiner alten Stärke finde.

„Jeder muss bis in die Haarspitzen motiviert sein“

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihnen Horst Hrubesch wieder das Vertrauen schenkt und Sie als Kapitän auflaufen lässt?

Jungwirth: Ich glaube, das hat nicht unbedingt etwas mit meiner Situation im Verein zu tun. Ich bin von meinem Typ her ein Führungsspieler, und ich will die Mannschaft mitziehen, dass jeder bis in die Haarspitzen motiviert ist. Das gehört zu meinen Aufgaben, und ich denke, dass ich das Vertrauen hier zurück bezahle.

Unter der neuen Führung hatten Sie sich bei den Löwen bessere Chancen ausgerechnet, standen aber nach der Vorbereitung auf dem Abstellgleis. Man wollte Sie nach Aachen abgeben. Warum setzt Ewald Lienen nicht auf Sie?

Jungwirth: Jeder Trainer hat seine Meinung über Spieler. Jeder Trainer muss mit sich selbst entscheiden, wen er aufstellt. Ich habe aber zuletzt gelesen, dass ich meine Chance bekomme, wenn ich wieder in München bin. Im Moment konzentriere ich mich aber nur auf das Turnier. Was danach kommt, wird sich zeigen.

Brauchen Sie erst ein großes Turnier, um im Verein auf sich aufmerksam zu machen?

Jungwirth: Man kann sich ja nicht nur im Training beweisen. Die WM ist für mich eine Chance. Bis jetzt glaube ich, spiele ich ein gutes Turnier. So wird 60 darauf aufmerksam, was ich kann, und dass ich in der Lage bin, in der Innenverteidigung zu spielen.

Diese Talente verließen die Löwen in jungen Jahren

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Zuletzt stand in der Zeitung, Sie seien für einen Abwehrspieler zu langsam und zu klein, dabei spielen Sie schon lange international auf höchstem Niveau. Schmerzt es sehr, dass der eigene Trainer nicht auf einen setzt?

Jungwirth: In Puncto Schnelligkeit bin ich sicher keiner, der die Grundlinie auf und ab läuft. Auf Langstrecken hat er sicher recht, aber auf meiner Position sind die ersten fünf bis zehn Meter sehr wichtig. Da habe ich bis jetzt noch keinen Stürmer gesehen, der mich ständig überläuft. Ich zeige hier einfach, was ich drauf habe. Wenn 60 die Situation nach dem Turnier immer noch so sieht, muss ich das akzeptieren. Wenn ich aber weiter so spiele, werde ich meine Chance bei den Löwen bekommen.

Sehen Sie nicht bei einem anderen Verein bessere Perspektiven, wenn Ihnen der Verein schon nahe gelegt hat, sich nach einem anderen Club um zuschauen?

Jungwirth: Im Moment zählt nur die WM, erst danach befasse ich mich damit, was für meine Entwicklung das Besten ist. Ich werde das Gespräch mit 60 suchen, mir dann ein Bild darüber machen und dann eine Entscheidung treffen.

Wird die U20 Weltmeister?

Ich bin mir sicher, dass wir die Chance dazu haben.

Das Gespräch führte Christoph Seidl

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