Löwen und ihr Umfeld trotzig

"Aufgeben tut man einen Brief, aber nicht 60"

München - Beim TSV 1860 München herrscht Krisenstimmung - nicht. Nein, die Löwen reagieren sogar trotzig auf die Untergangsprophezeiungen aus dem Umfeld. "Brust raus!" ist das Motto.

Das Leben als 1860-Profi kann doch noch schön sein – zum Beispiel am sonnigen Mittwochvormittag, drei Tage nach dem sportlichen GAU gegen Aue (0:1).

Nach einer engagierten Trainingseinheit werden die Spieler des abstiegsbedrohten Zweitligisten wie Popstars gefeiert. Um Kai Bülow, den Unglückraben vom Sonntag, bildet sich genauso schnell eine Traube wie um alle anderen Spieler. Autogramm hier, Foto da – den kleinen Besuchern eines Fußballcamps ist es offensichtlich völlig egal, dass die Löwen um ihre Existenz als Profiverein bangen. Oder aber sie können die Tabelle noch nicht lesen.

Die Mannschaft kann sie sehr wohl lesen, doch Aue, Aalen und das von Ex-Löwe Ewald Lienen wachgeküsste St. Pauli (am Montag 4:0 gegen Düsseldorf) scheinen am Mittwoch weit weg zu sein. Als sich Dominik Stahl aus der Belagerung halbwüchsiger Bewunderer löst, kann man einen Matschfleck auf seiner Stirn erkennen – Zeugnis seines Trainingseifers. Ansonsten sieht er aus wie immer. Weder graben sich Sorgenfalten in Stahls Stirn noch sprießen die ersten grauen Haare. Wozu auch, fragt sich der Langzeitlöwe (seit 2004 im Verein): „Sollen wir jetzt die Panik schieben, nicht mehr lachen und sagen: Oh Gott, die Welt geht unter?“

Stahl: „Sollen wir die Panik schieben und nicht mehr lachen?“

Stahl, 26, der alte Kämpfer, weigert sich, in den Chor der Untergangsprediger einzustimmen, der sich gerade im Umfeld formiert. Altlöwen geben besorgte Interviews, Was-wäre-wenn-Szenarien werden entworfen. Was soll der Unsinn?, sagt sein Blick. Und er kommt auch nur widerwillig auf den eher ungünstig verlaufenen Spieltag zu sprechen. „Natürlich war das kein schönes Wochenende für uns, da brauchen wir nicht groß drumherum zu reden.“ Aber, lässt er eine Gegenthese folgen: „Wir haben nach wie vor die beste Ausgangslage von allen Teams, die da unten drin stehen.“ Stahl, der Teilzeit-Psychologiestudent, sieht es so: „Der Abstand nach unten hat sich geändert, aber der Tabellenplatz ist gleich geblieben (15/d. Red.). Es sind noch sieben Spiele, und wenn wir jetzt nach Braunschweig fahren, dann stehen wir genauso unter Druck wie in allen Spielen zuvor auch.“Fröhling: „. . . dann können wir uns gleich einbuddeln.“

Aue hat eine lösbare Heimaufgabe vor der Brust (Sandhausen), alle anderen Kellerkinder – die neu dazukommenen Fürther eingeschlossen – treten auswärts an. Für die heimschwachen Löwen könnte das ein Vorteil sein. Ein Vorteil ist es in jedem Fall, für zwei Tage den mitleidigen Blicken und der negativen Grundstimmung entfliehen zu können. Morgen geht die Reise in den Norden der Republik los, und schon gestern sagte Trainer Torsten Fröhling, der Stahl-These folgend: „Wenn wir jetzt sagen: Nur wegen dieser 90 Minuten ist alles scheiße, dann können wir uns gleich einbuddeln.“ Alternativ zu dieser Haltung empfiehlt er eine große Portion weißblauen Trotz: „Brust raus! Weitermachen! Wir sind einen Punkt voraus – alles andere zählt nicht.“

Fröhlings Zuversicht ist natürlich berufsbedingt. Aber er nennt auch ein paar Gründe, die seinen Optimismus stützen. Zum einen wäre da der spielerische Aufschwung: „Die ganzen Abläufe waren gegen Aue um Klassen besser als gegen Sandhausen (2:3) oder in Ingolstadt (1:1).“ Zum anderen kennt er die speziellen Mechanismen des Abstiegskampfes, der selten eine Mannschaft vorzeitig nach oben entlässt: „Alle kämpfen, beißen, kratzen. Keiner lässt nach. Das geht jetzt bis zum letzten Spieltag so.“ Und ganz konkret gründet seine Hoffnung auf einem Mann, der unter ihm erst drei Halbzeiten gespielt hat. Torjäger Rubin Okotie meldet sich dieser Tage mit Tempoläufen zurück, in Kürze will er den Ball dazunehmen und Anfang nächster Woche ins Training einsteigen. „Aber nur, wenn wirklich nichts mehr passieren kann“, schränkt Fröhling ein.

Franz Hell.

Und dann kam gestern noch Franz Hell des Weges. Das wandelnde 1860-Archiv, Fan seit den Sechzigerjahren, zog mit einem deplatziert wirkenden Grinsen die Zuhörer an und berichtete, dass seinen Verein, wenn die Lage aussichtslos schien, immer auch eine Jetzt-erst-recht-Mentalität ausgezeichnet habe. „Aufgeben tut man einen Brief oder ein Paket, aber nicht 60“, sagt er und lacht.

Passend dazu fällt auch das Fazit von Fröhling und Stahl aus, den Leitern der Abteilung „Löwen-Mut“. Schafft es 1860, dem Abstieg zu entgehen? „Meine Überzeugung ist nicht nur groß, sondern sehr groß“, sagt Stahl. Und Fröhling kommt extra noch mal aus der Kabine geeilt, um einen Spruch des Philosophen Bernd Hollerbach zu zitieren: „Wenn du wissen willst, wie Fußball geht, dann frag einen, der keine Ahnung hat – der erklärt es dir.“ War vermutlich auf all jene gemünzt, die den Tabellen-15. voreilig abgeschrieben haben.

Uli Kellner

Rubriklistenbild: © Christina Pahnke / sampics

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