„Dann geht’s dir wie dem HSV“

Sport-Psychologe: Das kann 1860 jetzt machen

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Augen zu und durch: Dominik Stahl und Christopher Schindler gestern im Regentraining.

München - In der Bundesliga können vor dem letzten Spieltag noch sechs Mannschaften absteigen, auch in der Zweiten Liga sind vor dem Showdown ein halbes Dutzend Teams in der Verlosung, mittendrin der TSV 1860 auf Platz 15. Alles eine Frage des Kopfes? Die tz sprach mit Psychologie-Professor Jürgen Beckmann (60).

Dieser fortscht an der TU München u. a. auf dem Gebiet der Leistungsrealisation unter Stress.

Herr Dr. Beckmann, so viele attraktive Studienobjekte wie am kommenden Wochenende gab es selten für Sie.

Beckmann: (lacht) Kann man so sagen, ja. Schade nur, dass wir nicht hinter die Kabinentüren schauen können – oder zumindest hören. Das würde die Studienobjekte erst richtig interessant machen.

Was können Sie von außen beobachten? Wer macht die beste Figur im Abstiegskampf?

Beckmann: Also der HSV und der FSV Frankfurt eher nicht. Solche Aktionen wie dieses kurzfristig angesetzte Trainingslager in Malente oder der Trainerwechsel in Frankfurt samt Waschanlagen-Aktion haben in meinen Augen den Charakter von Aktionismus. Das ist ein Lotteriespiel. Wenn’s klappt, lag’s hinterher natürlich nur daran, dass was verändert wurde.

"Verhaltensmuster stecken nach 33 Spieltagen in den Köpfen"

Beim TSV 1860 wird nichts verändert, auf ein Trainingslager hat Trainer Torsten Fröhling nach Rücksprache mit der Mannschaft verzichtet.

Beckmann: Das wäre auch mein Rat gewesen. Es geht in dieser Saisonphase, wo sich alles zuspitzt, vor allem darum, den Kopf freizubekommen, psychisch zu regenerieren. Und das geht in der Regel am besten außerhalb des Fußballs, etwa im Kreis der Familie.

Zumindest wenn der innere Zusammenhalt der Mannschaft noch vorhanden ist.

Beckmann: Ganz genau. Wenn eine Mannschaft bereits auseinanderfällt, hilft in der Regel auch alles Einschwören nichts mehr.

Beim TSV 1860 gab es vor dieser Saison den großen personellen Umbruch, im Laufe der Spielzeit wurde zweimal der Trainer gewechselt, dazu kamen vereinspolitische Gefechte, die immer noch nicht beendet sind. Inwieweit erklärt dies die Leistungen auf dem Platz?

Beckmann: Es wäre naiv zu glauben, dass sich diese permanente Unruhe, die in einer Medienstadt wie München natürlich noch verstärkt wird, nicht auf die Mannschaft überträgt. Die Spieler werden in ihrem Privatleben damit konfrontiert, das untergräbt zum einen die Identifikation mit dem Arbeitgeber und den Zusammenhalt, zum anderen blockieren negative Affekte die individuellen Stärken der Spieler. Wenn dann regelmäßige Nackenschläge auf dem Platz hinzukommen, führt das dazu, dass man bei Gefahr den Kopf einzieht, sprich nur noch auf Fehlervermeidung bedacht ist. Aus Agieren wird Reagieren. Diese Verhaltensmuster stecken nach 33 Spieltagen im unteren Tabellendrittel natürlich tief in den Köpfen drin, wie man es auch beim Spiel gegen Nürnberg wieder beobachten konnte.

"Heimvorteil kann zum Heimnachteil werden"

Am Sonntag geht es für 1860 in Karlsruhe gegen ein Team, das ebenfalls unter Erfolgszwang steht, wenngleich im Norden der Tabelle. Wie bewerten Sie die Situation?

Beckmann: Das Wildparkstadion ist ausverkauft, jeder erwartet vom KSC einen Sieg und damit zumindest die Relegation. Der Heimvorteil kann zu einem Heimnachteil werden, das ist eine Frage des Selbstvertrauens, aber das sollte beim KSC eigentlich vorhanden sein. Bei 1860 wird es darauf ankommen, wie sehr sich die Mannschaft von negativen Gedanken freimachen kann. Die Spieler müssen sich die positiven Momente dieser Saison – die es ja auch gab – vergegenwärtigen. Ein Vermeidungsziel zu formulieren, also: „Wir dürfen nicht…“, wäre der falsche Weg.

1860-Sport-Geschäftsführer Gerhard Poschner hat mehrfach erklärt, wie sehr ein erfolgreicher Abstiegskampf die Spieler im Hinblick auf die neue Saison „stählen“ würde. Was halten Sie von dieser These?

Beckmann: Gar nichts. „Gestählt“, um dieses Wort aufzugreifen, wirst du durch Souveränität. Nachhaltiges Selbstvertrauen kann nur aus einem Gefühl der Selbstwirksamkeit entstehen. Nur wenn ich sagen kann, dass ich durch mein Können, durch meine Fähigkeiten einem Abstieg entgangen bin, kann mich das stählen. Bei den meisten Spielern und Klubs sind es hinterher aber oft der Kampf und das Glück, die den Ausschlag zum Positiven gegeben haben. Und wenn ich dann behaupte, ich wäre gefeit vor einer Wiederholung des Schlamassels, tja, dann geht’s mir wie dem HSV in dieser Saison.

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