Interview mit Nachwuchsleiter

Schellenberg: Wolf und Neudecker sollten bei 1860 verlängern

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Spaß im Löwen-Trainingslager Von links Richard Neudecker und Marius Wolf .

München - Neun Eigengewächse standen zuletzt im Profikader des TSV 186 München: Nachwuchsleiter Schellenberg ist stolz, erwartet aber noch mehr.

Löwen-Nachwuchsleiter Wolfgang Schellenberg.

Steilpass auf Mvibudulu, Wolf entkräftet aus dem Spiel, Vollmann aus der Distanz, Mulic ins Tor. Liest sich wie ein Protokoll aus der letzten U 21-Saison des TSV 1860. Spielte aber bei den Profis – in der Schlussphase der Pokalsensation gegen Bundesligist Hoffenheim (2:0). Mit Kapitän Schindler und Wittek standen zu diesem Zeitpunkt zwei weitere sogenannte Eigengewächse auf dem Platz. Kovac, Neudecker und Eicher saßen auf der Bank – drei weitere Spieler, die noch vor kurzem in der Regionalliga Süd zu Hause waren.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Torsten Fröhling die Pokalhelden vom Samstag als „meine Mannschaft“ bezeichnete. Als Trainer der U 21 (2013 bis Februar 2015) hat der Mecklenburger maßgeblich dazu beigetragen, die neun aufstrebenden Talente zu entwickeln. Doch Fröhling ist nicht der einzige, der sich als Ziehvater der hoffnungsvollen Junglöwen fühlen darf. Großen Anteil hat auch ein Mann, der sich mit Vorliebe im Hintergrund aufhält: Wolfgang Schellenberg, 43, Leiter des preisgekrönten Nachwuchsleistungszentrums. Für unsere Zeitung zeichnet er den Weg der Entdeckungen Mvibudulu und Mulic nach – und er erklärt, was von Spielern wie Neudecker und Wolf noch zu erwarten ist.

Herr Schellenberg, was halten Sie von der These, dass Sie wichtiger für die Profimannschaft sind als jeder Sportchef?

(lacht) Nein, nein. Das Wichtigste ist schon das Profiteam – und die Sportliche Leitung der Profis. Da stellen wir uns ganz brav hinten an.

Fast die Hälfe des aktuellen Profikaders trägt aber Ihren Entdeckerstempel. Nicht zu vergessen die vielen Ex-Löwen, die schon den Sprung in die Bundesliga geschafft haben.

Ich denke halt, es ist unsere Aufgabe, dass wir dem Profibereich zuarbeiten. Das heißt für mich: Unterstützen, wo man unterstützen kann. Wir wollen versuchen, möglichst viele Spieler oben anzubieten – alles Weitere hängt dann von der Bereitschaft des jeweiligen Profitrainers ab, junge Spieler zu fördern.

Macht es Sie wenigstens ein bisschen stolz, wenn neun Eigengewächse im Profikader stehen wie am Samstag?

Natürlich macht uns das stolz. Je mehr Spieler oben ankommen, desto schöner.

Erklären Sie doch mal: Wie entdeckt man ein Talent, das das Zeug zum Fußballprofi hat?

Da gibt es viele Faktoren. Wir im NLZ (Nachwuchsleistungszentrum) haben einen Kriterienkatalog aufgestellt, der sechs Bereiche abdeckt. Nach denen schauen wir Spieler an. Bei uns gilt: Wer eine Perspektive nach oben haben will, der sollte in zwei Bereichen herausragende Fähigkeiten haben – oder sie entwickeln können. Außerdem sollte er in keinem der sechs Bereiche unterdurchschnittlich abschneiden.

Welche wären das?

Taktik, Technik, Athletik – da zählt auch Ausdauer und Schnelligkeit mit rein. Dazu kommt Zweikampfverhalten – eine Summe der ersten drei Punkte. Spielintelligenz zählt dazu. Und Persönlichkeit.

Vermutlich haben Sie kein Interesse daran, Betriebsgeheimnisse auszuplaudern. Aber können Sie einen kleinen Hinweis geben, wie, wo und bei welchen Anlässen Sie nach tauglichen Nachwuchsspielern stöbern?

Das ist total breit gefächert. Wir kriegen Empfehlungen, wir sichten in Auswahlmannschaften, im Ligabetrieb, und wir führen Talenttage durch. Ohne ein gutes Netzwerk geht natürlich gar nichts.

