"Jeder hat unterschrieben"

Poschner berichtet von Verhaltens-Charta

München - Die Degradierung von fünf Löwen-Profis sorgt weiterhin für Wirbel. Gerhard Poschner berichtet von einer Verhaltenscharta, die jeder Spieler unterschrieben habe.

Es regnete wie aus Kübeln, der heftige Temperatursturz machte auch den Trainingskiebitzen an der Grünwalder Straße zu schaffen, doch diese klimatischen Unbilden waren nichts gegen das, was sich hinter den Mauern der Löwen-Festung abspielte. „Letzte Woche waren wir tot – jetzt ist es noch schlimmer“, hatte Trainer Ricardo Moniz im „BR“ angedeutet, und am frühen Montagnachmittag stellte sich heraus, dass diese Bemerkung keineswegs nur die sportlichen Gruselauftritte in Kaiserslautern (2:3) und gegen Leipzig (0:3) betraf, sondern auch den sensibelsten Bereich einer Mannschaft. Dinge, die mit „Respekt“ (Moniz) und zwischenmenschlichen „Regeln“ (Sportchef Gerhard Poschner) zu tun haben.

Der Verein sah sich aus disziplinarischen Gründen gezwungen, fünf Mitglieder des Profikaders in die Trainingsgruppe der U 21 zu verbannen: Julian Weigl, Gabor Kiraly, Vitus Eicher, Yannick Stark und Daniel Adlung, also den Kapitän, den Teamältesten – und drei enttäuschte Reservisten. Eine illustre Mischung, die zeigt, dass den ambitionierten Löwen früh in der Saison das eigene Team zu entgleiten drohen.

Kiraly wurde bestraft, weil er Gary Kagelmacher nach dem dritten Tor gegen Leipzig am Haarzopf gezogen hatte. „Mehrmals“, wie Poschner präzisierte. Die Gruppe um Juniorchef Weigl hat es erwischt, weil Dinge ans Tageslicht kamen, „die nichts mit dem Trainings- oder Spielbetrieb zu tun hatten“ (Poschner). Andeutungen zufolge ist das Quartett zu einer Zeit, da Fußballer ins Bett gehören, dort gesichtet worden, wo Fußballer unter Moniz grundsätzlich nichts verloren haben. Sei es auf einer Party, in einer Bar – oder an einem anderen Ort, der für Leistungssportler im Wettkampfbetrieb auf dem Index steht. Poschner sagte nur so viel: „Es gibt Dinge, da sagst du Entschuldigung – und dann ist es gut. Und es gibt andere Dinge, da reicht eine einfache Entschuldigung eben nicht.“

Poschner berichtet von Charta

Kagelmacher zum Beispiel kommt mit einer Geldstrafe davon, weil er Kiraly lediglich verbal attackiert hatte. Kiraly muss zusätzlich mit einer Suspendierung leben, „weil es nicht sein kann, dass ich Mitspieler physisch attackiere“ (Moniz). Und für die vier mutmaßlichen Nachtschwärmer gilt: Sie haben Regeln verletzt, die sie selber abgesegnet hatten. Poschner berichtet von einer Verhaltens-Charta, die unten im Kabinentrakt steht. Jeder Profi habe vor der Saison „auf der Tafel unterschrieben, und da ist ein ganz großes Wort dabei, das heißt Respekt“.

Stellt sich die Frage, wie lange der Bannstrahl nun Gültigkeit hat. In der Presseerklärung ist nur vage von „vorläufig“ die Rede. Poschner sagte dazu: „Das liegt doch an jedem selber. Die Tür ist absolut sperrangelweit auf. Wir haben aber auch immer gesagt, dass sie in beiden Richtungen offen steht.“ Mit anderen Worten: Wer in der U 21 fleißig trainiert und sich auch abseits des Platzes nichts (mehr) zu Schulden kommen lässt, könnte bald begnadigt werden. Wer keine Reue zeigt, für den seien aber auch „weiterreichende Konsequenzen denkbar“. Auf die Frage, ob Weigl & Co. theoretisch sogar bis zum Pokalspiel in Kiel wieder ein Thema für den Profikader werden könnten, sagte Poschner: „Das wage ich zu bezweifeln.“

Mit Stammtorhüter Kiraly, 38, und Kapitän Weigl, 18, brechen somit zwei Stammspieler weg, mit Stark und Adlung zwei Spieler, die in der momentanen Situation den Vorteil hätten, dass sie wissen, wie es im Stahlbad zweite Liga zugeht. Insbesondere im Falle des Vereins-Aushängeschildes Weigl ist die Enttäuschung groß. „Er hat sich selber von der Binde befreit“, sagt Poschner. „Und die Frage ist doch, wie enttäuscht er von sich selber ist.“ Fürs Erste wird Christopher Schindler das Kapitänsamt übernehmen. Den Posten zwischen den Pfosten erhält Neuzugang Stefan Ortega. Zur vorläufigen Nummer zwei steigt auf: Michael Netolitzki, 20, ursprünglich mal der vierte Torhüter im Bunde.

Interessant war noch zu hören, wie die Fahndung nach den Sündern verlief. Poschner berichtete, dass er einen Tipp bekommen habe – und direkt nach dem 0:3 gegen Leipzig die Mannschaft damit konfrontiert habe. Ein sicherer Teilnehmer hatte bereits am Sonntag gestanden, drei weitere mussten bei der Sitzung am Montag aufstehen – vier sind aufgestanden. Wenigstens ehrlich sind sie.

Dass der Teamgeist zumindest bei den Partygängern stimmt, ist allerdings kein Zeichen, das dazu beiträgt, die Gesamtlage weniger kritisch einzustufen. Der Eindruck verfestigt sich, dass es zurzeit nicht nur sportliche Sorgen sind, die den Klub belasten. Frei nach Moniz sind die Löwen derzeit toter als tot – und die Wiederauferstehung in Kiel muss nun mit stark reduziertem Personal erfolgen.

Uli Kellner

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