1. tz
  2. Sport
  3. 1860 München

Löwen-Machtkampf: Pro1860 oder Team Profifußball - Wer setzt sich bei der Versammlung durch?

Erstellt:

Von: Ludwig Krammer, Uli Kellner

Kommentare

Wird es so denkwürdig wie 2017: Wie im Jahr seiner Wahl erwartet Robert Reisinger einen Antrag von Ulla Hoppen, der seinen investorkritischen Kurs stützt.
Wird es so denkwürdig wie 2017: Wie im Jahr seiner Wahl erwartet Robert Reisinger einen Antrag von Ulla Hoppen, der seinen investorkritischen Kurs stützt. © Foto: sampics

Bei der 1860-Versammlung am Sonntag (10 Uhr, Einlass ab 8.30 Uhr) sorgt nicht nur die Wahl des Verwaltungsrats für Brisanz.

München – Gefühlt tagt kein Verein so leidenschaftlich wie der TSV 1860, was sich auch an den stets langen Schlangen vor den Versammlungshallen ablesen lässt. Bei der Auflage an diesem Sonntag (10 Uhr, Zenith, Einlass ab 8.30 Uhr) sollte nun alles schneller gehen – die neuen Mitgliedsausweise enthalten Strichcodes, die sich scannen lassen, um eine raschere Registrierung zu ermöglichen. Jedoch: Es gab eine Panne beim Versand der neuen Identitätskarten, weswegen erneut ein kleiner Stau vor dem Zenith zu erwarten ist. Abgesehen davon ist – Stand Freitag – alles perfekt vorbereitet. 1500 Mitglieder werden erwartet, die Halle ist bis zum Abend gebucht, das Programm wie immer brisant. Unsere Übersicht.

Wer und was wird gewählt?

Wahlausschuss, Ehrenrat, Kassenprüfer und Seniorenvertreter stehen zur Abstimmung. Die größte Spannung verspricht aber natürlich: die Wahl des Verwaltungsrats. Das neunköpfige e.V.-Gremium, für das insgesamt 30 Personen kandidieren, hat keinen geringen Einfluss auf die Klubpolitik. Laut Satzung bestehen die Hauptaufgaben in der Auswahl von Kandidaten für das Vereinspräsidium sowie in der Mitbestimmung bei der Entsendung von Vertretern in den Beirat der Geschäftsführungs-GmbH und den Aufsichtsrat der KGaA. Auch bei Veränderungen an Besitzverhältnissen von Tochtergesellschaften muss der Verwaltungsrat zustimmen. Zudem überwacht er die Haushaltsführung des Präsidiums und der Abteilungen.

Wer kandidiert – mit welchen Interessen?

Der bestehende Verwaltungsrat um den Vorsitzenden Markus Drees steht für die Emanzipation des Vereins von seinem KGaA-Mitgesellschafter Hasan Ismaik, auch „Nadelstiche“ (Eigenaussage) gehören zum Repertoire. Der Kurs des Präsidiums, keine weiteren Darlehen beim Investor aufzunehmen, wird unterstützt. Bei einer Wiederwahl der Kandidaten für die kommenden drei Jahre dürften sich die Fangruppierung Pro1860 und die Freunde des Sechz’ger Stadions als große Gewinner der Veranstaltung fühlen. Als Opposition geht das neunköpfige „Team Profifußball“ um den Unternehmer Klaus Ruhdorfer, den Großgastronom Thomas Hirschberger und den früheren 1860-Stürmer Bernhard Winkler an den Start. Ziel dieser Gruppierung ist es laut Wahlprogramm, die Spaltung im Verein zu überwinden und den Kontakt zu Ismaik zu normalisieren, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben. Drees & Co. wird eine Unterwanderung des Klubs vorgeworfen, mit dem Ziel, aus 1860 München einen TSV Giesing zu machen – Stichwort „Amateurfalle“.

Muss das Präsidium akut bangen?

Nicht wirklich, die Neuwahlen der Vereinsspitze stehen erst 2019 an. Je nachdem, wie viele Kandidaten das „Team Profifußball“ in den Verwaltungsrat bekommt, könnte der Wind für Robert Reisinger, Hans Sitzberger und Heinz Schmidt jedoch rauer werden. Für den Moment gilt Winklers Ankündigung: „Es braucht keiner was zu befürchten. Das Präsidium ist ja bis 2019 gewählt. Wir würden mit ihm zusammenarbeiten – egal, wer da reinkommt.“

Welche Chancen hat die Opposition?

