Der Kölner Erfolgstrainer im Interview

Peter Stöger: „ ... ich wäre ganz sicher zu 1860 gegangen“

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„Jeder weiß, dass ich mich in dieser Stadt wohlfühle“: Der Wiener Peter Stöger, Wahl-Kölner mit Leib und Seele.

Im Interview verrät Peter Stöger Details zu einem Angebot, das er es von 1860 München hatte - und warum er abgelehnt hat. Außerdem: Wie er zu Investoren im Fußball steht.

Kitzbühel – Sportlicher Erfolg, österreichischer Schmäh – Peter Stöger vom 1. FC Köln wurde gerade zum beliebtesten Trainer der Fußball-Bundesliga gewählt. Jetzt steht er vor einem Novum: Stöger (51) geht am Geisbockheim in seine fünfte Saison – so lange hat noch kein Trainer am Stück beim FC überlebt. Fünf Jahre in Serie war nicht mal Hennes Weisweiler am Werk. Wir trafen Peter Stöger in Kitzbühel, wo er sich mit den Kölnern auf die neue Saison vorbereitet.

Peter Stöger, zusammen mit Ihrer Freundin, der Kabarettistin Ulrike Kriegler, spielen Sie in einer Folge der Lindenstraße mit (Ausstrahlung am 12. November). Ist das Ihre Antwort auf Landsmann Toni Polster, der einst in Köln mit den „Theken-schlampen“ auftrat?

Peter Stöger: (lacht) Meine Freundin wurde gefragt, ob sie eine Gastrolle übernehmen würde und ich auch dabei wäre. Ich bin mit der Lindenstraße groß geworden, die gibt es jetzt 35 Jahre. In irgendeiner Form lebt man das mit. Ich hatte bei den Dreharbeiten keine Sprechrolle, konnte also nix kaputt machen . . .

Toni Polster hat den Wiener Schmäh einst nach Köln gebracht – Sie wurden zum beliebtesten Bundesliga-Trainer gewählt. Es scheint eine besondere Sympathie zwischen Wienern und Rheinländern zu geben.

Stöger: Jeder vom 1. FC Köln ist im Beliebtheitsranking in der Stadt momentan ganz weit vorne, was damit zu tun hat, dass wir recht ordentlich Fußball gespielt haben in letzter Zeit. Es ist eine Bestätigung.

Platz fünf und die Europa League sorgten für Aufsehen. Plötzlich wurden Sie sogar als neuer Coach von Borussia Dortmund gehandelt. Was war dran?

Stöger: Es gab kein Angebot. Und jeder weiß, dass ich mich in Köln wohlfühle. Trotzdem nimmt man es natürlich positiv auf, wenn man mit so einem Verein wie Dortmund überhaupt in Verbindung gebracht wird. Das zeigt ja, dass wir alle beim FC einen guten Job gemacht haben.

Wenn Sie sich einen Verein schnitzen dürften, sähe das Ergebnis genau so aus wie der FC Köln?

Stöger: Der Verein bringt schon viele Dinge mit: Unglaubliche und viele Anhänger, eine sehr, sehr lebendige Stadt, die sehr, sehr lebenswert und spannend ist. Wenn ich mir den Verein schnitzen dürfte, würde ich mir wünschen, dass wir finanziell mehr Möglichkeiten hätten, um mit den ganz Großen irgendwann mithalten zu können. Und ein Trainingsgelände, das diesen Standards der Großen entsprechen würde. Aber die Tradition ist schon etwas sehr Besonderes.

Ist Ihnen der Wohlfühlfaktor vielleicht sogar wichtiger als mehr Geld bei großen Vereinen?

Stöger: Auch hier in Köln nagt ja niemand am Hungertuch. Ich verschwende keinen Gedanken daran, irgendwas ändern zu müssen nur wegen der Kohle. Der Wohlfühlfaktor ist für jeden, der gerne in der Stadt unterwegs ist, extrem wichtig.

„Angst habe ich eher vor Tempo im Auto – nicht mein Ding“

Oder warten Sie doch nur darauf, bis der FC Bayern fragt?

