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Kommentar zum Löwen-Chaos: „Mölders hat sich angreifbar gemacht“

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Von: Ludwig Krammer

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Sascha Mölders ist aktuell nicht Teil des Löwen-Kaders. tz-Sportredakteur Ludwig Krammer kommentiert die momentane Lage beim TSV 1860 München.

München - Wollte man eine Top Ten der Kick-Stammtisch-Weisheiten aufstellen, dann wäre diese sicher ganz vorne mit dabei: Dem Fußball von heute fehlt es an echten Typen! Solchen mit Ecken und Kanten. Die noch sagen, was Sache ist. Sich nicht verbiegen lassen. Und allen Weichspülern zeigen, wo der Frosch die Locken hat.

Bei Traditionsclubs wie dem TSV 1860 ist die Sehnsucht nach kernigem Klartext naturgemäß besonders groß. Max Merkel, Werner Lorant, Karl-Heinz Wildmoser, Manni Schwabl, Olaf Bodden… Die Liste der Typen ist lang. Und Sascha Mölders gehört unbedingt dazu.

Sascha Mölders ein Bauernopfer? Deutlich zu kurz gegriffen

Spätestens, als er Sechzig mit seinen Relegations-Toren gegen Saarbrücken 2018 zurück in den Profifußball schoss, hatte der Mann aus dem Pott den Status eines weiß-blauen Fußball-Gottes inne. Zusammen mit Daniel Bierofka war Mölders das Gesicht der Löwen. Und nach Bierofkas Abgang die letzte aktive Identifikationsfigur an der Grünwalder Straße. Leistungsträger, werbewirksames Aushängeschild und selbstironisches Maskottchen („Wampe von Giesing“) in Personalunion.

Kein Wunder also, dass Mölders’ Kader- und Teamtrainings-Freistellung bis Jahresende für viele Fans einem Sakrileg gleichkommt. Der Shitstorm in den sozialen Medien kennt seit diesem Montag praktisch nur eine Richtung. Tenor der Empörung: Trainer MichaelKöllner und Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel, beide angesichts der jüngsten Misserfolge schwer angeschlagen, hätten Mölders mit Billigung der Gesellschafter als Bauernopfer auserkoren, um von eigenem Versagen abzulenken. So weit, so verständlich. Aber auch deutlich zu kurz gegriffen.

TSV 1860 München: Sascha Mölders hat sich angreifbar gemacht

Denn zur Wahrheit gehört ebenso, dass sich Mölders im Jahr nach seiner 22-Tore-Saison angreifbar gemacht hat. Seine Fitness-Defizite treten mit 36 Jahren deutlicher denn je zutage, die Entscheider-Qualitäten sind verschütt gegangen.

Ludwig Krammer kommentiert die aktuelle Mölders-Situation.
Ludwig Krammer kommentiert die aktuelle Mölders-Situation. © Sven Simon / Imago

Statt als verantwortungsbewusster Anführer wird der Kapitän ob seiner unvermindert rüden Umgangsformen und fehlenden Impulskontrolle zunehmend als Belastung wahrgenommen. So lange Mölders’ Leistung stimmte, wurde stillgehalten. Auch vom Trainer, der Mölders’ Forderung nach maximalen Einsatzzeiten öfter nachkam, als es Sinn ergab.

Damit ist es nun vorbei. Und die Löwen, die in Person von Sportchef Gorenzel gestern versuchten, die Schärfe herauszunehmen (um sich für einen möglichen Prozess vor dem Arbeitsgericht zu wappnen?), haben nur eine Chance, die öffentliche Zerreißprobe zu bestehen. In den beiden Auswärtsspielen bis zur Winterpause muss die Mannschaft beweisen, dass sie ohne Mölders befreiter aufspielt als mit ihm. Sollte der erhoffte Effekt ausbleiben, droht die Eskalation. Denn angebliche Missverständnisse und emotionale Überreaktionen hin oder her, die harmonische Re-Integration eines geläuterten Mölders erscheint aktuell in etwa so realistisch wie der Durchmarsch der Löwen in die Bundesliga.

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