1860-Keeper als Matchwinner

Ortega stapelt tief: "Habe wohl ganz gut gehalten"

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Stefan Ortega.

München - Beim 4:1 in Berlin präsentierten die Löwen zwei unterschiedliche Gesichter: Offensiv spektakulär, defensiv anfällig. Matchwinner Stefan Ortega zeigte sich bescheiden.

Dicke schwarze Krähen saßen auf dem Fangzaun über dem Trainingsrasen, doch obwohl Fußballer gemeinhin als abergläubisch gelten, gab es gestern wohl keinen 1860-Profi, der beim Anblick der gefiederten Gäste an Unglücksboten gedacht hätte. Im Gegenteil. Wenn überhaupt, dann taugte die Dekoration im Fanshop gegenüber als Symbolik. Himmelblaue Schoko-Kugeln, Rentiere, die friedlich einen Schlitten ziehen, dazu ein stattlicher Nikolaus mit dickem Geschenkesack – das in etwa entsprach der allgemeinen Stimmungslage nach dem furiosen 4:1 (2:0)-Erfolg bei Union Berlin, der klarer klingt, als er gerechterweise hätte ausfallen dürfen.

Bezeichnend für den Spielverlauf war, dass am Tag danach nicht Doppeltorschütze Rubin Okotie der gefragteste Gesprächspartner war, auch nicht Daniel Adlung, der auf glückliche Weise die frühe Führung erzielt hatte, oder Valdet Rama, der famose, an drei Löwen-Treffern beteiligte Wirbelwind. Nein, die Offensive der Gäste stand am Ende eines aufregenden Spiels klar im Schatten von Torhüter Stefan Ortega, 22, der sich nicht daran erinnern konnte, schon einmal derart im Brennpunkt des Geschehens gestanden zu sein.

Nach 50 Spielminuten, in denen die Löwen ungewohnt stabil, homogen und kaltschnäuzig aufgetreten waren, reichte ein Geschenk der bis dato sicheren 1860-Abwehr (Polter zum 1:4), um eine dramaturgische Wende auszulösen, die sich nur dank des gefühlt achtarmigen Ortega nicht im Ergebnis widerspiegelte. So komisch es klingt, aber obwohl die Partie zwischenzeitlich auf ein 1:7 zusteuerte, wäre am Ende auch ein 4:4 im Bereich des Möglichen gewesen. Es kommt jedenfalls nicht alle Tage vor, dass ein Gästeteam früh mit 4:0 vorne liegt und am Ende alle anderen Daten für die Gastgeber sprechen: 12:1 Ecken, 21:8 Torschüsse, 55:45 Prozent Ballbesitz.

Ortega sprach hinterher von der arbeitsintensivsten Halbzeit seiner jungen Karriere. Nach Angaben der professionellen Datensammler von Opta hat der Teufelskerl im Löwen-Tor mit elf gehaltenen Schüssen die Rekordmarke der aktuellen Zweitligasaison eingestellt. „Dafür bin ich ja da“, sagte er cool.

In der Tat war es ein wahrer Chancen-Tsunami, der nach Polters Anschlusstreffer auf das Gästetor zurollte, doch egal, wie es die verzweifelt stürmenden Berliner versuchten, ob mit Fernschüssen, Direktabnahmen oder per Elfmeter (Quiring nach Foul von Angha/61.) – Ortega wehrte alles ab, teilweise sogar mit dem Fuß, im Stile eines Handballtorhüters.

„Ich denke, dass ich die Bälle, die aufs Tor kamen, ganz gut gehalten habe“, stapelte Ortega tief und verpackte die Zufriedenheit über seine Leistung in einen milden Tadel für seine etwas panisch wirkenden Vorderleute: „Es ist natürlich schön, wenn ich mich mal auszeichnen kann“, sagte er, „aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn es das nächste Mal ein bisschen ruhiger wird und wir das alles etwas cleverer runterspielen.“

Ortega war nicht der einzige Löwe, der trotz des zweiten Auswärtskantersieges in Folge (zuvor 3:0 in Bochum) wohltuend geerdet auftrat. Auch Trainer Markus von Ahlen vermied es, sich bei der Analyse der spektakulären 90 Minuten allein vom Ergebnis leiten zu lassen. Sein Statement enthielt Worte der Demut – und der Erleichterung. „Insgesamt war es ein Top-Spielverlauf für uns“, sprach er das psychologisch perfekte Timing der vier Tore an: ein frühes (9.), eins vor der Pause (39.) und zwei schnelle danach (46., 49.). „Endlich hatten wir mal das Quäntchen Glück auf unserer Seite“, meinte er mit Blick auf die Knackpunkte der Partie: das ungeahndete Handspiel, das Adlungs 1:0 begünstigt hatte – und den gehaltenen Elfer.

Auf der anderen Seite fand der Trainer, dass sich der viel beschworene Aufwärtstrend erneut fortsetzte: „Es war eine sehr, sehr konzentrierte, engagierte Leistung von uns. Bis auf eine Phase von zehn Minuten, die gefühlt 20 waren, hatten wir viel Kontrolle im Spiel.“ Die Phase, in denen diese Kontrolle fehlte und das Team bedrohlich wankte, wird ab Dienstag Thema der Aufarbeitung sein. Von Ahlen führt äußere Umstände als Ursache an (wütende Berliner, lautes Publikum) – es mag aber auch daran gelegen haben, dass die Verjüngung des Teams voranschreitet. Beim Abpfiff standen sechs sog. Eigengewächse auf dem Platz, eine halbe U 21: Kapitän Schindler, Weigl, Wittek, Wolf, dazu die eingewechselten Vollmann und Mulic.

Wer weiß, welchen Verlauf die Partie genommen hätte, wenn nicht ein paar ältere Stabilisatoren im Team in Vorleistung gegangen wären? Rubin Okotie, der neue Volksheld Österreichs, setzte seinen Erfolgslauf mit zwei Toren fort. Valdet Rama, der gegen Düsseldorf schmerzlich vermisst wurde, glänzte mit spielerischer Finesse: zwei millimetergenaue Assists für Okotie, dazu ein eigener Treffer nach Doppelpass mit Adlung. Auch Adlung selbst wird immer wertvoller. An sechs der letzten acht Löwen-Tore war er direkt beteiligt. Noch vor kurzem hätte man bei der Besetzung des Dreier-Mittelfeldes an nächtliche Taxifahrten gedacht. In Berlin zeigten Adlung, Julian Weigl und Yannick Stark, dass sie auch auf dem Platz eine verschworene Einheit bilden, zumindest 50 Minuten lang.

Fürs Erste haben sich die Löwen ihrer ärgsten Abstiegssorgen entledigt. Ein Heimsieg am Sonntag gegen Frankfurt wäre das nächste Signal in Richtung Fanlager. Danach kann die stade Zeit beginnen. Wobei: Am 2. Dezember ist Versammlung – und da lauern zwar keine Krähen auf dem Dach, aber mit Helmut Kirmaier und Anwalt Heinz Veauthier zumindest zwei Streithähne, die entschlossen sind, den Betriebsfrieden weiterhin auf die Probe zu stellen.

Uli Kellner

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