Trainer-Entscheidung "ohne Stress"

Von Ahlen und die Reste von Zweifeln

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Gelöste Stimmung: Trainer von Ahlen und Sportchef Poschner.

München - „Ohne Stress, Hektik, Panik“: Die Löwen haben ihre Leichtigkeit wieder zurück. Der TSV 1860 München wartet aber noch, ob sie den derzeitigen Chef-Trainer von Ahlen dauerhaft befördern.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass Markus von Ahlen öffentlich etwas von sich gibt, das über fußballspezifische Themen und Trainerfloskeln hinausreicht. Also lohnt es sich aufzumerken, wenn der zum Chef auf Abruf beförderte 1860-Coach mal kurzzeitig den Vorhang zu seinem Oberstübchen zur Seite zieht. Zum Beispiel, als plötzlich ein Verwandter dritten Grades in seinen Ausführungen auftaucht.

„Mein Onkel ist ja gerade auf Gran Canaria“, berichtete von Ahlen, 43, am Samstag: „Er hat ’ne 60er-Hose an und wird überall darauf angesprochen.“ Was der gebürtige Bergisch Gladbacher damit sagen will (und es auch tut): „1860 ist präsent. Und Tradition ist unersetzlich.“ Auch die Reaktion der Zuschauer am Freitagabend, bei von Ahlens (Wieder-)Einstandssieg gegen Greuther Fürth, habe Bände gesprochen. Die Löwen-Fans sind bekanntlich dankbar für minimalste Zeichen eines Aufschwungs: „Und wenn noch die Leistung stimmt und man ein bisschen Geduld hat, dann kann einen diese Tradition so was von nach vorne tragen. Diesen Flow, diesen positiven Impuls, den müssen wir uns jetzt erarbeiten.“

Von Ahlen sagt es nur um sehr viele Ecken herum, dass er prinzipiell gerne derjenige sein würde, der diesen Prozess als hauptverantwortlicher Trainer begleitet. Allerdings, und auch das deutete er im Kreuzverhör nach dem Derbysieg an: Er hat Angst davor, all das zu verlieren, was er im Frühjahr für fünf Partien und am Freitag erneut so richtig genießen durfte: Gänsehautgefühle wie bei den Toren von Rubin Okotie (6.,) und Ilie Sanchez (74.), den Zuspruch der Fans, den auch sein Onkel auf den Kanaren erlebt. Und den Traditionsklub 1860 an sich.

Von Ahlen findet durchaus Gefallen an der Aufgabe, die der Verein zum dritten Mal an ihn herangetragen hat. Chef war er für wenige Tage nach Alexander Schmidt, für fünf Wochen nach Friedhelm Funkel – und er ist es jetzt, nach dem Drei-Monats-Missverständnis mit Ricardo Moniz. Doch warum zögert er und schreit nicht mal so richtig: Her mit dem Job, und zwar auf Dauer?

Von Ahlen berichtet lieber von seiner beruflichen Vergangenheit. Sie erklärt zum Teil, warum er gehörigen Respekt vor den Risiken hat, die die Rolle des Cheftrainers mit sich bringt. „Ich habe kurze Zeit in Bielefeld gearbeitet, dann war ich in Österreich (Co-Trainer in Kapfenberg/Red.), dann in der Regionalliga . . .“ Und irgendwann, so scheint es, hat sich dieser Pendler wider Willen gesagt: Schluss mit der Tingelei! Er will nun endlich irgendwo ankommen – nicht ständig umziehen müssen, nicht immer wieder auf Jobsuche sein. „Man hat persönliche Ambitionen, das ist gar keine Frage“, sagt von Ahlen. „Aber für mich ist halt auch wichtig, kontinuierlich zu arbeiten.“

Grundsätzlich deckt sich dieser Wunsch mit den Vorstellungen der Sportlichen Leitung, die von Ahlen fachlich zu den besten Trainern Deutschlands zählt. Aber: Irgendwo scheinen auch noch Reste von Zweifeln an seiner Cheftauglichkeit verborgen zu sein. Sportchef Gerhard Poschner betont immer wieder, dass er von Ahlens Arbeit schätzt, dass dessen Vertrag nicht ohne Grund bis 2016 datiert ist, dass er „momentan unser einziger Ansprechpartner ist“. Was er bisher noch nicht gesagt hat, ist, dass das Thema Trainersuche damit beendet ist. „Markus ist morgen unser Cheftrainer, auch übermorgen“, sagt Poschner. „Er wird uns auch hoffentlich noch sehr lange zur Verfügung stehen, in welcher Funktion auch immer.“ Heißt übersetzt: Die Fahndung nach einer Alternativlösung geht im Hintergrund weiter. „Wir halten ständig die Augen und Ohren offen“, bestätigt Poschner, „das gilt für Spieler genauso wie für Trainer.“

Für den Sportchef hat sich die Situation trotz des emotionalen Erlebnisses gegen Fürth „überhaupt nicht geändert“. Beizeiten will er sich mit von Ahlen hinsetzen und die Zukunft besprechen. Der Trainer deutet an, dass eine Vertragsklausel die Lösung sein könnte, zum Beispiel dergestalt: Der treue Krisenhelfer bleibt Chef – bekommt aber schriftlich, dass er bei einer Abberufung von den Profis weiter im Verein arbeiten darf. „Das sind gute Gedanken“, sagte von Ahlen – und lächelte vielsagend.

Und Poschner? Der lässt sich wie immer nicht in die Karten schauen. „Wir werden von Tag zu Tag weitermachen – ohne Stress, ohne Hektik, ohne Panik“, sagt er. Der Sportchef betont gerne, dass er sich bei wegweisenden Entscheidungen nicht von Ergebnissen leiten lassen will. Allerdings steht schon am Freitag das nächste Spiel an, und da wird sich zeigen, ob eine ehrliche Pro-von Ahlen-Stimmung im Team herrscht oder ob vor allem die Moniz-ist-weg-Denke den Profis Beine gemacht hat. Nach Aalen ist dann Länderspielpause – traditionell eine willkommene Zeit, um Weichen noch mal völlig neu zu stellen.

Uli Kellner

 

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