Ein Traditionsklub im schnellen Wandel

Das neue 1860: Plötzlich fremd im eigenen Verein

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Der verlängerte Arm des Investors: Ismaiks Finanzchef Anthony Power, der sich gerne teamnah gibt.

München – Vieles hat sich beim TSV 1860 geändert, seit Ismaik mit Anthony Power einen Finanzchef und Aufpasser geschickt hat. Mitarbeiter fühlen sich fremd im eigenen Verein.

Die 1860-Profis staunten nicht schlecht an diesem zweiten Sonntag im Advent. Wie in den meisten Vereinen üblich, so organisierte auch der Mannschaftsrat der Löwen ein vorgezogenes Weihnachtessen. Man traf sich beim „Kuffler“ in der Innenstadt, die Stimmung war gut, schließlich hatte es am Vortag einen der seltenen Siege gegeben. Und plötzlich stand Anthony Power im Raum, der neue Geschäftsführer, der sich auch nach Spielen gerne teamnah gibt (mit Fanschal um den Hals). Keiner hatte ihn eingeladen. Trotzdem tauchte er auf, feierte mit – und machte anderntags den Teammanager zur Schnecke. Nicht eingeladen worden zu sein, das empfand Power als Affront.

Geselligkeit scheint er also durchaus zu schätzen, der Maschinenbauingenieur aus Amerika. Nur: Kürzlich, bei einer anderen spontanen Feierlichkeit, da hat das auf manch einen anders gewirkt. Eine Empfangssekretärin hatte ihren Ausstand geben, das alte Team der Geschäftsstelle saß bei einem kleinen Brunch zusammen – bis auch hier Power in den Raum platzte, diesmal aber in der Gestalt des Partyschrecks. Die Feier sei „unauthorized“ gewesen, tobte er. Die Zusammenkunft sei Diebstahl von bezahlter Arbeitszeit. Er hat offenbar sehr genaue Vorstellung und Aufträge, dieser verlängerte Arm von Hasan Ismaik, der sich vor zwei Wochen als Universalmanager eingeführt hatte.

Good afternoon, my name is Anthony“, hatte er damals gesagt: „Ich bin 50 Jahre alt. In den vergangenen 25 Jahren habe ich in vielen Firmen gearbeitet, überall auf der Welt. Ich habe in den USA gearbeitet, in Frankreich, in Großbritannien, im Nahen Osten, in Asien. Ich war in den unterschiedlichsten Sparten aktiv: in der Industrie, im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, im operativen Geschäft.“ Nicht zu seine Erfahrungsbereichen gehörte bislang: Teamsport und Profifußball.

Bei 1860 wird jetzt Englisch gesprochen

Langjährige Angestellte sagen, dass sich einiges geändert hat, seit Ismaik seinen Finanzchef in die Geschäftsstelle an der Grünwalder Straße verpflanzt hat. Unter anderem hat sich die Amtssprache geändert, sie ist nicht mehr Deutsch, sondern Englisch. Gewöhnungsbedürftig bei einem alten Münchner Verein.

Viele fühlen sich plötzlich fremd, da Power ihren Klub „restrukturiert“. Sinnvoll ist sicher, dass Geschäftsvorgänge jetzt durch Unterschriften personalisiert werden; das erhöht das individuelle Verantwortlichkeitsgefühl. Es gibt aber auch Änderungen, die nicht unbedingt ein Klima des Vertrauens schaffen. Rechnungen, auch in geringer Höhe, werden neuerdings grundsätzlich von Abu Dhabi kontrolliert. „In den letzten 14 Tagen ist hier kein Stein auf dem anderen geblieben“, sagte ein Urgestein des Vereins.

1860-Positionen verkommen zum Schleudersitz

Dass die Stimmung besser geworden ist, seit Power im Sinne Ismaiks den Aufpasser spielt, würden wahrscheinlich die wenigsten behaupten. Sportchef Thomas Eichin wirkte einigermaßen erleichtert, als seine Freistellung amtlich war. Auch Raed Gerges, der Marketingchef, soll schon wieder über alle Berge sein. Den kannte zwar kaum einer, aber die Demission des zweiten Ex-Geschäftsführers spricht Bände: Gerges war als Vertrauter Ismaiks gekommen. Gegangen ist er im Frust, wie so viele vor ihm, unter anderem Noor Basha, Ismaiks Cousin.

