Interview mit Experte Kirchner

Mentalcoach über 1860-Situation: „Menschen scheitern aus zwei Gründen“

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Symbolbild: Nach dem Ende der Zweitliga-Saison liegt Sechzig am Boden.

Für viele Fans und Experten ist die Löwen-Saison voller Pleiten und Pannen eine faustdicke Überraschung - nicht so für Steffen Kirchner. Das erklärt der Mentalcoach im Interview.

München - Rote Endorphine, blaues Cortisol - die Relegations-Derbys zwischen Jahn Regensburg und dem TSV 1860 (Fr., 18 Uhr, hier im Live-Ticker) dürften vor allem in den Köpfen der Spieler entschieden werden, sagt Steffen Kirchner (35). Der Mentalcoach und sportpsychologische Experte zählt zu den Renommiertesten seines Fachs in Deutschland. Das tz-Interview.

Herr Kirchner, Sie sagten am vergangenen Montag in der BR-Sendung „Blickpunkt Sport“, dass der TSV 1860 inzwischen „emotional entkernt“ sei. Trotzdem stehen die Fans Schlange für Relegations-Karten. Wie passt das zusammen?

Kirchner: Die Fans sind das Einzige, was von der Löwen-DNA noch übrig ist. So viel Treue und Opferbereitschaft findet man selten. Aber ich kenne auch keinen anderen Verein, der sich von seinen Ursprüngen so weit entfernt hat wie 1860. Sprache, sportliche Ausrichtung, personelle Wechsel - alles ist diametral anders als bei erfolgreichen Klubs. Ich wüsste nicht, mit was ich mich da als Fan noch identifizieren soll.

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Momentan geht’s eher um die Spieler…

Kirchner: Ja, und da ist es nicht anders. Ich kenne einige aktive Spieler von 1860 und dazu auch eine ganze Reihe an ehemaligen Profis. Ich weiß schon, wovon ich rede. Wer sich mit seinem Unternehmen nicht identifiziert, der kann nicht die Leistung bringen, um im Wettbewerb erfolgreich zu sein. Für Erfolg im Fußball gibt’s zwei Möglichkeiten: Entweder man kauft so viel Qualität, dass alles andere keine Rolle mehr spielt, oder man baut eine Mannschaft, die sich total mit der Arbeit des Vereins identifiziert und entsprechend auftritt. Hasan Ismaik probiert bei 1860 einen Mittelweg, hat aber nicht die nötige Geduld dazu. Das kann nur scheitern.

Zeigt die Fehler der Löwen schonungslos auf: Mentalcoach Steffen Kirchner hat sich ein Bild der Blauen gemacht.

Die Qualität des Kaders müsste doch trotzdem für den sicheren Klassenerhalt reichen.

Kirchner: Aber nicht bei dieser Vielzahl an Nebenkriegsschauplätzen. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Und bei 1860 herrscht seit Jahren permanente Unruhe. Trainer und Sportchefs kommen und gehen, Pläne werden aufgestellt und wieder verworfen, es gibt keine abgestimmte Kommunikation. Das sind alles Energiekiller.

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Können Sie das genauer erklären?

Kirchner: Jeder Mensch hat - metaphorisch gesprochen - ein Energiekon­to, das er Tag für Tag einsetzt. Er investiert Energie in Arbeit und bekommt im Idealfall ein Plus an Energie zurück - durch Anerkennung und Fortschritt. Bei 1860 gibt es zu viele Kostenstellen in der Energiebilanz, die Spieler werden ja auch privat auf die ständigen Negativmeldungen angesprochen. Und wenn dann über Monate oder sogar Jahre die Ergebnisse nicht stimmen, dann ist irgendwann die emotionale Insolvenz die Folge. Man braucht nur in Stefan Aigners Gesicht zu sehen nach den Spielen gegen Bochum und jetzt Heidenheim, das ist brutal.

Die bekannte Abwärtsspirale…

Kirchner: Menschen scheitern aus zwei Gründen: Angst oder Erschöpfung. Bei 1860 kommt beides zusammen. Das ist dann auch eine Frage der Chemie. Bei Angst werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die Kampfhormone. Der Körper wird fester, um sich gegen Schmerz zu schützen. Für drei Minuten ist das gut, für 90 oder 95 ein Problem. Der Energieaufwand ist enorm, die Urteilsfähigkeit wird eingeschränkt, Kreativität ist dann fast unmöglich. Zwei, drei Spieler mit Angst reichen schon aus, um die gesamte Mannschaft anzustecken.

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Welcher Cocktail wirkt bei den Regensburger Spielern?

Kirchner: Bisher war das Endorphin pur. Sie sind in der Rückrunde von Erfolg zu Erfolg geeilt. Aber in der Relegation ist die Situation jetzt eine andere. Da wird es auch drauf ankommen, wie viele Spieler sich schon mit einem Bein in der Zweiten Liga sehen. Der Trainer, Heiko Herrlich, muss da sehr geschickt sein in seiner Ansprache, damit nicht die gegenteiligen Mechanismen in Gang kommen.

Forderung der Fans: Ob die Spieler den Schalter nochmal umlegen können?

Was muss 1860-Trainer Vitor Pereira beachten?

Kirchner: Man kann das Sprachproblem nicht wegdiskutieren. Ein Trainer muss in Situationen wie diesen das Herz der Spieler berühren, dazu braucht es eine entsprechende Rhetorik - wie soll Pereira das leisten? Denkbar wäre es, dass er externe Leute mit einbezieht, die die Mannschaft einschwören, ob das jetzt ein Daniel Bierofka ist oder ein ehemaliger Spieler, der sich in solchen Drucksituationen bewiesen hat. Auch mit Filmmaterial lassen sich positive Impulse auslösen. Das Ganze bleibt natürlich eine Gratwanderung, weil Pereira ja auch seine Autorität als Cheftrainer nicht aufs Spiel setzen will.

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