Viel wird davon abhängen, wie zahlreich die 1860-Mitglieder aus dem Fanklub-Dachverband ARGE erscheinen. Ruhdorfer & Co. waren in den letzten Monaten intensiv auf Wahlkampftour, meist begleitet von Allesfahrer Franz Hell, 65, der sich als ARGE-Vorstandsmitglied die „Mobilisierung der schweigenden Mehrheit“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Gibt es wieder brisante Anträge?

Brisant war die Auflage 2017 nicht nur wegen der Wahl des Ismaik-Skeptikers Reisinger, sondern auch wegen des sog. Hoppen-Antrags, der spät am Nachmittag, als sich die Halle bereits geleert hatte, durchgewunken wurde. Konkret ging es darum, dass Hoppen und ihre Unterstützer das Präsidium zur Kündigung des Kooperationsvertrages mit Hasan Ismaik bewegen wollten – wozu es letztlich aber nicht kam, weil dem Verein in juristischen Gutachten davon abgeraten wurde. Der Grund: mangelnde Aussicht auf Erfolg. Auch 2018 taucht der Name Hoppen wieder auf – in einem Antrag, den die streitlustige Blondine zusammen mit Ex-Verwaltungsrat Christian Waggershauser und Hans Vonavka, dem Sprecher von Pro1860, eingereicht hat. Das Trio will das Präsidium über ein juristisch nicht bindendes Mitgliedervotum darin bestärken, seinen aktuellen Kurs fortzusetzen und auch künftig auf neue Darlehen von Ismaik zu verzichten. Falls der Investor die KGaA „mittels Sponsoring, Schuldenschnitt, Genussscheinen oder Mäzenatentum“ unterstützen wolle, sei dies „natürlich jederzeit willkommen“, heißt es im Begleittext des Antrags. Von weitreichender Bedeutung wäre auch, was Mitglied Johannes Schencking aus Steinfurt im Münsterland durchsetzen will: eine Satzungsänderung, um die Vereinsgremien künftig auch per Online- und Briefwahl wählen zu können. Sämtliche Anträge sind im Internet unter tsv1860.org einsehbar.

Erscheint die Investorenseite?

Hasan Ismaik selbst wohl kaum. Fanartikel-Boss Anthony Power wird erwartet, auch Yahya Ismaik, der 2017 erfolglos für den Verwaltungsrat kandidiert hatte. Unwahrscheinlich ist, dass sich Peter Cassalette und Saki Stimoniaris blicken lassen, Ismaiks Vertreter im KGaA-Aufsichtsrat. Ex-Präsident Cassalette dürfte wenig Interesse haben, sich für den Bericht im Bundesanzeiger zu rechtfertigen, der gerade erst Horrorzahlen aus dem Jahr des Doppelabstiegs offenlegte: 22 Millionen Euro Verluste und 18 Millionen an gezahlten Gehältern. Ein „Mahnmal des Irrsinns“, wie die „tz“ urteilte. Bei MAN-Betriebsrats-Chef Stimoniaris dürften es eher terminliche Gründe sein. Via Bild rief er zu einem produktiven Miteinander auf. Egal, wie der neue Verwaltungsrat aussehe: „Wir werden mit allen Leuten zusammenarbeiten.“

Was ändert sich gegenüber 2017?

Verlässt ein Mitglied die Halle, um zu rauchen, sich die Füße zu vertreten oder ein Eis zu kaufen (sehr beliebt in den letzten Jahren), muss es seine Stimmkarte abgeben. Erst beim Wiedereintritt in den Saal wird der blaue Karton wieder ausgehändigt. Die Veranstalter wollen damit verhindern, dass herrenlose Stimmkarten zweckentfremdet werden. „Nicht, dass ein Bus abreist und einer allein mit einem ganzen Stapel Stimmkarten zurückbleibt“, sagt ein Funktionsroutinier, der schon zig Versammlungen erlebt hat. Wenn die Löwen tagen, muss offenbar mit allem gerechnet werden.

Lesen Sie auch: Löwen-Zukunft: Ismaik-Vertrauter spricht schon von der Bundesliga

Auch interessant: Unfassbare Zahlen und Rekord-Gehälter: So viel Geld verbrannte 1860 in der Abstiegssaison

Von Uli Kellner und Ludwig Krammer

Auch interessant

Kommentare