Stöger: Ich warte auf gar nix. Ich habe auch nicht auf das Angebot von Köln gewartet. Ich habe keinen Karriereplan.

Kölns Vize Toni Schumacher meinte, Sie könnten der Arsene Wenger von Köln werden, also lebenslang bleiben.

Stöger: Toni Schumacher muss das ja schon fast sagen – er hatte schließlich großen Anteil daran, dass ich überhaupt erst gekommen bin (lacht).

Der Weg in Köln führte immer nach oben, von der zweiten Liga in die Europa League. Wo soll er noch hinführen?

Stöger: Ich habe das Gefühl, dass der Weg noch lange nicht zu Ende ist. Das heißt ja nicht, dass der Weg immer nach oben geht. Ich selbst fühle mich nicht abgenutzt. Vier Jahre sind für einen Trainer schon sehr lange. Ich habe aber immer noch das Gefühl, dass alles ziemlich frisch ist für mich.

Ihre Freundin hat mal verraten, dass Peter Stöger Ängste hat – vor Tempo und Geschwindigkeit. Aber das Tempo, dass Sie vorlegen in Köln muss Ihnen ja selbst Angst machen.

Stöger: (lacht) Die Angst hat eher mit Rollercoaster oder schnellem Autofahren zu tun. Das ist nicht so mein Ding. Meine Freundin mag solche Sachen, deshalb findet sie das wohl witzig. Das Tempo, das wir als Verein vorgeben, können wir einordnen. Letztes Jahr war richtig gut, vielleicht war in manchen Situationen auch ein bisserl Glück dabei. Für Außenstehende war der fünfte Platz ein großer Schritt. Aber für uns geht es in kleineren Schritten voran, als die Tabelle das widerspiegelt.

Aber die Zahlen sprechen für sich: Aufstieg, Neunter, jetzt Fünfter . . .

Stöger: Wir können das ganz gut einordnen. Man muss vorsichtig sein, weil Köln so eine emotionale Stadt ist. Emotionen sind wichtig. Stell dir vor, du wirst Fünfter und die ganze Stadt sagt: ,Is ma eh wurscht . . .‘ Ich weiß nicht, ob die Europa League jetzt das Leben der Leute verändern wird. Aber es war extrem wichtig für die Menschen hier, die ewig lange davon geträumt haben, dass es einmal funktioniert. Dieser Faktor zählt am meisten. Menschen, die immer – auch in wirklich schlechten Zeiten – zum Verein gestanden sind, diese Leute haben auf einmal eine Möglichkeit, mit der sie nie gerechnet haben.

Haben Sie Bedenken, die Doppelbelastung könnte sich negativ in der Bundesliga auswirken?

Stöger: Erfolg bringt mit sich, dass der Druck ein bisschen mehr wird. Du kannst ja nicht Ziele anstreben, und wenn sie erreicht sind, dich dann dahinter verstecken, weil du sagst, jetzt ist die Erwartungshaltung größer. Dann musst du es bleiben lassen. Von mir wird in der kommenden Saison niemand hören: Der Europacup ist schuld. Es ist Job des Trainers und der Spieler, sich darauf einzustellen. Ich bin nicht der Typ, der vom Start weg alles hinterfragt.

Trotz neuer Heimat – sind Sie Austria Wien noch sehr verbunden?

Stöger: Klar schlägt das violette Herz (violett ist die Vereinsfarbe von Austria/d.Red.) noch, ich habe dort zwölf Jahre verbracht. Mit acht, neun Jahren bin ich als Bua mit der violetten Fahne im Wohnzimmer gesessen und habe gehofft, dass Austria gewinnt. Was man als Kind erlebt hat, das bleibt.

Wie viel Humor braucht man, um das wochenlange Transfertheater um ihren Stürmerstar Anthony Modeste, der nun doch nach China gewechselt ist, wegzulächeln?

