1860-Jugendleiter im großen Vorort-Interview

Roy Matthes: "Wittek ist keine Eintagsfliege"

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Roy Matthes (1.v.r.) ist Jugendleiter beim TSV 1860 München.

TSV 1860 München (Jugend) - Im ersten Teil des Interviews mit Roy Matthes spricht der Löwen-Jugendleiter über das Nachwuchsleistungszentrum der Sechzger und nennt Gründe für den großen Erfolg im Jugendbereich.

Großvereine wie der TSV 1860 München haben im Jugendbereich mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass sie den kleineren Vereinen im Umkreis die Talente "wegnehmen". Mit den Bundesligaklubs aus München, Ingolstadt und Augsburg ist die Konkurrenz im Kampf um die Nachwuchshoffnungen jedoch so groß, dass die Scouts der Löwen manchmal sehr hartnäckig sein müssen.

Diese Problematik gehört zum Alltagsgeschäft von Jugendleiter Roy Matthes, den wir am Mittwochnachmittag an der Grünwalder Straße treffen durften. Wir haben mit ihm über das Nachwuchsleistungszentrum der Löwen und den großen Erfolg der Sechzger im Jugendbereich gesprochen.

1860 München hat im Vergleich zu vielen Bundesligisten die deutlich begrenzteren finanziellen Mittel. Woran liegt es, dass der TSV trotzdem zu den Top-Adressen im deutschen Jugendfußball gehört?

Zum Ersten bin ich mir nicht sicher, ob wir wirklich begrenztere Mittel haben. Im Vergleich mit Hoffenheim, Leverkusen oder Stuttgart sicher, aber im Vergleich mit einer Vielzahl anderer Nachwuchsleistungszentren brauchen wir uns sicher nicht verstecken. Wir spüren die Wertschätzung der Nachwuchsarbeit im Verein und in der Geschäftsführung und konnten zuletzt viele unserer Vorstellungen umsetzen. Zudem herrscht bei den Löwen eine besondere, familiäre Atmosphäre, jeder kennt jeden. Wir pflegen ein enges Verhältnis zu unseren Nachwuchsspielern und gehen mit Ihnen auch durch Schwächephasen.

Das Nachwuchsleistungszentrum des TSV hat als Bewertung drei plus einen Stern erhalten und gehört damit zu einer kleinen Elite in Deutschland. Wie häufig und wie stark ändern sich die Kriterien, die man für diese Auszeichnung einhalten muss?

Die Bewertung des NLZ findet alle drei Jahre statt. Dabei werden unter anderem die Strategie, Infrastruktur, Fußballausbildung, Personal und Effektivität analysiert. Die Kriterien ändern sich nicht direkt im Wesen, sie wurden aber in der Vergangenheit immer detaillierter. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren war bei der Bewertung eine Frage, ob der Verein einen Sportpsychologen im Betreuerteam hat. Heutzutage wird davon automatisch ausgegangen, jetzt geht es nur noch um die Anzahl der Psychologen, die Arbeitsstunden, etc.

Maximilian Wittek ist sozusagen ein Musterbeispiel für die Vereinsidentifikation. Er hat bereits mit acht Jahren in der Jugend der Löwen angefangen und ist jetzt Stammspieler im Profi-Team und Jugendnationalspieler. Ist Wittek eine Eintagsfliege oder sind auch andere jetzige Profis mit Löwen-Vergangenheit so lange im Verein gewesen?

Wittek ist sicher keine Eintagsfliege, da gibt es genügend Beispiele: Christopher Schindler (seit 1999), Korbinian Vollmann (seit 2004) oder Vitus Eicher (seit 2000). Auch Bundesligaprofis wie Kevin Volland (4-5 Jahre) und Julian Weigl (zur U16 gekommen) haben über Jahre hinweg unsere Ausbildung genossen, wir haben alle Spieler auf unserer Homepage www.jungloewen.de aufgelistet.

In den letzten Jahren gab es sehr viele Trainerwechsel im Herrenbereich. Hat das ihre Arbeit im NLZ beeinflusst?

Sicher. Als beispielsweise Torsten Fröhling Chefcoach wurde und der damalige U16-Trainer Daniel Bierofka die U21 übernahm, mussten wir uns im Nachwuchsbereich auch ein wenig neu sortieren. Negativ beeinflusst haben uns die Trainerwechsel aber nicht. Unabhängig von Personen haben wir ja eine Vereinsphilosophie und beispielsweise ein einheitliches Spielsystem in den Großfeldmannschaften, nämlich das 4-3-3.

Sie sind sportlicher Koordinator für den Altersbereich U12 und jünger und organisatorischer Leiter für die U17 und jünger. Welche Aufgaben müssen sie in diesen Arbeitsbereichen bewältigen?

Zu viele (lacht).  Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Schellenberg ist tadellos, zudem werden wir von einem großen Team unterstützt, jeder leistet seinen Teil. Zu meinen organisatorischen Aufgaben gehören unter anderem die Personal- und Etatplanung und die Strukturierung verschiedenster Themen wie Homepage, Scouting und der Juniorenkalender. Ich berichte regelmäßig an die Fußballabteilungsleitung und bekomme meine Informationen wiederum aus dem Austausch mit den Trainerteams, mit Spielern, mit Eltern oder mit Mitarbeitern.

Ihre Scoutingabteilung kümmert sich darum, regelmäßig neue Talente anzuwerben, die die aktuellen Mannschaften verbessern sollen. Hat man dabei moralische Bedenken, regelmäßig den kleineren Vereinen die Spieler „wegzunehmen“?

Zunächst halte ich „Anwerben“ für den falschen Begriff. Wir schauen uns nach talentierten Jungs bei allen Vereinen um und zeigen ihnen dann unsere Möglichkeiten auf. Das kann die Kooperation mit Schulen, die Teilnahme an internationalen Turnieren oder natürlich auch die dritte oder vierte Trainingseinheit sein. Wenn ein Spieler sich dann entscheidet, nehmen wir schon Rücksicht auf die Heimvereine (z.B. bei Wechseln im Winter), zunächst sind aber die Eltern der erste Ansprechpartner. Beim Anwerben von neuen Spielern müssen unsere Scouts manchmal zugegebenermaßen hartnäckig sein, weil der Großraum München einfach ein „Silicon Valley“ der Talente ist. Es gibt mit den Junglöwen, den Bayern, Augsburg, Ingolstadt und Unterhaching eine große Anzahl an Vereinen, bei denen man im Umkreis von 60-80km ausgebildet werden kann. Wir sind stolz darauf, dass in unseren Mannschaften viele Münchener Talente spielen, verschließen uns aber auch nicht vor Fahrtwegen von bis zu einer Stunde, wenn die Eltern und die Jungs das wollen. 

Zu Teil 2 des Interviews

Quelle: fussball-vorort.de

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