Sportchef Oliver Kreuzer im großen Interview

"1860 wird immer polarisieren - und das ist auch gut so"

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1860-Sportchef Oliver Kreuzer im Gespräch mit Redakteur Armin Gibis.

München - Im großen Interview spricht der neue 1860-Sportchef Oliver Kreuzer über seine ersten Eindrücke bei den Löwen, seine Transfer-Strategie und wie er bei seine Aufgaben erfüllen möchte.

Oliver Kreuzer, der TSV 1860 gilt als Chaos-Klub. Wie sind denn Ihre ersten Eindrücke vom blauen Chaos?

Oliver Kreuzer: Ehrlich gesagt: Ich habe den Verein ganz anders wahrgenommen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass wir das tolle Pokalspiel gegen Mainz hatten und drei Tage später gegen Duisburg den langersehnten ersten Sieg in der Liga. Somit ging es ziemlich ruhig zu. Ich bin zudem auf zwei Geschäftsführer getroffen, mit denen man richtig gut zusammenarbeiten kann. Und ich habe hier sehr kompetente Mitarbeiter vorgefunden. Das ist alles weit, weit entfernt von Chaos.

Das ist aber nicht unbedingt der Normalzustand bei 1860 ...

Oliver Kreuzer: Ich weiß, es gab auch andere Zeiten. Aber davon wollen wir endlich wegkommen. Wir müssen in Zukunft die hausgemachten unnötigen Nebenkriegsschauplätze vermeiden. Mir ist aber auch klar: 1860 wird immer polarisieren. Das ist auch der Grund, warum Sechzig weit über München hinaus wahrgenommen wird. Und das ist auch gut so. Wenn nicht mehr so viel über Sechzig geschrieben wird, wenn der Verein die Massen nicht mehr elektrisiert, dann ist 1860 München nicht mehr 1860 München. Das ist eben ein Verein mit diesen Emotionen, mit diesem Mini-Chaos.

Sie haben aus Ihrer Zeit als Profi des FC Bayern sicher noch Kontakte nach München. Sind Sie vor 1860 nicht gewarnt worden?

Oliver Kreuzer: Nein, im Gegenteil. Alte Weggefährten haben mir gratuliert und mir viel Glück gewünscht. Die sagen alle: Das ist eine spannende Aufgabe.

Schon in Ihren ersten Tagen bei 1860 war zu lesen, dass Trainer Benno Möhlmann nicht begeistert gewesen sein soll über Ihre Verpflichtung. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Oliver Kreuzer: Nein. Zwischen Benno und mir gab es nichts auszuräumen. Benno war rechtzeitig informiert, dass ich kommen werde. Es gab da nie eine Differenz. Wir verstehen uns gut, das passt.

"Benno Möhlmann und sein Team, das passt"

Als Sportchef eines Klubs, der mitten im Abstiegskampf steckt, haben Sie sich keine leichte Aufgabe ausgesucht ...

Oliver Kreuzer:Ich hatte – bis auf die Station in Salzburg – immer schwierige Vereine.

Wie packt man einen schwierigen Verein an?

Oliver Kreuzer: Indem man in Ruhe analysiert, wo man mit den Korrekturen ansetzen muss. Aktionismus wäre fehl am Platze, man braucht einen klaren Kopf und trifft dann die Entscheidungen.

Was haben Ihre sportlichen Analysen bei 1860 bisher ergeben?

Oliver Kreuzer: Benno Möhlmann und sein Team, das passt. Benno ist der Kopf aufgrund seiner Erfahrung, aufgrund seiner Autorität. Er ist klar der Chef, die anderen folgen ihm. Das ist alles absolut in Ordnung. Und dann habe ich eine Mannschaft erlebt, bei der ich spüre: Sie weiß, um was es geht. Und sie zieht an einem Strang. Ich habe keine Grüppchenbildung gesehen, sondern eine Mannschaft, die beim 0:0 in Braunschweig das Spiel hervorragend angegangen ist – auch wenn man vieles noch verbessern kann. In dieser Mannschaft ist Potenzial, sie hat definitiv Qualität.

Das Tabellenbild lässt das nicht unbedingt vermuten. 1860 ist Vorletzter.

Oliver Kreuzer: Ich sehe es so: Die Mannschaft steht defensiv sehr kompakt. 15 Gegentore in 14 Spielen – das ist in Ordnung, nur vier Zweitliga-Vereine haben weniger kassiert. Wir wissen natürlich alle, dass acht geschossene Tore viel zu wenig sind.

Heißt das, dass Sie in der Winterpause Verstärkungen holen?

Oliver Kreuzer: Das ist kein Geheimnis, dass wir uns in diesem Bereich verbessern wollen. Wir brauchen einen, der Tore schießt. Auf dieser Position hast du im Fußball aber nie die Garantie, dass das mit einem neuen Mann auch klappt. Ich kann niemals versprechen: Hier ist einer, der euch 15 Tore schießt. Man geht da immer ein Risiko ein. Es gibt natürlich Spieler, von denen man glaubt, dass sie uns weiterbringen. Zum Beispiel einer, der schon bewiesen hat, dass er in Deutschland Tore schießen kann. Dementsprechend sind wir dran.

Okotie-Abschied? "Es müsste wirklich viel passieren"

Einer, der es schon bewiesen hat, dass er treffsicher ist, ist Rubin Okotie. Zwölf Tore erzielte er in der vergangenen Hinrunde. Seither steckt er jedoch in einer Krise. Wie groß ist das Interesse, Okotie zu halten?