Stöger: Es war einfach kompliziert. Aber wenn jemand etwas unbedingt machen will, dann sollte man einem jungen Menschen nicht im Weg stehen. Das ist meine Einstellung. Wenn sich jemand aus sportlichen oder wirtschaftlichen Gründen verbessern will, dann halte ich niemanden auf. Wenn ich sage, du musst in jedem Fall bleiben, dann ist er enttäuscht. Und was ich gar nicht brauche, sind enttäuschte Menschen.

Am Ende Ihrer Karriere, im Winter 1997/98, wären Sie mal fast zum TSV 1860 gewechselt. Warum hat das nicht geklappt?

Stöger: Stimmt. Werner Lorant war Trainer, Peter Pacult Assistent, Edgar Geenen Sportdirektor. Ich bin mit Karl-Heinz Wildmoser zusammengesessen. Aber irgendwie hat sich das gezogen und gezogen. Mir waren die Konzepte nicht ganz klar. Ich wollte nichts riskieren, vor der WM in 1998 nicht meinen Platz in der Nationalmannschaft aufs Spiel setzen, darum bin ich dann nach Linz gegangen. Mir war das mit 1860 zu gefährlich – sechs Monate vor der WM. Ich wollte mit 32 Jahren diesen Höhepunkt erleben.

Sonst hätte Sie der TSV schon interessiert?

Stöger: Wir haben damals mit Rapid Wien gegen 1860 im Europacup gespielt – Sechzig war für mich damals ein echt geiler Klub und hatte auch in Österreich einen richtigen guten Namen. Wäre das Angebot fünf Jahre früher gekommen – ich wäre ganz sicher zu Sechzig gegangen.

Was haben Sie in Köln vom Untergang des TSV 1860 mitbekommen?

Stöger: Leider Gottes hat man sich dem auch in Köln nicht entziehen können. Das hat Wellen geschlagen bis zu uns, vielleicht sogar bis nach Hamburg. Das ist keine reine Münchner Geschichte, bei so einem Traditionsklub. Sechzig ist einfach ein großer Klub, das ist gefühlt schon einer dieser schlafenden Riesen, offenbar ist da in der Struktur einiges falsch gelaufen. In Köln ist von der Struktur vieles richtig gelaufen, deshalb ist der Verein auf einem gesunden Weg.

Beim Theater in München drehte sich alles um einen Investor. Ein abschreckendes Beispiel? Oder würden Sie sich in Köln auch einen arabischen Geldgeber wünschen, um finanziell mehr Spielraum zu haben?

Stöger: Das ist die Schwierigkeit: Tradition alleine wird auf Dauer auch schwer funktionieren. Jeder liebt Strukturen eines Fußballvereins so wie in Köln. Dann muss man auch akzeptieren, dass gewisse Dinge in der Umsetzung nur bedingt möglich sind, dann kommen auch mal schwerere Zeiten, dann muss man vielleicht auch mal Abstiegskampf hinnehmen. Wenn der 1. FC Köln mit seinen Strukturen, mit seinen Möglichkeiten und ohne irgendwelche Investoren-Geschichten auf Platz fünf der Tabelle landet, dann sagen alle: So ist es genau richtig! Wird der 1. FC Köln aber Letzter, sieht die Sache anders aus.

Wenn man die Ablösesummen betrachtet, entsteht immer mehr der Eindruck, dass im Fußball vieles aus dem Ruder läuft. Auch Ihr Eindruck?

Stöger: Ich bin ganz normal aufgewachsen – diese Summen sind natürlich illusorisch. Aber ich werde mich hüten, alles anzuprangern. Die Kohle ist ja da! Dann entscheidet der Markt, was passiert. Dann soll einer eben 222 Millionen Euro für Neymar zahlen. Wenn heute ein Verein nach dem anderen in die Insolvenz gehen würde, dann würde ich sagen: Da muss man etwas unternehmen. Aber das passiert ja nicht. Im Fernsehen wird schon mal gefragt, ob wir nicht glauben, dass das astronomische Summen sind. Aber die Fernsehgelder sind ja mitverantwortlich, dass das Geschäft derzeit diese Entwicklung nimmt. Wie sagt man bei uns in Wien: Da beißt sich der Hund in den Schwanz. Keiner will, dass der Fußball kaputt geht. Und das wird auch nie passieren.

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