Vierkampf um die 2. Liga

Coole Nordlichter, nervöse Sachsen - und bei Ingolstadt und 1860 läuft es auf einen Showdown zu

Michael Köllner jubelt.
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Der lachende Vierte? Michael Köllner ist mit 1860 auf der Überholspur.

So mancher Fan des TSV 1860 dürfte sich gerade wie in einem schönen, etwas kitschigen Traum fühlen. Vor Ostern hatten viele das Thema Aufstieg abgehakt – zwei Spieltage später sieht die Tabelle aus, als wäre sie von einem weißblauen Kobold hingetrickst worden. Endet das weißblaue Märchen am 22. Mai in der 2. Liga?

Aus einem Rückstand von zehn resp. neun Punkten auf das Spitzentrio sind durch wundersame Fügungen fünf Punkte auf Dresden geworden – und vier auf Rostock und Ingolstadt, die die Plätze zwei und drei belegen. Kann das wirklich wahr sein? Selbst ältere Fans müssen lange zurückdenken, um sich an so eine Phase schicksalhafter Wendungen zu erinnern.

Kein Traum ist jedenfalls, dass die Löwen ihr Schicksal fast wieder in der eigenen Hand haben. Wie die Lage bei den vier Aufstiegsrivalen ist, mit welchen Sorgen die Löwen und ihre Mitbewerber in die letzten sieben Spiele gehen, zeigt unsere Übersicht.

Dynamo Dresden (59 Punkte, Platz 1)

Lage: Mit der Niederlage bei 1860 ist bei Dynamo irgendetwas aus dem Ruder gelaufen. 20 von 24 möglichen Punkten hatten die Sachsen seit Anfang Februar geholt, dabei 17 Tore erzielt und sich die Liga von oben angeschaut, aus der (trügerischen) Warte des designierten Meisters. Umso erstaunlicher der jüngste Negativlauf: Das letzte Tor liegt 348 Minuten zurück, zwischen den Niederlagen bei 1860 (0:1) und Haching (0:2) gab es eine Nullnummer gegen Rostock – und spätestens seit Sonntag leugnet keiner mehr die Krise. Ein Dynamo-Insider sagt: „Dresden ist ein emotionales Pflaster, prädestiniert dafür, nervös zu werden. Die Situation gerade ist alles andere als entspannt.“

Probleme: Die ungeklärte Vertragssituation von Trainers Markus Kauczinski, interne Zweifel an seinem taktischen Verständnis, Formschwächen (Mörschel, Königsdörffer, Jonathan Meier) und eine seltsam gehemmte Offensive.

Restprogramm: Duisburg (H), Uerdingen (A), Halle (H), Verl (A), Köln (H), Türkgücü (H), Wehen Wiesbaden (A).

Prognose: Dynamo packt es trotzdem, die Qualität des Kaders müsste reichen.

Hansa Rostock (58 Punkte, Platz 2)

Lage: Nach Platz fünf zum Jahreswechsel wirkte es, als hätte der FC Hansa Siebenmeilenstiefel angezogen. Kein Drittligist hat in der Rückrunde besser gepunktet: neun Siege, zwei Unentschieden bei nur einer Niederlage. Legt man die Papierform zugrunde, spricht alles für Rostock. Abzuwarten bleibt allerdings, wie sie an der Ostsee den Rückschlag gegen Magdeburg (0:2) wegstecken. Viel wird vom anstehenden Auswärtsspiel bei Bayern II abhängen. Generell gilt aber: So schnell verliert in „Meck-Pomm“ keiner die Nerven. Gezogen wird die Hansa-Kogge von charakterstarken Routiniers (Torhüter Kolke, Neidhart, Löhmannsröben, Bahn) – und die Reaktion auf die 0:1-Pleite in Lübeck spricht Bände: vier Siege in Folge.

Probleme: keine bis auf zwölf auslaufende Verträge, die aber nur im Falle eines anhaltenden Negativlaufs Unruhepotenzial bergen.

Restprogramm: Bayern II (A), Wehen (H), Meppen (A), Ingolstadt (H), Zwickau (H), Haching (A), Lübeck (H).

Prognose: Rostock steigt als Meister auf. Teamgeist, mentale Stärke und Fitness sprechen dafür. Außerdem warten nach dem direkten Duell mit Ingolstadt (35. Spieltag) nur noch Teams, für die die Saison dann möglicherweise gelaufen ist.

FC Ingolstadt (58 Punkte, Platz 3)

Lage: Der März war ein wahrer Wonnemonat für den FCI: vier Siege, dazu das Remis beim spielstarken SC Verl. April, April hieß es dann, als viele schon dachten, die Elf des Motivations-Gurus Tomas Oral wäre zum Spitzenteam gereift. Der schwachen Leistung in Magdeburg (2:0) folgte das 2:2 gegen Bayern II, bei dem zwei späte Führungen nicht hielten. Dabei schien genau das eine neue Stärke des FCI zu sein: Dass man Siege auch spät erzwingen kann, siehe das irre 2:1 gegen Köln mit Torwarttor in der Nachspielzeit. Doch jetzt: Werden die Schanzer nervös, weil sich die Löwen, ihr finaler Gegner, anpirschen?

Probleme: Ein örtlicher FCI-Experte bestätigt die These von sich einschleichender Nervosität: „Sie wollen direkt rauf – und bloß nicht wieder in die Relegation. Ich seh’s so, dass sie langsam ein bisschen die Flatter bekommen.“

Restprogramm: Meppen (H), Lübeck (A), Zwickau (H), Rostock (A), Saarbrücken (H), Duisburg (A), TSV 1860 (H).

Prognose: Dem FCI droht ein weiteres Scheitern auf der Zielgeraden. Tief in den Köpfen sitzt immer noch der Relegations-K.o. gegen Nürnberg in der letzten Sekunde.

TSV 1860 (54 Punkt, Platz 4)

Lage: Es läuft wieder, seit die Löwen sich öffentlich zu Jägern erklärt haben: Drei Siege in Folge (Saisonpremiere), Tore satt (57, wie Verl) – und ein Zusammenhalt, der selbst den nüchternen Phillipp Steinhart schwärmen lässt („Noch nie erlebt“). So könnte es eigentlich weitergehen . . .

Probleme: Aktuell keine – bis auf die vier, fünf Punkte, die 1860 noch mehr holen muss als Ingolstadt und Co.

Restprogramm: Türkgücü (A), Köln (H), Mannheim (A), Kaiserslautern (H), Wehen (A), Bayern II (H), Ingolstadt (A).

Prognose: Die Löwen haben das Momentum auf ihrer Seite und könnten nicht zuletzt vom günstigen Spielplan profitieren (Duell Rostock vs. Ingolstadt, Finale beim FCI). Spannend wird sein, was passiert, wenn 1860 vorzeitig zum Gejagten wird. Trotzdem: Der Vierte wird die Gunst der Stunde nutzen und am Ende mindestens Dritter.

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