"Wir müssen was tun"

Nach Auftaktpleite: Lorant lässt mehr trainieren

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Werner Lorant zieht die Zügel an und bittet seine Spieler jetzt zu einer Trainingseinheit mehr pro Woche.

TSV Waging/See - Der reaktivierte Kulttrainer zieht bei seinem Bezirksliga-Debüt eine große Show ab, verliert mit Waging aber 0:2.

Seinen Trainingsanzug ziert jetzt das Logo eines anderen TSV, auch der Werbeaufnäher für Nikotinkaugummis fehlt – ansonsten ist es fast wie früher. Werner Lorant geht nach Spielende kurz in die Kabine, kommt wieder raus und lässt sich auf einer Holzbank nieder. „Ihr sollt doch nicht fotografieren, wenn ich am Rauchen bin. Schon vergessen?“, maßregelt er die Männer mit den Objektiven – und steckt sich die erste Fluppe an.

Breitbeinig sitzt er da, zwei Betreuer des TSV Waging gesellen sich zu ihm, auch die Physiotherapeutin, die hier „Physio-Bine“ heißt. Auf sie redet Lorant am längsten ein. „Kein Mensch im Rückraum“, grummelt er über die spielentscheidende Szene in der 67. Minute. „Der steht ganz alleine da!“ Und noch mal, als könne er das 0:1 dadurch ungeschehen machen: „Rückraum! Ich hab’s noch gesagt...“ Dass Kolbermoor, der Tabellenzweite, zehn Minuten vor dem Ende auch noch das 0:2 schoss, war dann auch schon wurscht.

Kulttrainer Lorant weiß, was von ihm erwartet

Als er zuende geraucht hat, erhebt sich der reaktivierte Ruheständler und erzählt das Spiel noch einmal für die Öffentlichkeit nach. Für das Fernsehen, das Lokalradio, für deutlich mehr schreibende Presse, als sonst in der Bezirksliga Ost anzutreffen ist. Sein Trainer-Comeback hat für einen kleinen Rummel in Waging gesorgt. Sonst kommen 100 bis 150 zu den Spielen, am Samstag sind es annähernd 500. „Also, wenn ich ehrlich bin, hab ich zuerst an einen Aprilscherz gedacht“, sagt Jochen Reil, Trainer des Gegners, angesprochen auf die Meldung der Woche. Reils zweiter Gedanke war dann: „Was kann es Besseres geben, um noch einen Motivationsschwung nach oben zu machen?“ Er hat dann aber feststellen müssen, dass eher das Gegenteil der Fall war: „Wir haben im Spiel Dinge gemacht, die wir sonst nicht machen. Schnelle Ballverluste, von vorne nach hinten verteidigt. Da war viel Hektik drin, viel Aufregung, zumindest die ersten 25, 30 Minuten.“

Beeindruckt sind fast alle beim Lorant-Comeback in der 7. Liga. Der Schiedsrichter, ein sehr junger Mann, wird gleich mal mit dem Zeigefinger ermahnt. „Pfeif ja anständig!“, sollte das heißen. Ein beiläufig dahin gebellter Lorant-Scherz. Der Kulttrainer weiß schließlich, dass die Leute nicht nur eine Siegesserie von ihm erwarten, sondern auch Entertainment: Sprüche, Gesten, Gepolter. Lorant liefert reichlich davon. „Sag mal: Hast du einen Krampf im Arm?“ ruft er, als der Linienrichter umstritten Abseits zeigt. Und später, als ein Einwurf für die Waginger ausgelegt wird: „Jetzt gefällst du mir schon viel besser!“

Die Coaching-Zone ignoriert Lorant. Mehrmals übertritt er sie, kickt auch mal eines der Begrenzungshütchen weg. Bis Montag bestand für ihn die größte Aufregung darin, seinen Hund am Ufer des Waginger See Gassi zu führen – jetzt gibt er Vollgas an der Seitenlinie. Wie früher, als er der Schrecken aller Schiedsrichter war. Der Stuhl, den ihm jemand anbietet, lehnt er mit gespielter Empörung ab: „Wär’ ja noch schöner, wenn ich einen Stuhl brauche.“

