Mängelanalyse

Darum sind die Löwen in der Krise

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Mit welchem System kommen die Löwen aus der Krise? Cheftrainer Markus von Ahlen an der Taktiktafel.

München - Der 1860-Kader hat das 4-3-3 nicht im Kreuz, wesentliche Positionen wurden beim Radikalumbau vergessen. Eine Mängelanalyse, warum die Löwen in der Krise sind.

Seit Montag wissen also Sky-Abonnenten in ganz Deutschland, wie es so zugeht beim TSV 57, 58, 59, Sechzig. Das neue Fußball-Big-Brother-Format macht’s möglich. Zehntausend haben in der Hautnah-Doku des Pay-TV-Senders gesehen, dass in der Löwen-Kabine Englisch gesprochen wird, dass die Spanier Ilie Sanchez und Edu Bedia erste Deutsch-Vokabeln beherrschen („Einzelfahrkarte“, „Leberkäse“), dass Ex-Trainer Ricardo Moniz das von oben vorgegebene System schon vor der Saison anzweifelte („Wir können 4-3-3 nicht umsetzen“). Unterhaltsam war das, teilweise auch aufschlussreich.

Aber: Was die 54 Minuten des ersten von vier Teilen nicht beleuchteten, sind die genauen Gründe für den mit Pauken und Trompeten verpatzten Saisonstart (Platz 17). Einiges lässt sich womöglich mit Pech und Eigendynamik erklären. Anderes ist hausgemacht, wie unsere Analyse aufzeigen wird.

Zu viele Spieler

In ihrer Umgestaltungswut ist die Vereinsführung über das Ziel hinausgeschossen. Am liebsten hätten die Bosse den ganzen Kader ausgewechselt – da jedoch spielten Profis mit komfortablen Altverträgen nicht mit (u.a. Tomasov, Vallori, Volz). Zehn neue Spieler sind gekommen, aber bei den zehn, die laut Sportchef Gerhard Poschner gegangen sind, waren auch Gelegenheitsprofis wie Steinhart und Koussou dabei. Die Folge: ein zu großer, schwer zu bändigender Kader. 31 Spieler listet der Verein in der Rubrik „Profi-Kader“ auf. In der Praxis sind es zwar nicht ganz so viele, aber immer noch genug, dass am Spieltag prominente Daheimbleiber traurig vor sich hinjoggen (zuletzt: Volz, Vallori, Leonardo) – oder Dienst bei der U 21 schieben müssen (Hertner). Noch lehnt Trainer Markus von Ahlen eine Zwangsverkleinerung ab, auch eine „Trainingsgruppe II“ kommt für ihn nicht in Frage. Begründung: „So lange es keine Reibungsverluste gibt oder Spieler schlechte Stimmung verbreiten . . .“ Menschlich nachvollziehbar, dass er sich keine Feinde machen will. Andererseits: Gesund fürs Betriebsklima kann es nicht sein, wenn am Spieltag mehr Profis zuschauen als mitspielen dürfen.

Unrunder Kader

Gekommen sind im Sommer: ein Torwart, zwei Abwehrspieler, vier Mittelfeldspieler, drei Stürmer. Klingt tatsächlich wie eine Runderneuerung in allen Mannschaftsteilen. Eine der wichtigsten Positionen wurden jedoch übersehen: die des Linksverteidigers. Nicht unwichtig, wenn man den Ehrgeiz hat, 4-3-3 zu spielen.

Am Montag klagte von Ahlen jedenfalls, dass er links hinten die Wahl hat zwischen einem offensiven Umschüler (Tomasov), einem Profi-Anfänger (Wittek) und einem gelernten Innenverteidiger (Wojtkowiak). Rechts schaut es übrigens nur unwesentlich besser aus: Nominell gibt es reichlich Optionen (Steinhöfer, Volz, Angha), aber keine, die bislang wirklich überzeugen konnte.

Seltsame Personalien

Wer nicht gerade Trainer oder Sportchef beim TSV 1860 ist, wundert sich: Warum führt in der Aufstellung an Gary Kagelmacher kein Weg vorbei, obwohl der Uruguayer bei objektiven Betrachtern eher nicht so gut wegkommt. Verwunderlich auch deshalb, weil Kapitän Christopher Schindler viel stabiler wirkt, wenn Altlöwen wie Bülow oder Vallori an seiner Seite verteidigen.

Eine ebenso rätselhafte Personalie findet sich ganz vorne: Leonardo, dessen Spielweise nicht nur Meisterlöwen das Herz erwärmt (Fredi Heiß: „Endlich mal ein Fußballer“), spielte immer, als er noch nicht fit war (unter Moniz). Jetzt, da er fit sein müsste, schafft er es nicht mal mehr in den 18er-Kader.

Vergraulte Alphatiere

Zuletzt klagte Poschner, dass keiner auf dem Platz steht, der Verantwortung übernimmt. Ein Wunder eigentlich, dass es den Sportchef wundert, schließlich wurden anerkannte Leistungsträger bewusst vergrault (Lauth, Stoppelkamp, Kiraly), demontiert (Vallori, zwischenzeitlich auch Adlung und Stark) – oder sie werden links liegen gelassen (Bülow).

Kapitäns-Irrsinn

Bitter auch und fast schon fahrlässig, wie der Verein mit seinen größten Talenten umgeht. Spieler mit der Kraft der Kapitänsbinde aufzuwerten, funktioniert nicht, wenn die Spieler offensichtlich noch genug mit sich selbst beschäftigt sind (erst Teenager Weigl, jetzt Schindler, 24). Letztlich gehen die abenteuerlichen Kapitänsentscheidungen auf Moniz zurück, doch Poschner hätte einschreiten müssen. Andererseits: Wer hätte es auch sonst werden sollen? Siehe Unterpunkt: „Vergraulte Alphatiere.“

System-Ehrgeiz

4-3-3 gilt unter Experten als attraktives, aber höchst anspruchsvolles Spielsystem. Es spricht für den Ehrgeiz der neuen Löwen-Bosse, dass sie sich von der hohen Fußballkunst inspirieren lassen – was sie übersehen haben, ist dass die 2. Liga kein Experimentierfeld ist, sondern knallharter Überlebenskampf, in dem sich Schönspieler wie Poschners Spanier unübersehbar schwer tun. Moniz hat früh erkannt, dass der Kader diese Spielform nicht im Kreuz hat.

Das Ganze kann schon deshalb nicht funktionieren, weil 4-3-3 stark von spielstarken Außenverteidigern lebt, die bekanntlich bei der sommerlichen Einkaufstour vergessen wurden (siehe Unterpunkt „Unrunder Kader“). Dass die Löwen mit ihren naiven Umbauplänen gescheitert sind, belegt auch die Tatsache, dass von Ahlen eine Rückkehr zum alten System angekündigt hat – und alte Kämpfer wie Stahl und Bülow in den nächsten Spielen sehr wichtig werden dürften.

Uli Kellner

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