20 Jahre Fanprojekt München

Das sind die Fan-Versteher

Fanprojekt München, (VL) Thomas Emmes, Jochen Kaufmann, Lothar Langer, Victoria Vogel, Sebastian Drescher,  Foto: Oliver Bodmer

München - Sozialarbeit, die Fußball-Fans ernst nimmt: Das war von Anfang an der Anspruch des Fanprojekts München. Diese Woche wird es 20 Jahre alt. Wir haben die Sozialarbeiter getroffen – und uns erklären lassen, was die Arbeit mit Fußball-Fans besonders macht – und wann Lagerfeuer-Atmosphäre aufkommt.

Gewalt beim Fußball – da geht die Wahrnehmung oft weit auseinander. Da sind die Fans, die betonen, dass einst alles viel schlimmer war. Da ist die Öffentlichkeit, besorgt über eine angebliche Gewaltspirale. Und irgendwo in der Mitte sind die Sozialarbeiter, die mit den Fans arbeiten. Lothar Langer ist einer von ihnen. „In München zum Fußball zu fahren, ist absolut sicher“, betont er im Gespräch mit dem Münchner Merkur.

Langer muss es wissen. Zusammen mit seinen Kollegen vom Fanprojekt der Arbeiterwohlfahrt betreut er die Fans der beiden Münchner Vereine. Sie sind immer da – im Alltag, im Stadion und auch, wenn es außen rum einmal brenzlig wird. Morgen feiern sie 20 Jahre Fanprojekt. Langer ist von Anfang an dabei. Der Mann steht für eine Besonderheit der Fan-Arbeit. Er ist kein studierter Sozialpädagoge, war einst selbst in der gewaltbereiten Fanszene des TSV 1860 daheim. Die Mischung hatte sich das Stadtjugendamt, das das Fanprojekt initiierte, von Anfang an vorgestellt. „Das war gut für die Arbeit“, sagt Langer. „Sozialpädagogen, die Ansichten von außen mitbringen – und Fans, die die Leute mitbringen.“ Die Akzeptanz in der Fanszene war von Anfang an hoch – entscheidend für offene Jugendarbeit, schließlich wird niemand gezwungen, an den Angeboten wahrzunehmen. „Wir kannten die Fanszene in- und auswendig“, erinnert sich Langer. „Für mich war es relativ einfach, Vertrauen zu bekommen.“

Trotzdem habe es von den Fans am Anfang auch Bedenken gegeben. Dass einer die Seite gewechselt habe, wurde geraunt. „Redet der jetzt mit der Polizei, kuschelt er mit den Behörden?“ Der erste Anlaufpunkt: das damalige Streetwork-Büro am Johannisplatz in Haidhausen. Schon zur Europameisterschaft 1996 organisierte man eine Jugendfahrt. „Die Euro stand gar nicht so sehr im Mittelpunkt“, sagt Langer. „Sondern der Austausch mit englischen Fangruppen. Es war eine Begegnungsreise.“ Das Angebot wurde immer mehr ausgebaut. Heute trifft man sich zum Kicken, geht im Sommer auf Reisen – und fährt natürlich zum Fußball. Vor Heimspielen trifft sich die Fanszene am Streetworker-Bus auf der Esplanade vor der Arena. Das Fanprojekt sitzt in Fröttmaning. Seine Mitarbeiter begleiten die Fans von 1860 und des FC Bayern zu allen Auswärtsspielen, vermitteln bei Konflikten mit der Polizei. Für Jugendliche bietet man immer wieder eigene Auswärtsfahrten an – mit Übernachtung, Stadtrundfahrt, Museenbesuch.

Heute ist Jochen Kaufmann Leiter des Fanprojekts. Der Glatzkopf erklärt die Besonderheiten der Sozialarbeit mit Fans. „Die Jugend trifft sich beim Fußball. Der steht stark in der Öffentlichkeit. Es soll nicht zu Beeinträchtigungen kommen.“ Alkohol- und Drogenprobleme gebe es natürlich. Aber Kaufmann geht es auch darum, um Verständnis für sein Klientel zu werben. Heute sind die sogenannten „Ultra“-Fans die mit Abstand größte, sichtbare Jugendkultur. Überall in der Stadt finden sich etwa Aufkleber und Graffiti dieser Gruppen. „Die Jugend, die sich beim Fußball trifft, ist eine unbequeme Jugend“, sagt Kaufmann. Es gehe darum, dieser Jugend Freiräume zu verschaffen.

Fast schon ein wenig verzweifelt wirken die Fanprojektler, wenn man sie auf die Sicherheits-Diskussion anspricht. Victoria Vogel, eine junge Sozialarbeiterin, sagt, es sei schwierig, dass die Münchner Polizei immer auf starke Präsenz setze. „Das stößt bei Jugendlichen natürlich auf Unmut – auch wenn sie sich korrekt verhalten, bleibt die Linie der Polizei immer gleich.“ Kaufmann sagt: „Die Jugendlichen ecken an. Und da kommen wir ins Spiel. Wir müssen erklären, dass nicht alles kriminell ist, was als kriminell dargestellt wird.“ Kaufmann wirbt um Verständnis. Wenn große Gruppen Fans, in Schwarz gekleidet und mit Bier in de Hand, durch die Innenstadt marschieren, sei das nicht per se schlimm. Wenn Fangruppen bei Auswärtsspielen eine Trommel mit in den Fanblock nehmen dürfen, aber eine zweite reinschmuggeln, werden für das nächste Spiel Vorschriften verschärft – sowas nennt Kaufmann „kriminalisieren“. Im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen, findet er, sei der Fußball in München doch „sehr friedlich“. Dass das so ist, mag auch mit der rührigen Arbeit des Fanprojekts in den letzten 20 Jahren zu tun haben. Und wenn man die Fanprojektler so reden hört – dann kann man sich gut vorstellen, dass auch die nächsten 20 Jahre gut werden. Für das Fanprojekt, die Jugendlichen und den Fußball in München. Der, betont Langer, rückt in seiner Arbeit oft in den Hintergrund. Die schönsten Momente seien, wenn man nach den Spielen noch mit den Fans zusammensitze. „Dann fällt die ganze Spannung ab und plötzlich geht es um die Alltagsprobleme“, sagt er. „Ich mag diese Lagerfeuer-Atmosphäre."

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