Innenverteidiger vom TSV 1860 im Interview

Semi Belkahia: „Beckenbauer? Der Vergleich ehrt mich“

„Durchbruch – oder Karriereende“: Semi Belkahia beim Sommertrainingslager-Interview 2020
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„Durchbruch – oder Karriereende“: Semi Belkahia beim Sommertrainingslager-Interview 2020

Noch vor der Saison stand Semi Belkahia kurz vor einem Karriereende. Trotz zwei Kreuzbandrissen ist der 22-Jährige mittlerweile Führungsspieler beim TSV 1860 München.

München– Hinten stabil und abgeklärt, vorne torgefährlich. Semi Belkahia, 22, zählt zweifellos zu den Stützen der momentanen Erfolgslöwen. Mit dem jungen Innenverteidiger hat der Tabellenvierte erst dreimal verloren (bei 18 Belkahia-Einsätzen), zudem trifft der frühere Hoffenheimer und Garchinger in jedem sechsten Spiel. Dabei hat der Münchner keine einfache Zeit hinter sich: Bei seinem vierten Profieinsatz im Mai 2019 riss zum zweiten Mal sein Kreuzband im rechten Knie – vor den Augen seiner Familie, die das erste Mal auf der Tribüne saß. Belkahias Leidenszeit dauerte bis Dezember 2020, seitdem hat sich für ihn alles zum Guten gewendet. Unser Interview mit dem Senkrechtstarter.

Semi Belkahia, wie bewerten Sie das 1:1 gegen Viktoria Köln im Rückblick: als Dämpfer oder als möglicherweise wertvollen Punktgewinn auf dem Weg zum Traumziel?

Wir wollten natürlich drei Punkte, aber es ist auch klar, dass man nicht jedes Spiel gewinnen kann. Die Viktoria hat in den letzten Wochen fast jedes Spiel gewonnen, deswegen muss man auch mal mit einem Punkt zufrieden sein – zumal die Ergebnisse am Mittwoch gezeigt haben, dass auch andere Teams da oben mal ein Unentschieden dabei haben.

Sie selber sind seit Wochen in Topform und ein Spieler, der kaum noch aus Michael Köllners Startformation wegzudenken ist. Fühlen Sie sich auch als Stammspieler?

Ich glaube schon, dass ich momentan gut drauf bin und freue mich immer, wenn der Trainer mich aufstellt. Ich weiß aber auch, dass ich noch einiges in meinem Spiel verbessern kann. Grundsätzlich bin ich vor allem froh, über einen längeren Zeitraum gesund und ohne große Verletzung zu sein.

Belkahia: „Standards sind eine große Stärke unserer Mannschaft“

Beim 2:0 gegen Türkgücü schritten Sie bei einem Vorstoß mit eleganter, aufrechter Körperhaltung über den Platz. Prompt wurden Sie im Internet mit dem jungen Franz Beckenbauer verglichen. Was löst das in Ihnen aus?

Es ehrt einen natürlich, wenn man mit so einem Spieler verglichen wird. Ich hab das aber eher lustig aufgenommen und wurde auch das eine oder andere Mal in der Kabine damit aufgezogen. Ich glaube, dass das schon eine Stärke von mir ist, dass ich für einen Innenverteidiger ein gutes Dribbling habe. Zu Franz Beckenbauer fehlt aber noch sehr viel (lacht).

Dreimal haben Sie bereits ins Schwarze getroffen – ein Topwert für einen Abwehrspieler. Staunen Sie da selber oder waren Sie immer so torgefährlich?

