Das dritte Mal für den TSV 1860

Nervenkrieg Relegation: Einmal ging's gut, einmal nicht

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Nach der 0:4-Hinspielniederlage kämpften die Löwen (rechts Jimmy Hartwig) im Rückspiel verbissen gegen den Abstieg.

München - 1860 und die Relegation: Die tz blickt auf beide Relegationsentscheidungen zurück, und unterhielt sich mit Jimmy Hartwig über den furiosen Aufstiegskampf 1977.

Am Mittwoch Vormittag geht es für die Löwen ab ins Trainingslager nach Norderstedt. Das Relegationsspiel gegen Holstein Kiel steht an. Allzu oft kam es bisher ja nicht vor, dass der TSV 1860 auf solch eine Art und Weise die künftige Spielklassenzugehörigkeit klarmachen musste, aber zweimal war es in den vergangenen 38 Jahren dann doch der Fall. 1977, als man als Tabellenzweiter der Zweiten Liga Süd gegen den Nordvize Arminia Bielefeld ranmusste, und 1992, als es die Löwen in einer Abstiegsrelegation mit Fortuna Köln und dem TSV Havelse zu tun bekamen. Beim ersten Mal ging’s gut aus, beim zweiten Mal daneben. Aber eins weiß man seit diesen Zeiten im Lager der Blauen: Relegation ist Nervenkrieg. Wobei man die Geschehnisse im Jahr 1992 durchaus mit den derzeitigen beim TSV 1860 vergleichen kann. Auch damals ging es in der Führung drunter und drüber, jeder wetzte die Messer gegen jeden, und der sportliche Erfolg blieb auf der Strecke. Weil die Mannschaft, ähnlich wie jetzt, nach dem verpassten sicheren Klassenerhalt mental ziemlich am Boden lag. Die tz blickt auf beide Relegationsentscheidungen zurück, und unterhielt sich mit Ex-Nationalspieler Jimmy Hartwig über den furiosen Aufstiegskampf 1977, als er in ­negativer wie auch positiver Hinsicht die Highlights setzte.

1977: "Als wir die bösen Löwen waren"

Herr Hartwig, wenn die Nerven der Löwen-Fans mal so richtig strapaziert wurden, dann war das bei eurer Aufstiegsrelegation gegen Bielefeld 1977. Erst 0:4 bei der Arminia, dann ein 4:0-Sieg in München und schließlich ein 2:0 und der Aufstieg im Entscheidungsspiel in Frankfurt. Welche Erinnerungen haben Sie?

Jimmy Hartwig, 1860-Aufstiegsheld von 1977.

Jimmy Hartwig: Zunächst mal, dass ich nach dem ersten Spiel der Buhmann war. Vor der Partie hatte ich den Mund zu voll genommen, weil ich mich unter anderem mit Paul Breitner verglichen habe, und dann habe ich als Gegenspieler von Ewald Lienen kein Land gesehen. Der hat mich so hergespielt, dass ich nicht mehr wusste, wie ich heiße. Die Mannschaftskollegen waren richtig sauer auf mich.

Dann aber kam das Rückspiel…

Jimmy Hartwig: Wir waren so was von heiß. Ich bin vor dem Spiel zu Lienen hin und habe ihm gesagt, dass er hier nicht mehr auf der Alm ist, dass er der schlimmste Feind meines Lebens ist und dass er sich auf was gefasst machen kann.

Hat ja gut geklappt…

Jimmy Hartwig: Kann man sagen. Jedes Foul von uns war quasi ein Mordanschlag, und nach nicht mal einer Stunde führten wir 4:0 und erreichten am Ende das Entscheidungsspiel. Ein Tor habe ich auch noch geschossen.

Ist Lienen heute noch böse auf Sie?

Jimmy Hartwig: Ach was. Wir haben später gemeinsam den Trainerschein gemacht, sind in der Sportschule auf einem Zimmer gelegen und nach wie vor gute Freunde.

Vor dem Entscheidungsspiel hattet ihr einen riesigen psychologischen Vorteil, oder?

Jimmy Hartwig: Na klar. Die Bielefelder haben nach der Niederlage in München nur geweint und gesagt, dass sie Angst vor den bösen Löwen hätten. In Frankfurt hatten sie dann keine Chance. Ich habe das 1:0 gemacht und bin marschiert ohne Ende. Drei verschiedene Gegenspieler hatte ich im Verlauf des Spiels, keiner konnte mich stoppen.

Die heutigen Löwen müssen am Freitag nach Kiel. Schaffen Sie den Klassenerhalt?

Jimmy Hartwig: Ich habe die Kieler im Rahmen meiner Tätigkeit für den DFB in dieser Saison zweimal gesehen. Das ist eine Mannschaft, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt. Aber die Löwen müssen das schaffen. Allein schon wegen ihrer Fans. 70.000 gegen Nürnberg – der Wahnsinn. Und so ein Verein soll in die Dritte Liga?

1992: Machtkämpfe und ein zerstrittener Haufen

Die Saison 1991/92 – sie war eine komische. Nachdem die Löwen mit Trainer Karsten Wettberg nach neun Jahren endlich wieder in die Zweitklassigkeit zurückgekehrt waren, erwartete sie dort eine Liga mit nur zwölf Mannschaften, die im Winter in eine Auf- und Abstiegsrunde gesplittet wurde. Die Löwen landeten in der Abstiegsrunde, in der sie am letzten Spieltag durch ein 1:2 in Leipzig den vorzeitigen Klassenerhalt vergeigten. Sie mussten daraufhin in eine Dreier-Relegation mit Fortuna Köln und Havelse.

Die Stimmung war dementsprechend schlecht. Aber auch schon in den Wochen und Monaten zuvor. In der Führung regierten Hinterhältigkeiten und Machtkämpfe, das ging sogar so weit, dass sich der damalige Schatzmeister Manfred Obermeier nach einem 2:0-Sieg gegen Halle furchtbar ärgerte, dass der von der Vereinsführung ungeliebte Trainer Wettberg erneut nicht entlassen werden konnte: „Jetzt g’winnt der a no drei Spiele hintereinander…“

Nach der Niederlage in Leipzig aber wurde Wettberg dann entlassen. Am Telefon, so wie man das halt bisweilen macht beim TSV 1860. Sein Nachfolger wurde Edi Stöhr, der Co-Trainer. Auch heute noch ein probates Mittel, wenn man nicht unbedingt den Erfolg sucht. Stöhr durfte eine zerstrittene Mannschaft übernehmen, in der vor allem die Neuzugänge wie Pingel oder Heisig immer wieder für Stunk sorgten. Der Rest ist schnell erzählt: Zwei Pleiten gegen Köln, ein 0:0 und ein Sieg gegen Havelse – das reichte nicht zum Drinbleiben. Ein richtiger Nervenkrieg war es damals eigentlich nur für die leidgeprüften Fans.

tz

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