Ein Hauch von Sommermärchen

Kommentar: Am Dienstag waren ALLE Münchner Löwen

München - Als Münchner erlebt man im Fußball vieles. Aber was sich am Dienstag bei der Relegation des TSV 1860 gegen Holstein Kiel hier abspielte, gab es so wohl noch nie.

Es wehte ein Hauch von Sommermärchen an diesem Dienstag, den 2. Juni 2015 durch München. Sonnenschein, 25 Grad, die Innenstadt von Fußball-Fans geflutet. Nur, dass die Schlachtenbummler nicht etwa weiße Trikots wie bei einer WM oder EM, sondern blaue Jerseys trugen. Und die anstehende Partie nicht Deutschland gegen Brasilien, sondern TSV 1860 gegen Holstein Kiel lautete. Die Spannung in der Luft war aber die gleiche. Und auch das Gemeinschaftsgefühl war ähnlich. "Heute sind wir alle blau", schien das Motto zu sein. Doch konnte das überhaupt sein?

Dieses Gefühl verfestigte sich auf dem Weg in Richtung Arena. Brechend volle U-Bahn-Züge, die sich eher wie Saunen auf Rädern anfühlten, bahnten sich den Weg in den Münchner Norden. Dort herrschte eine Mischung aus Entschlossenheit, Bangen und Angespanntheit. Regelmäßig fielen die Blicke auf die Smartphones, wo die letzten Infos zum Spiel abgerufen wurden. Natürlich durften dabei auch die sozialen Netzwerke nicht fehlen. Und da fiel auf: Zahlreiche offenkundige Bayern-Fans verkniffen sich gehässige Bemerkungen oder Kiel-Anfeuerungen. Was war nur mit München los?

57.000 Fans ließen die Arena erzittern.

Nach 80 Spielminuten voller Wut, Zittern und ersten Anzeichen von Resignation erlebte die Arena dann die wohl intensivste Schlussphase einer Partie, seit sie 2005 erbaut wurde. 57.000 Fans standen, hüpften, ließen das WM-Stadion in den Grundfesten erzittern. Sitzplätze? Fehlanzeige! Erdbeben-Gefahr in Fröttmaning, begleitet von einem ohrenbetäubenden Lärmpegel. Verglichen damit herrschte beim Auftritt von Metallica bei Rockavaria eine Kaffeekränzchen-Atmosphäre! Eine Humba nach Spielschluss, bei der das ganze Stadion mitmacht, hat es so in München wohl auch noch nicht gegeben. Die blau erleuchtete Arena bestand den Belastungstest und zeigte, was hier für ein Hexenkessel entstehen kann.

Auf dem Heimweg lohnte sich der Blick in die sozialen Netzwerke noch mehr, als vor der Partie. Was sich da abspielte, ist eigentlich unfassbar. Freunde und Bekannte, die sich sonst offen zum roten Lokalrivalen bekennen, posteten Sätze, die man so wohl nie erwartet hätte. "Ich hätte nicht gedacht dass ich mal vor Freude durch das Wohnzimmer hüpf, weil Sechzig ein Tor schießt. Sachen gibt's!" oder "Auch wenn ich rot bin, ich gratuliere dem 1860 herzlichst zum Klassenerhalt. Gut gemacht, Burschen". Sogar über Fotos eines Bayern-Fans im 1860-Trikot konnte man stolpern, garniert mit dem Satz: "Mein Verein ist der FCB, aber in extremen Situationen muss man zusammenhalten". Das musste man dann schon dreimal lesen, um es zu glauben ...

Auch am nächsten Morgen sprach die Stadt nur noch über das Relegationsspiel. Wann war eine 1860-Partie zuletzt ein derartiges Nummer-eins-Thema - und das in der gesamten Stadt? Und dann hört man von einer Kollegin, dass ihr Sohn, der sonst ein Roter ist, vor Freude bei den Löwen-Toren durchs Wohnzimmer hüpfte.

An diesem Dienstagabend im Juni 2015 war München fest in blauer Hand - und alle Einwohner (mit einigen Ausnahmen) drückten dem TSV 1860 die Daumen. Eine Stadt steht zusammen, wenn es darauf ankommt. An diesem Abend waren alle Münchner plötzlich Löwen.

Es war ein Jahrhundertspiel an einem lauen Sommerabend. Ein Hauch von Sommermärchen - in weiß und blau.

fw

Löwen halten Liga! Spiel- und Jubel-Bilder plus Noten

Löwen halten Liga! Spiel- und Jubel-Bilder plus Noten

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Aigner: „Zwei Bonusspiele, um die Saison zu retten“
Aigner: „Zwei Bonusspiele, um die Saison zu retten“
Löwen wollen jetzt zusammenhalten - aber wie?
Löwen wollen jetzt zusammenhalten - aber wie?
So sehen Sie Jahn Regensburg gegen TSV 1860 München heute live im Free-TV und Live-Stream
So sehen Sie Jahn Regensburg gegen TSV 1860 München heute live im Free-TV und Live-Stream
Mentalcoach über 1860-Situation: „Menschen scheitern aus zwei Gründen“
Mentalcoach über 1860-Situation: „Menschen scheitern aus zwei Gründen“

Kommentare