Ex-Löwen- und -FCB-Profi über Heimat

Gerber im tz-Interview: "Das erweitert den Horizont!"

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Ex-Löwen-Stürmer Franz Gerber ging 1981 nach Nordamerika.

München - Vor knapp 35 Jahren war ein Wechsel ins nichteuropäische Ausland noch ein mutiger Schritt. Im tz-Interview spricht Franz Gerber (ehemals 1860 und Bayern) über diese Zeit.

Für die heutige Generation der deutschen Profi-Fußballer ist ein Wechsel auch ins nicht-europäische Ausland eine ganz normale Karriere-Option. Vor knapp 35 Jahren war das noch ein bisschen anders. Fremde Kultur, neue Sprache, andere ­Lebensbedingungen – der Wechsel aus Europa war auch ein Abenteuer. So wie für Franz Gerber (61), einen gebürtigen Münchner. In der Jugend stürmte er für Eching und den FC Bayern, als Profi dann für Bayern, St. Pauli, Wuppertal, den TSV 1860 und den ESV Ingolstadt. Mit der Empfehlung von 27 Toren in 72 Zweitliga-Spielen wagte er dann 1981 mit 27 Jahren den Schritt nach Calgary, spielte später noch für Tulsa und Tampa Bay, ehe er 1984 nach Deutschland zurückkehrte (Hannover, St. Pauli). Die tz sprach mit Gerber, der zuletzt 2012 als Interims­trainer Jahn Regensburg betreute.

Herr Gerber, was hat Sie damals bewogen, nach Kanada zu gehen?

Gerber: Die nordamerikanische Soccer-Liga war damals sehr spannend und interessant. Da spielten Weltstars wie Franz Beckenbauer, Johan Cruyff und George Best. Außerdem war natürlich auch das Land interessant, und Deutschland kannte ich ja…

Wie sah es denn finanziell aus?

Gerber: Die Liga in Nordamerika hat damals geboomt. Cosmos New York hatte 60 000 Zuschauer, Vancouver 45 000. Der Verdienst war damals ungefähr so wie in Deutschland, aber das war ja damals auch noch überschaubar…

In Zeiten des Internet kann sich jeder über jeden Fleck auf der Welt schlaumachen – mit welchen Erwartungen haben Sie Deutschland verlassen?

Gerber: So gut informiert wie heute waren wir damals natürlich nicht. Aber ich hatte Kontakt zu deutschen Fußballern, die in Nordamerika waren. Also sind wir nicht einfach ins Blaue gefahren.

Was hat Sie in Nordamerika am meisten beeindruckt?

Gerber: Die wahnsinnigen Entfernungen dort, die enorme Weite des Landes. Aber natürlich sind wir nicht in die Wildnis gekommen, der Komfort war vorhanden, die Infrastruktur auch, und als Sportler hast du es ja auch leichter als ein normaler Auswanderer. Dir wurde gerade vom Klub viel geholfen.

Sie sind damals mit der Familie umgesiedelt – eine zusätzliche Belastung?

Gerber: Nein, im Gegenteil. Ich fand das normale Familienleben damals in der Fremde viel besser und gesünder. Und die Kinder passen sich ja schnell an, auch von der Sprache her.

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Haben Sie die alte Heimat vermisst?

Gerber: Nein, vermisst habe ich wirklich nichts. Man hat ja immer noch Kontakt zu Freunden gehabt und sich Zeitungen besorgt. Das Wichtigste hat man schon mitbekommen, auch wenn es den kicker drei Tage später als in Deutschland gab.

Was war denn sonst noch besonders ungewöhnlich?

Gerber: Die 24-stündigen Öffnungszeiten, so etwas kannten wir ja damals in Deutschland überhaupt nicht. Da war am Samstag um 12 Uhr Feierabend. Und Parkplatzprobleme kannte man auch nicht.

Würden Sie jüngeren Berufstätigen raten, ins Ausland zu gehen?

Gerber: Ja, wenn man die Möglichkeit hat, das mal zwei oder drei Jahre auszuprobieren, dann sollte man das machen. Das erweitert den Horizont, man gewinnt andere Eindrücke, das bringt einen wirklich voran. Für mich war das eine schöne und tolle Erfahrung.

Interview: Bernd Brudermanns

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