Poschner: "Wir reden gar nichts schön"

1860: Gleicher Inhalt, frisch verpackt

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Gewollte Alpenoptik: Hellblau war mal. Mit einem Klebefolientrick wurde das „Presse-Stüberl“ des TSV 1860 zumindest äußerlich renoviert.

München - Krise bei 1860: Die sportliche Lage ist ernst, doch Poschner glaubt noch immer an den von ihm zusammengestellten Löwen-Kader.

Mittendrin beim Verzehr einer ordnungsgemäß gepellten Weißwurst fällt dem Sportchef des TSV 1860 auf, dass etwas Entscheidendes fehlt. „Es ist kein Weißbier da – grober Fehler!“, ruft Gerhard Poschner, schickt aber ein Lächeln hinterher, damit sich die Damen hinter dem Tresen nicht angegriffen fühlen. Das Wasser vor ihm tut es am Ende auch, denn als Wahlspanier würde Poschner mittags natürlich höchstens ein Gläschen Rioja trinken.

Mag sein, dass der Blick auf die Tabelle mit einer leichten Alkohol-Anflutung besser zu ertragen wäre (Platz 15), doch das Sportliche sollte gestern eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen. „Einweihung unseres Presse-Stüberls“, stand auf der Rundmail, die tags zuvor bei den Münchner Sportredaktionen eingegangen war, und Geschäftsführer Markus Rejek sagte dann gleich mal, dass die spontane Zusammenkunft mit der Presse und „Überraschungsgästen“ (Noor Basha, Poschner) eher dazu diene, weitere Fortschritte im langwierigen Erneuerungsprozess vorzuführen. „Die alte Medienbox“, ein schmuckloser, im Winter viel zu kalter Baucontainer, sei allen im Verein „ein Dorn im Auge gewesen“, erklärte Rejek, der sich zufrieden umschaute und sagte: „Ich denke, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, haben wir jetzt ein schönes Presse-Stüberl daraus gemacht.“

Im Innern hat sich zwar nichts geändert, da der Blechquader nur mit einer an Rustikalholz erinnernden Klebefolie übergezogen wurde. Aber: Das Bemühen des Vereins, sich einen frischen Anstrich zu geben, ist erkennbar. Wo man früher bei Regen über schlammigen Kies musste, verläuft jetzt ein gepflasterter Weg. In Kürze sollen noch Vorhänge an die Fenster kommen, dazu ein Holzbankerl mit Blick auf die Trainingsplätze. Nur die Kübel mit den Geranien fehlen zur perfekten Alpenoptik – und der Illusion einer heilen Welt.

Gleicher Inhalt, andere Verpackung – ein bisschen wie im sportlichen Sektor. Natürlich kam Poschner mit seinem Plan, einfach nur Weißwürste zu essen und ein bisschen zu plaudern, nicht bis zum Ende durch. Der Korb mit den Brez’n war gerade abgeräumt worden, die Zigarette danach geraucht, da ging es auch schon los mit der Fragerei. Zentrales Thema: Ist auch in der 1860-Mannschaft nicht mehr drin, als am Montag, bei der verdienten 0:1-Heimpleite gegen Düsseldorf, zu sehen war? Macht der Verein gar den Fehler, die kleinen angeblichen Fortschritte ein wenig überzubewerten? „Wir reden gar nichts schön, wir sind uns der Tabellensituation mehr als bewusst“, sagte Poschner und zog das Beispiel FC Ingolstadt heran, um seine Botschaft loszuwerden: „Schaut mal, auf welchem Platz Ingolstadt letztes Jahr zu diesen Zeitpunkt stand – auf Platz 18. Und was sind sie jetzt? Erster! Und so großartig hat sich die Mannschaft meines Wissens nicht verändert. Die Mannschaft hat sich im Gesamten weiterentwickelt.“ Doch dazu brauche es eben: Zeit.

Gelassenheit predigen, nicht in Hektik verfallen – das kann Poschner gut. Doch auf die Idee, einen Vorteil in der aktuellen Misere zu sehen, muss man auch erst mal kommen. „Wer weiß, wofür es gut ist“, orakelt er. „Extremsituationen sind immer gut für die Entwicklung – sofern man die richtigen Schlüsse daraus zieht und dementsprechend handelt.“ Noch immer schaut der Sportchef in der Tabelle eher nach oben als nach unten. „Es gibt ein breites Feld an Mannschaften, die 15 bis 20 Punkte haben“, behält er den Mittelbau der 2. Liga im Blick. Und überhaupt: Es seien noch 21 Spiele zu spielen. 20 Punkte bis zum Ende der Hinrunde „sollten das Ziel sein“, und was danach kommt: Wer weiß das schon? „Welche Vereine wirklich konstant sind, wird sich erst in der Rückrunde zeigen.“

Poschner jedenfalls ist frühestens ab dem 25. Spieltag bereit, sich Sorgen zu machen. Positiv findet er, „dass es in der Kantine immer lauter zugeht“ – der Rest findet sich. Sagt er. Hofft er. Nach zwei Stunden drängt die Pressestelle auf ein Ende der Einweihungsparty. Zurück bleiben leere Wasserflaschen, ein neuer, alter Container, der wieder akkurat bestuhlt ist – und viele offene Fragen.

Uli Kellner

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