Peinlich, peinlich: Skandale & Skandälchen beim TSV 1860

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15. März 2004: Karl-Heinz ­Wildmoser flieht vom Vereins­gelände

München - In diesem Teil der großen tz-Serie zum 150-jährigen Löwen-Jubiläum widmet sich Claudius Mayer einigen weniger erfeulichen Episoden.

Die bisherigen Teile der tz-Serie:

Typisch 60: Anfang mit Hindernissen

Dunkle Zeit und erster Titel

Sieger & Meister: Die großen Erfolge der Nichtfußballer

Die Nummer eins in München!

Die Sechzger-Jahre: Das Meisterstück!

19 Trainer & hunderte Spieler: der Absturz

Die Löwen in den 90er Jahren: Die Wiederauferstehung

Es klingt wie aus einem schlechten Spionage-Film, ist aber vor ein paar Jahren beim TSV 1860 tatsächlich so geschehen. Als sich das damalige Präsidium mit Ernst Lehner, Wolfgang Hauner und Ralph Burkei zu einem Zwölf-Augen-Gespräch mit den potenziellen Nachfolgern Albrecht von Linde, Karsten Wettberg und Otto Steiner im vereinseigenen Bootshaus in Thalkirchen traf, lauschte einer mit. Der Mann war von der Wassersportabteilung, kannte sich am Bootshaus bestens aus und wusste, wo genau man durch die Entfernung eines Ziegelsteins in der Wand jedes Wort verstehen konnte. Und den Inhalt gab er dann an jene Herrschaften im Verein weiter, die daran interessiert waren, einen von Linde und Wettberg an der Vereinsspitze zu verhindern. Anzunehmen, dass der Ziegelstein schon jahrzehntelang „wertvolle“ Dienste im Intrigantenstadl TSV 1860 geleistet hat.

Aber das gehört halt zum Verein, so wie der Löwe auf dem Wappen. Skandale und Skandälchen, Peinlichkeiten und ja kein Fettnäpfchen auslassen.

Zur Topmeldung in der Tageschau reichte es allerdings nur ein einziges Mal. Im März 2004, als der Schmiergeldskandal um die Allianz Arena den deutschen Fußball erschütterte. Beide Wildmosers wurden festgenommen, der Vater verbrachte drei Tage in U-Haft, der Sohn musste zweieinhalb Jahre im Landsberger Gefängnis absitzen. Der Senior trat kurz nach seiner Freilassung als Präsident zurück, im Verein ging’s drunter und drüber, zwei Monate später war der Abstieg in die 2. Liga besiegelt.

Zum vierten Mal in der Bundesligageschichte. 1970 gewannen die Verantwortlichen unter Präsident Franz Sackmann dem Abstieg sogar noch was Positives ab: Der mit 1,4 Millionen Mark verschuldete Verein solle sich in der 2. Liga „gesundschrumpfen“. Was für ein Nonsens.

Aber mit den Verbindlichkeiten pflegten die Funktionäre in den 60er-Jahren ohnehin stets einen recht legeren Umgang. Als Vizepräsident Schmidbauer auf einer Versammlung feststellte, dass den Verein 975.000 Mark Schulden plagen würden, schlug er einfach mal vor: „Dann machen wir am besten noch weitere 25 000 Miese, so sind wir bei einer Million, und die können wir uns leichter merken…“

Einfach anders sein als die anderen – dachte sich auch Präsident Erich Riedl, als er 1979 Eckhard Krautzun loswerden wollte. Er setzte einen Detektiv auf den Trainer an, damit der in Krautzuns Privatleben schnüffeln sollte. Anrüchiges trat aber nicht zu Tage, Krautzun bekam jedoch spitz, dass jemand hinter ihm her war, und ließ sein Telefon überprüfen. Er glaubte allerdings, vom Geheimdienst abgehört zu werden…

Keine zwei Meinungen gab’s im Fall Berkant Göktan. Ein vom damaligen Manager Stefan Reuter angeordneter Drogentest ergab im Herbst 2008, dass der Publikumsliebling, wie vermutet, Kokain konsumierte. Göktan wurde sofort entlassen, heute kickt er in Thailand. Nemanja Vucicevic wiederum wurde 2006 vom DFB zu einem halben Jahr Sperre verdonnert, weil er ein Haarwuchsmittel eingenommen hatte, das Substanzen zur Verschleierung von Doping enthielt. Sage aber keiner, dass der Löwenfan dabei nicht dazulernt. „Finasterid“ hieß der verbotene Wirkstoff und gehört seitdem zum festen Wortschatz eines jeden echten Blauen.