Fakt ist, dass Ismaiks Weg zum Alleinherrscher durch eine erhebliche Menge an Personenopfern geebnet wurde. Seit seinem Einstieg bei 1860 im Mai 2011 gab es elf Trainerwechsel, fünf Sportchefs wurden verschlissen, fünf Präsidenten. Einmalig im deutschen Profifußball. Ligaprimus Braunschweig hat in einem wesentlich längeren Zeitraum vorgelebt, was sich mit Kontinuität erreichen lässt. Der Trainer heißt seit 2008 Torsten Lieberknecht, der Manager Marc Arnold. Beide stiegen mit der Eintracht auf (dreimal), sie stiegen wieder ab – aktuell steuert der Klub mit bewährter Führungsmannschaft auf anhaltendem Erfolgskurs.

Absturz! Diese Vereine spielten einst in der 1. Bundesliga

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1. FC Saarbrücken: Insgesamt fünf Spielzeiten (1963/64, 1976–78, 1985/86, 1992/93) waren die Saarländer in der 1. Bundesliga vertreten. Aktuell spielt der FCS nur noch in der Regionalliga (4. Liga). © dpa
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Alemannia Aachen: Erstklassige Fans, erstklassiges Stadion - und die Mannschaft kickt aktuell nur noch in der Regionalliga (4. Liga). Vier Jahre war die Alemannia Mitglied der 1. Liga (1967–70, 2006/07). © dpa
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Arminia Bielefeld: 16 Spielzeiten erstklassig! Und heute? Die Ostwestfalen pendeln zwischen 2. und 3. Liga, aktuell spielt man mal wieder in ersterer. © dpa
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Borussia Neunkirchen: Die Erstliga-Zeiten der Saarländer sind schon lange her. Insgesamt in drei Spielzeiten trat die Borussia in Liga eins an (1964–66, 1967/68). Aktuell spielt man in der Oberliga (5. Liga). © dpa
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FC Energie Cottbus: Zweimal für jeweils drei Jahre (2000–03, 2006–09) wurde in der Lausitz erstklassig gespielt. Im Sommer 2014 stürzte der FCE erstmals nach 14 Jahren wieder in die Drittklassigkeit ab, mittlerweile spielt Cottbus sogar nur noch viertklassig. © dpa
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FC 08 Homburg: Ende der 80er Jahre erlebte der FCH seine größten Jahre. Von 1986 bis 88, sowie 1989/90 kickte der heutige Regionalligist (4. Liga) in der höchsten Spielklasse. © dpa
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FC Hansa Rostock: Großer Name, tiefer Sturz! Zwölf Jahre lang war der FCH das Fußball-Aushängeschild des Ostens, doch jetzt pendelt der krisengebeutelte Verein zwischen 2. und 3. Liga (aktuell Liga drei). © dpa
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SC Fortuna Köln: Ein Jahr wurde in der Kölner Südstadt Erstliga-Fußball gespielt (1973/1974). Nach dem Absturz bis in Liga fünf spielt die Fortuna jetzt zumindest wieder in der 3. Liga. © dpa
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KFC Uerdingen 05: Der DFB-Pokalsieger von 1985 absolvierte 14 Jahre in der 1. Liga (zuletzt 1996), kickt mittlerweile aber nur noch in Liga fünf (Oberliga Niederrhein). © dpa
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Kickers Offenbach: 1968/69, 1970/71, 1972–76 und 1983/84 war der Bieberer Berg Erstliga-Spielort. 1970 gewann der OFC sogar den DFB-Pokal. Heute spielt Offenbach in der viertklassigen Regionalliga. © dpa
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MSV Duisburg: Der Lizenzentzug 2013 ließ den traditionsreichen Ruhrpottclub in die 3. Liga stürzen. Insgesamt spielten die Meidericher 28 Jahre in der Bundesliga (zuletzt 2008). © dpa
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Preußen Münster: Der SCP war Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga 1963, danach verschwanden die Preußen in den unteren Ligen. Heute kämpft man in der 3. Liga um den Aufstieg. © dpa
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Rot-Weiss Essen: Der deutsche Meister von 1955 spielte sieben Jahre erstklassig (1966/67, 1969–71, 1973–77) und kickt heute im neuen Stadion in der Regionalliga (4. Liga). © dpa
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Rot-Weiß Oberhausen: Von 1969 bis 1973 war RWO ein Erstliga-Verein, doch der Underdog kam anschließend nicht über Liga zwei hinaus. Heute spielt man in der 4. Liga, der Regionalliga West. © dpa
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SG Wattenscheid 09: Von 1990 bis 1994 war der Bochumer Verein Bundesligist. Der Lokalrivale des VfL ist momentan meilenweit von neuen Derbys entfernt, spielt in der 4. Liga. © dpa
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SpVgg Unterhaching: Unvergessen, wie die Münchner Vorstädter anno 2000 Bayer Leverkusen die Meisterschaft vermiesten. Nach zwei Jahren in der Bundesliga ging es wieder runter, aktuell kämpft  Haching um den Aufsteig in die 3. Liga. © dpa
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SSV Ulm 1846: Sensationell stiegen die Spatzen 1999 in die 1. Liga auf, um direkt wieder abzusteigen. Nur ein Jahr später folgte der Absturz per Lizenzentzug in die 6. Die Fußball-Abteilung spaltete sich 2009 vom Verein ab und spielt momentan als SSV Ulm 1846 Fußball in der Regionalliga Südwest (4. Liga) an. © dpa
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Stuttgarter Kickers: Ja, auch die Schwabenmetropole hatte schon Erstliga-Derbys (1988/89, 1991/92). Doch momentan gibt es nur die Duelle des VfB II gegen die Kickers in der 4. Liga. © dpa
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Tennis Borussia Berlin: TeBe war 1974/1975 und 1976/77 Bundesligist. Heute spielt die Borussia nur noch in der 5. Liga (Oberliga Nordost). © dpa
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SV Waldhof Mannheim: Ein klangvoller Name, der von 1983 bis 1990 ununterbrochen in der 1. Liga vertreten war. Dann kam der Absturz, Waldhof spielt heute in der Regionalliga Südwest (4. Liga). © dpa
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Wuppertaler SV: Drei Jahre lang war die Stadt mit der Schwebebahn ein Erstliga-Standort (1972–75). Sogar im UEFA-Pokal trat der WSV einmal an (1973/1974). Heute spielt der Verein in der Regionalliga West (4. Liga). © dpa