Standards sind eine Stärke unserer Mannschaft – wir haben sehr gute Schützen und auch schon viele Tore nach Ecken und Freistößen erzielt. Ich freue mich, dass ich schon dreimal treffen konnte und sogar noch Chancen auf mehr Tore hatte. Wobei von den drei Toren ja eigentlich nur eines mit dem Kopf dabei war, bei den anderen war ich eher zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Belkahia: „Das Wichtigste ist, dass ich gesund bin“

Im Trainingslager vor der Saison, bei unserem ersten Interview, wirkten Sie sehr nachdenklich. Sie sagten damals, dass ein Jahr der Weichenstellung bevorstehe: Fuß fassen im Profifußball – oder Karriere beenden. Auch Köllner sagte, dass es noch im Oktober so aussah, als würden sich die Wege trennen. Haben Sie quasi Ihre letzte Chance genutzt?

Ich weiß nicht, ob ich jetzt komplett mit dem Profifußball aufgehört hätte, aber klar: Ich hatte zwei Kreuzbandrisse, wurde danach auch noch mal operiert – das ist ja alles nicht ohne. Ich wusste schon immer, dass ich was drauf habe und ein gewisses Talent – du brauchst aber auch Glück, und deswegen bin ich jetzt froh, dass mit meinem Knie alles gut ist. Das Wichtigste ist, dass ich gesund bin, und wenn ich gesund bin, dann kann ich auch gut spielen.

Was wäre denn Ihr Plan B gewesen?

Ich habe Abi und mache ein Fernstudium: Sportmanagement. Ich hätte schon was gefunden.

Hat Köllner Ihnen gegenüber eigentlich genauso klare Worte gefunden wie später im Gespräch mit der Presse?

Nicht direkt. Also, er ist nicht zu mir gekommen und hat gesagt: Pass auf, bei dir wird’s nichts. Das wäre, glaub ich, auch unvorteilhaft gewesen. Man merkt ja selber, was für ein Standing man hat: Anfangs habe ich nie gespielt, dazu lief mein Vertrag aus – so lange bin ich jetzt auch schon dabei, dass ich solche Zeichen deuten kann. Zum Glück kann’s im Fußball auch sehr schnell in die andere Richtung gehen.

Wie viel Anteil hat der Trainer allgemein an Ihrem Durchbruch? Köllner gilt ja als Experte in Sachen Talententwicklung.

Für mich ist er momentan der beste Trainer. Er setzt auf mich und weiß generell, wie man mit jungen Spielern umgeht. Er spricht viel mit mir, wobei ich jetzt nicht jeden Tag bei ihm im Büro sitze.

Belkahia: „Ich fühle mich sehr wohl bei 1860“

Ist der Zweijahresvertrag, den Sie Mitte März unterschrieben haben, ein Meilenstein für Ihre Karriere?

Ich hab mich natürlich gefreut und bin auch stolz und dankbar für die Wertschätzung, die mir der Verein entgegenbringt. Ich hatte ja anfangs keine leichte Zeit hier, deswegen bin ich schon erleichtert, wie sich jetzt alles ergeben hat. Dazu kommt, dass ich mich sehr wohl fühle bei 1860. Ich bin ja jetzt auch schon drei Jahre hier und verstehe mich mit allen gut.

Bei Ihrer Vertragsverlängerung schwärmte Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel, Sie seien eines der „Toptalente der 3. Liga“. Hört man gerne, oder?

Es fühlt sich natürlich gut an, so was zu hören – und zu spüren, dass sie auf dich setzen. Andererseits: Der Allerjüngste bin ich jetzt auch nicht mehr mit 22. Das ganz große Toptalent ist man da nicht mehr. Aber wenn ich gesund und fit bleibe, denke ich schon, dass ich in dieser Liga eine gute Rolle spielen kann – und in unserer Mannschaft.

Jetzt, da Ihre Karriere wieder ins Rollen gekommen ist: Wo wollen Sie hin, was ist Ihr Ziel für die nächsten drei bis fünf Jahre?

Ich fänd’s schon schön, wenn ich noch mal höherklassig spielen könnte – ich trau’ mir das auf jeden Fall zu. Aber wie gesagt: Das Allerwichtigste für mich ist, dass ich gesund bleibe. Dann wird man sehen, wohin die Reise geht.

Interview: Uli Kellner

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