Was Lorant braucht, ist vor allem: Adrenalin. Und Action auf dem Platz. „Pressing“ brüllt er schon nach zwei Minuten. Und auch sonst sind seine Kommandos schneidig: „Hol ihn dir!“ „Hin zu ihm!“ „Zwei-kämpfe ge-winn-nen!“

Typisch auch, wie er seinen Mittelstürmer zu erhöhter Laufbereitschaft anstachelt. „He!“, ruft er zunächst in Richtung Ersatzbank: „Wie heißt der große Stürmer mit Vornamen?“ Und dann, die gelieferte Information anwendend: „Basti, beweg dich mal da vorne!“ Dass Sebastian Schilling, Wagings Nummer 11, kurz darauf zu Boden geht, quittiert Lorant mit einem Achselzucken: „Selber schuld!“ Noch während der Stürmer seinen lädierten Nacken mit einem Schwamm kühlt, erhält er von Lorant Verhaltensanweisungen: „Aggressiver sein! Nicht so zaghaft, nicht so zaghaft.“ Die Zuschauer hinter ihm, mit Flaschenbier in der Hand, amüsieren sich königlich.

"Wunder kann der Werner wahrscheinlich auch nicht bewirken"

Fritz, ein älterer Herr mit buschigem Schnauzbart, ist schon zur Halbzeit zufrieden: „Da ist schon mehr Zunder drin“, schwärmt er und gibt zu: „Ich bin ein alter Sechzger – da muss ich ihn ja gut finden.“ Karl, 63, einst Jugendleiter im Verein, sagt anerkennend: „Ist doch toll, dass er das macht. Ich finde auch, dass die Mannschaft viel disziplinierter ist. Lorant halt.“ Nur Martin, 82, einer der ältesten Stammzuschauer im Vereinsheim, ist skeptisch. „Wunder kann der Werner wahrscheinlich auch nicht bewirken“, sagt er, als es noch 0:0 steht. „Unser Problem ist: Hinten fehlt es an allem – und vorne leider auch.“

Ganz so direkt drückt es Lorant nicht aus. „Eine Stunde war das in Ordnung“, lautet sein Fazit. „Zum Schluss haben wir die Fehler selber gemacht. Da waren wir geistig nicht mehr so frisch.“ Was zu Konsequenzen führen dürfte: „Ich kann doch nicht zufrieden sein, wenn wir ein Heimspiel 0:2 verlieren. Also müssen wir was tun.“ Ab sofort will er das Pensum erhöhen, zwei- statt dreimal pro Woche zum Training bitten. Auch das gewohnte Spielsystem (4-4-2) stellt er in Frage. Dreierkette mit Libero wäre die Alternative. Innenverteidiger Stefan Hinterreiter, ein leidenschaftlicher Feierabendkicker mit Doktortitel, sagt: „Der Werner hat aus meiner Sicht sehr viel Erfahrung mit Abstiegskampf. Wir hoffen, dass wir da viel für uns rausziehen können – und am Ende dann die Klasse halten.“

Hinterreiter ist Bayern-Fan wie die meisten Waginger, doch natürlich ist zum Schluss auch noch der TSV 1860 das Thema. „Mit diesem Personal wird’s schwer, die Klasse zu halten“, urteilt Lorant: „Das hab ich schon vor Monaten gesagt.“ Und auf die naheliegenden Frage, ob nicht auch seine Löwen einen Nothelfer gebrauchen könnten, antwortet er: „Mag sein, aber ich hab jetzt keine Zeit.“ Bis Ende Mai ist Abstiegskampf fünf Klassen tiefer angesagt. Lorant nimmt die Aufgabe beim Provinzklub ernst und erklärt: „Ich hab doch gesagt, ich mach’ das für sieben Spiele. Jetzt noch für sechs. Kein Problem für mich.“

So triezt Lorant die Spieler des TSV Waging am See

Uli Kellner

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