„Kein Trainer Deutschlands, der was auf sich hält, würde momentan zu 1860 gehen“

Bei Ismaik jedoch scheint das Heuern und Feuern ein Geschäftsmodell zu sein, eines mit Folgen: Neben dem vielen Geld, das verbrannt wurden, hat dieser enorme Personalverschleiß einen weiteren großen Nachteil. Die Negativerfahrung, die viele bei 1860 gemacht haben, bleibt nämlich nicht in den Wänden der Geschäftsstelle, sie macht auch nicht vor den Stadtgrenzen Halt. Im Gegenteil. Friedhelm Funkel und Benno Möhlmann sind als bestens vernetzte Trainer-Dinos im Stande, Kollegen zu warnen und aufzuklären. Mit Oliver Kreuzer und Eichin wurden jüngst zwei weitere gebrannte Kinder in die Freiheit entlassen. Einer, der es wissen muss, sagt: „Kein Trainer Deutschlands, der was auf sich hält, würde momentan zu 1860 gehen. Keiner!“

Absagen von Dieter Hecking, Jos Luhukay, Armin Veh und Andre Breitenreiter bestätigen die These. Erinnert sei an den Abschiedsgruß von Friedhelm Funkel im April 2014: „Nicht für alles Geld der Welt hätte ich meinen Vertrag verlängert.“ Das hat er jetzt in Düsseldorf getan. Bei einem Verein, der auch lange als schwierig galt.

Uli Kellner

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