Mulic, der 2,03-Hüne, überraschte am Samstag: Eine dicke Kopfballchance ließ er ungenutzt, dafür schob er den Konter über Adlung überlegt zum 2:0 ins Hoffenheimer Tor.

Ja, der Fejsal. Das wirkt oft nicht so bei ihm, aber er ist relativ schnell. In Verbindung mit seinem Körper bringt er da schon mal eine Waffe mit. Er hat die Bereitschaft gehabt, den nicht einfachen Weg über die U 21 zu gehen. Gerade im technischen Bereich hat er gute Fortschritte gemacht – auch wenn es bei großen, schlaksigen Spielern oftmals anders ausschaut.

„Ein Talent muss in zwei von sechs Bereichen herausragen – und in keinem unterdurchschnittlich sein“

Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Er spielte bei Novi Pazar in Serbien und wurde uns von jemandem empfohlen, den wir sehr gut kennen. Er kam dann eine Woche ins Probetraining, und danach haben wir gesagt: Okay, bei ihm sind Sachen da, die spannend sind. Groß, schnell – solche Stürmer sucht man ja.

Stephané Mvibudulu gilt wie Mulic als pfeilschnell und robust. Sie haben ihn beim Halleschen FC entdeckt. Wie lief das ab?

Auch hier kam eine Empfehlung, dass in Halle jemand spielt, der viele Voraussetzungen mitbringt: Herausragende Schnelligkeit, guter Körper. Wir haben ihn dann anschauen lassen und gesagt: Okay, versuchen wir.

Sind die beiden schon reif für die 2. Liga?

Sie sind zumindest so weit, dass sie den Konkurrenzkampf annehmen können. Sie haben sich auf dieses Niveau rangearbeitet, aber die Entwicklung ist natürlich bei beiden noch nicht beendet.

Wo sehen Sie noch größere Defizite?

Wenn Sie die sechs Bereiche nehmen, würde ich sagen: Es ist in allen Luft nach oben. Ballannahme, -mitnahme, Torabschluss. Auch der Faktor „Öffentlichkeit“ kommt dazu. Damit muss ein junger Spieler lernen umzugehen.

Mann der Stunde ist aber einer, den Sie nicht entdeckt haben: Daylon Claasen, der Wirbelwind aus Südafrika. Frage an den Mann mit dem besonderen Blick: Überrascht Sie sein Durchbruch? Oder war das eine Frage der Zeit?

Ich kann ihn ganz schwer beurteilen, weil er letztes Jahr kaum gespielt hat und ich selten die Trainingseinheiten der Profis sehe. Tatsache ist: Er hat sich letztes Jahr sehr schwer getan, hat dann aber eine positive Entwicklung genommen – das spricht erstmal für ihn. Dass er schnell und wendig ist, ist auch unübersehbar. Sonst wäre er gar nicht so weit gekommen.

Bei Marius Wolf und Richard Neudecker laufen die Amateurverträge aus, der Verein würde beide gerne langfristig binden. Haben Sie noch Einfluss auf Talente, wenn sie bereits im Zweitligakader angekommen sind?

Nein, das ist jetzt Sache vom Profibereich.

Was würden Sie ihnen raten?

Ich glaube schon, dass es für beide gut wäre zu verlängern. Die meisten Spieler, die durchgestartet sind und jetzt 1. Liga spielen, haben sich erstmal bei uns als Profi durchgesetzt, waren Stammspieler und vielleicht sogar Leistungsträger. Marius ist auf dem Weg dorthin, muss aber noch konstanter werden. Und der Richie steht noch mehr am Anfang. Für ihn geht es darum, sich erstmal in der 2. Liga zu etablieren.

Letztlich ist ja sogar Torsten Fröhling eine Entdeckung von Ihnen.

(lacht) Ich kenne ihn schon einige Jahre. Viele der jungen Spieler sind ja schon in der U 21 durch seine Hände gegangen. Die Entwicklung der Mannschaft spricht für ihn.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch, wer die nächsten Talente sind, die den Sprung in den Profibereich schaffen könnten?

(lacht) Nee. Weil’s einfach so viele Faktoren gibt, die man nicht vorhersehen kann. Herrenfußball bringt ganz andere Anforderungen mit. Korbinian Vollmann ist für mich das Paradebeispiel: Er hat lange gebraucht, es dann aber doch geschafft, sich zumindest im Zweitligakader zu etablieren. Es lohnt sich, bei jedem sehr differenziert hinzuschauen.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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