Auf Platz 17 abgestürzt

Poschner über die Spieler: "Soldaten, keine Generäle"

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Löwen-Sportchef Gerhard Poschner.

München - Eine Krisensitzung nach Aue-Pleite liefert bei den Löwen bittere Erkenntnisse. Sportchef Gerhard Poschner wechselt zur Beschreibung des 1860-Teams in die Kriegsmetaphorik.

Vor dem traditionell freien Dienstag stand für die auf Platz 17 abgestürzten Löwen noch eine Teambuildingmaßnahme der besonderen Art auf dem Programm. Mannschaft, Mitarbeiter und Führungsebene verbrachten den Montagnachmittag dort, wo Fans seit Jahren eher trostlose Nachmittage erleben – in der Allianz Arena.

Sportchef Gerhard Poschner verteidigte das für einen Betriebsausflug eher ungewöhnliche Ziel und sprach von einer wertvollen Unternehmung, die den Zusammenhalt fördern soll. „Es ist ein länger geplanter Mitarbeitertag“, sagte Poschner. „Es geht darum, ein Gefühl füreinander zu entwickeln. Wir sind alle ein großes Team, und da spielt es auch keine Rolle, dass die Lizenzspielermannschaft in Aue (1:4/Red.) auf den Sack bekommen hat.“

Schindler weint: Löwen nach Debakel am Boden

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Zueinander finden, ein verschworener Haufen werden, der in schwierigen Zeiten (Abstiegskampf!) bestehen kann – das war bereits am späten Sonntagabend das große Thema gewesen, als Poschner und Investorenvertreter Noor Basha zu einer spontanen Teamsitzung baten. Gegen 21 Uhr kam der Bus mit den schwer gebeutelten Profis aus Aue zurück – was folgte, wurde von Trainer Markus von Ahlen als normaler Vorgang dargestellt („Wir haben einfach nur ein Gespräch geführt“).

Poschner präzisierte, dass das nächtliche Treffen „Monolog und Dialog“ in einem gewesen sei. „Es ging auch darum, eine Meinung von den Spielern zu haben“, so der Sportchef. „Nicht wie sie das Spiel gesehen haben, da gibt’s ja nur eine Meinung. Eher, was denn ihrer Meinung nach die Gründe für dieses Auftreten waren.“

Poschner: Nur wenige Spieler sind bereit, Verantwortung zu übernehmen

Das genaue Ergebnis dieser einstündigen Aussprache blieb natürlich geheim. Andeutungen zufolge sind die Löwen jedoch zum wenig überraschenden Schluss gekommen, dass es so wie bisher – mit Larifari-Auftritten, Grüppchenbildung, oberflächlicher Kommunikation – nicht weitergehen kann. Poschner bemühte ein sehr altes Bild aus der Nautik, um klarzumachen, dass bei 1860 „alle in einem Boot sitzen“, was bedeutet: „Entweder wir gehen komplett miteinander unter – oder wir erreichen gemeinsam das Ufer.“

Seiner Ansicht nach gibt es im neu zusammengestellten Team nur wenige Spieler, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. „Es gibt Soldaten und Generäle“, wechselte er in die Kriegsmetaphorik, „und am Sonntag haben wir keinen einzigen General auf dem Platz gehabt.“

Bekanntlich ist es ja Poschner gewesen, der auf Geheiß von Präsident Gerhard Mayrhofer einen radikalen, sommerlichen Umbruch im Kader durchgesetzt hat. Zehn Spieler mussten gehen, zehn sind gekommen – eine bunte Multikulti-Truppe, mit der sich Mayrhofer in der großen Sky-Doku noch gebrüstet hat. Die Sache mit den vielen Nationalitäten sei sein „Beitrag“ gewesen, sagte Mayrhofer in die Kamera (nach dem Sieg gegen Fürth freilich). „Ich bin der Meinung, dass durch das Zusammenspiel vieler Kulturen etwas ungeheuer Lebendiges entstehen kann.“

Löwen bekommen Haue in Aue - Dreimal Note sechs!

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Dass so ein künstliches Gebilde auch blitzschnell in eine Art Totenstarre verfallen kann, war jedoch in Aue zu sehen. Von Ahlen sprach davon, dass die frühen Gegentore das Team „geschockt und gelähmt“ hätten. Eine breite Brust entstehe durch entkrampfende Siege, lautet seine These. „Und diese Leichtigkeit“, formulierte er ein Paradoxon, „die müssen wir uns jetzt knallhart erarbeiten.“

Von Ahlen: „Müssen uns die Leichtigkeit knallhart erarbeiten“

Die Kehrseite dieses radikalen Umbruchs erleben die Löwen nicht nur auf dem Platz. Man braucht kein Dokumentarfilmer zu sein, um zu erkennen: Es gibt bei 1860 die Spanier-Fraktion, es gibt die Fraktion der geläuterten Nachtschwärmer (Adlung, Stark, Weigl), es gibt Einzelgänger, Profis ohne Perspektive – und es gibt Spieler, denen 1860 am Herzen liegt wie Kapitän Christopher Schindler, der nach dem Debakel in Aue seinen Tränen freien Lauf ließ. Schindler ist bei 1860 groß geworden, ihm geht die Krise unübersehbar an die Nieren. In Aue zog sich der Innenverteidiger bei einem Stollentritt eine Handverletzung zu (Diagnose: kein Bruch). Bedenklicher scheint jedoch die nervliche Verfassung des 24-Jährigen zu sein, wenngleich von Ahlen sagt: „Er ist absolut in einer guten Verfassung, auch mental.“ Dass sämtliche Tore über die von Schindler mitverwaltene linke Seite fielen, muss demnach andere Gründe haben.

Poschner glaubt, dass die Pleite in Aue weder etwas mit „Trainingsinhalten oder -umfängen“ und auch „nichts mit taktischen Varianten“ zu tun habe. Seine Meinung ist: Echte Teams entstehen durch Erfolge – „oder durch Extremsituationen“. Letztere sei jetzt gegeben. „Aue war ein absoluter Tiefschlag, wie ich ihn selten erlebt habe. Jetzt wird sich zeigen, inwieweit wir alle das Bewusstsein haben, dass wir da nur gemeinsam wieder rauskommen.“ Poschner empfindet die Lage als ernst, ist aber noch nicht bereit „in Panikstimmung“ zu verfallen. „Wir haben erst zehn Spieltage“, sagte er und verspricht: „Hier wird keiner aufgeben, das wird nicht passieren.“

Von Ahlen appellierte derweil an seinen Kader, die im Abstiegskampf erforderlichen Tugenden – „Zweikampfstärke, Laufbereitschaft, mentale Härte“ – schon am Sonntag gegen Braunschweig an den Tag zu legen: „Wir haben genug Spieler im Kader, die der Situation gewachsen sind.“

Ulli Kellner

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