Ein paar Jahre zuvor schlugen die Klatschkolumnistinnen von Gala, Bunte und diversen Fernsehsendern in voller Stärke an der Grünwalder Straße auf. Anfang 2000 war bekannt geworden, dass Löwen-Manager Edgar Geenen mit Angela Häßler, der Frau des Spielmachers, seit Längerem ein Verhältnis hatte. Die Mannschaft hielt zu ihrem Icke und forderte die Vereinsführung auf, Geenen sofort zu entlassen. Dem Wunsch wurde entsprochen. Als Karl-Heinz Wildmoser kurz darauf in einem TV-Interview gefragt wurde, was ein neuer Manager denn so mitbringen müsse, antwortete er grinsend: „A Buidl von seiner Frau…“

Nullkommanull zu tun mit einem Liebesverhältnis hatte das, was zwischen 2006 und 2008 die Herrschaften Stefan Ziffzer, Albrecht von Linde und Karsten Wettberg betraf. Keine Sitzung verging, ohne dass sich der Geschäftsführer (Ziffzer) und der Präsident (von Linde) fetzten. Das ging so weit, dass sich beide Herren sogar über die für 1860 so existenzielle Frage in die Haare gerieten, wessen Vorfahren stärker von den Nazis verfolgt worden sind.

Am 11. Mai 2008 folgte dann der große Knall. Nach dem letzten Heimspiel gegen den VfL Osnabrück marschierte Ziffzer in die Pressekonferenz und gab vom Podium aus Folgendes zum Besten: „Der Fisch stinkt vom Kopf her, und bei uns ist der Kopf der Präsident. Dieser Präsident ist eine Schande.“ Das war’s dann. Ziffzer wurde sofort entlassen – und von Linde trat wenig später auch zurück.

Ziffzer kann einpacken - Der Abgang in Bildern

Ziffzer kann einpacken - Der Abgang in Bildern © sampics
Aufmarsch der Gladiatoren: Präsident von Linde trifft in Begleitung seines Anwalts auf dem Vereinsgelände ein… © sampics
…wo ihn sein Noch-Geschäftsführer Stefan Ziffzer bereits erwartet. In Begleitung des wachsamen „Kraiburgers“, der Schlimmeres verhindern will. © sampics
Letzter großer Auftritt: Ziffzer bittet zur Bilanz-Pressekonferenz. © sampics
Aufgeheizte Stimmung: Fan-Plakat vor dem Vereinsgelände © sampics
Ziffzer packt ein © sampics
Die Fans (links der „Kraiburger“) diskutieren © sampics
Nicht ohne meine Kleopatra: Die moderne Kunst nahm Ziffzer mit. © sampics
Netter Schluss-Gag: der gefeuerte Geschäftsführer Ziffzer verließ als Präsident von Linde verkleidet mit Löwen-Schal seinen Arbeitsplatz, um - auch schön - für den Rest des Tages die Befehle seiner Frau zu befolgen. © sampics

Einer von Ziffzers Vorgängern, Geschäftsführer Ludwig Maierböck, fälschte 1970 sogar eine Unterschrift, um den hochtalentierten Stürmer Klaus Fischer weiter an 1860 zu binden. Da Fischer noch nicht volljährig war, unterschrieb Maierböck anstelle des Vaters. Allerdings mit dessen Namen. Der Schwindel flog auf, und Fischer zog ab nach Schalke.

Claudius Mayer

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