Oliver Kreuzer: Sehr groß. Wir haben hundertprozentiges Interesse. Es müsste wirklich viel passieren, dass wir sagen: Wir lassen Rubin ziehen. Das gilt auch für den Fall, dass wir einen neuen Stürmer holen.

In einem Interview deutete Okotie allerdings an, dass er mit Abwanderungsgedanken spielt ...

Oliver Kreuzer: Ich habe natürlich Rubins Aussage mitbekommen. Da er in dieser Woche für Österreich spielte, gab es noch keine Gelegenheit, mit ihm darüber zu reden. Aber wir wissen, wie er es gemeint hat.

Wie?

Oliver Kreuzer: Er hat sich alle Optionen offen gehalten. So nach der Art: Ich kann mir vorstellen zu bleiben – aber auch zu gehen. Rubin hat sich da eine Hintertür offen gelassen.

Liegt denn eine Anfrage eines Vereins vor?

Oliver Kreuzer: Nein. Überhaupt nicht. Ich bin da ganz entspannt. Fakt ist: Rubin ist Spieler von 1860 München. Ich gehe davon aus: Er wird’s auch bleiben.

Okotie hat in dieser Saison gerade ein Tor zu Buche stehen. Sind Sie denn wirklich von seinen Qualitäten überzeugt?

Oliver Kreuzer: Ich weiß, was Rubin kann: Er kann Tore machen. Jeder Spieler hat mal eine Ladehemmung. Und man darf nicht vergessen: Unser Offensivspiel lahmt allgemein. Wir kreieren zu wenig Torchancen. Wenn wir das ändern, dann macht Rubin auch wieder seine Tore.

Wie steht es denn mit dem 19-jährigen Richard Neudecker? Wie sind die Chancen, ihn zu halten?

Oliver Kreuzer: Wenn Richy in der Ersten Liga spielen und sein Gehalt vervierfachen will, dann brauchen wir gar nicht verhandeln. Aber junge Spieler müssen spielen. Und das müsste sein Berater auch so sehen. Für einen jungen Spieler wie ihn bringt es nichts, wenn er in die Erste Liga abgegeben wird – und dann in der Regionalligamannschaft spielt. Richy ist ein sehr talentierter Spieler, dem ich eine gute Karriere zutraue. Aber die muss aufgebaut werden. Für ihn wäre es das Beste, wenn er bei uns bleibt und sich weiterentwickelt.

"Es bringt nichts, große Töne zu spucken"

Ein Verein mit erfolgreicher Nachwuchsarbeit ist auch der Viertligist Unterhaching. Seltsamerweise hat sich 1860 bislang nie für die vielen jungen Hachinger Spieler interessiert, die zu höherklassigen Vereinen abgewandert sind. Wir sich das ändern?

Oliver Kreuzer: Natürlich registrieren wir, dass in Haching gute Arbeit geleistet wird. Allgemein Spieler wie Niederlechner, Voglsammer, Haberer würden auch uns gut zu Gesicht stehen.

Wie sind denn grundsätzlich Ihre Ziele bei 1860, verfolgen Sie eine bestimmte Philosophie?

Oliver Kreuzer: Mir geht es um Kontinuität, um Stabilität. Wenn du das erreichst, dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass du Erfolg hast. Es bringt nichts, große Töne zu spucken. Ich halte auch nichts von irgendwelchen Drei-Jahres-Plänen oder gar von großen Umbrüchen. Zwölf Spieler vom Hof jagen und zwölf neue holen: Das funktioniert nicht. Man muss vielmehr alles daran setzen, dass man sich nach und nach verbessert. Dieses Jahr heißt natürlich das großes Ziel: Nichtabstieg. Der nächste Schritt ist: Ganz gezielt die neue Saison vorzubereiten. Wichtig ist der Glaube an die eigene Mannschaft, an die Nachwuchsarbeit. Und dann muss man punktuell die Mannschaft verstärken. 1860 ist ein Verein, der unglaubliches Potenzial hat, meine Aufgabe ist es, die Dinge in die richtigen Bahnen zu bringen.

Die Sechziger warten in dieser Saison immer noch auf den großen Befreiungsschlag. Wie groß ist die Hoffnung, dass er im Heimspiel an diesem Samstag gegen FC St. Pauli kommt (bei uns im Live-Ticker)?

Oliver Kreuzer: Ich hoffe, dass wir unseren Minitrend bestätigen. Duisburg war der erste Sieg, aber nicht der große Befreiungsschlag. Da schätze ich die Leistung gegen Braunschweig höher ein. Wenn uns jetzt gegen St. Pauli ein Sieg gelingen würde, dann könnte das ein Turnaround, ein Wendepunkt, sein.

St. Pauli ist als Tabellenzweiter klarer Favorit – ein Sieg ist da eher unwahrscheinlich.

Oliver Kreuzer: Klar, St. Pauli ist eine Mannschaft, die einen Lauf hat. Aber das ist mir lieber, als wenn wir jetzt gegen Heidenheim oder Sandhausen spielen würden. Die Rolle als Außenseiter liegt uns mehr. Schwieriger wird es, wenn große Erwartungen da sind und wir das Spiel machen müssen. Uns liegt St. Pauli mehr. Ich bin da guten Mutes.

Das Interview führte Armin Gibis

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