Die Krise bei 1860

Sportpsychologe: Draufhauen à la Lorant wäre jetzt falsch

München - Was lässt sich auf der Zielgeraden beim TSV 1860 noch tun, wo soll man ansetzen? Die tz fragte beim renommierten Sportpsychologen Jürgen Beckmann nach.

Abstiegsstrudel, mentale Probleme – die Sechziger des Frühjahrs 2016 erinnern frappierend an die Löwen des Frühjahrs 2015. Was lässt sich auf der Zielgeraden noch tun, wo soll man ansetzen? Die tz fragte beim renommierten Sportpsychologen Jürgen Beckmann (61) nach, der an der TU München u.a. auf dem Gebiet der Leistungsrealisation unter Stress forscht.

Herr Prof. Beckmann, vor einem Jahr haben Sie im tz-Interview erklärt, dass Sie von der These, 1860 werde aus einem erfolgreichen Abstiegskampf gestählt hervorgehen, „gar nichts“ hielten. Fühlen Sie sich bestätigt? 

Jürgen Beckmann: Ich habe damals gesagt, dass nachhaltiges Selbstvertrauen nur aus einem Gefühl der Selbstwirksamkeit entstehen kann. Gestählt, um Herrn Poschners Ausdruck von damals zu benutzen, werde ich nur dann, wenn ich dem Abstieg in erster Linie durch mein Können und meine Fähigkeiten entgangen bin.

Bei 1860 hieß es nach der Relegation gegen Kiel eher: Überlebt mit Glück und Bülow…

Beckmann: Ja, das Gefühl, gerade noch überlebt zu haben, ist natürlich ungemein erleichternd, aber es härtet einen nicht zwangsläufig ab.

Sprich: Auf Dusel lässt sich schwer aufbauen.

Beckmann: Ich will nicht sagen, dass der Klassenerhalt nur Glück war. Und genau das ist der Punkt. Gerade in der jetzigen Situation gilt es, die Ressourcen auszugraben, um neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Die Spieler müssen daran erinnert werden, was sie damals stark gemacht hat, wie sie sich dieses Glück des Tüchtigen verdient haben. Auf individueller Basis könnte man tiefer gehen und jedem Spieler dabei helfen, sich bewusst zu machen, mit welchen Stärken er es geschafft hat, Profi zu werden. Der Ansatz muss in jedem Fall ein positiver sein.

"Zu Lorants Zeit sind nicht wenige Spieler von 1860 zu mir gekommen"

Vom Draufhauen nach Lorant’scher Art halten Sie demzufolge eher wenig.

Beckmann: Spieler wollen emotionale Ansprachen, die dürfen auch lauter sein oder sogar öffentlich. Aber die sachliche Ebene darf nicht verlassen werden. Herabsetzung, das Absprechen von Fähigkeiten, wirkt kontraproduktiv. Ich mache einen Spieler klein, damit er groß aufspielt – diese Logik wird mir nie einleuchten. Und wenn Sie Werner Lorant ansprechen: Zu seiner Zeit sind nicht wenige Spieler von 1860 mit Kapuze überm Kopf zu mir gekommen und haben um Rat gebeten, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Was haben Sie empfohlen?

Beckmann: Einige wollten auf offene Konfrontation gehen, die habe ich gefragt, was sie sich davon versprechen. Es gab dann subtilere Methoden der Kommunikation, die zum größten Teil auch gefruchtet haben. Aber das ist jetzt über 20 Jahre her und die Zeit der Schleifer ist nicht nur meines Erachtens vorbei.

Benno Möhlmann ist nicht als Schleifer bekannt. Was halten Sie von seiner öffentlichen Aussage, er habe bei 1860 keine 100-prozentige Mannschaft?

Beckmann: So weit ich das verstanden habe, hat er damit die Kommunikation auf dem Platz angesprochen, das gegenseitige Helfen und Unterstützen. Das ist ein ganz schwieriger Punkt, wenn es zu wenige Spieler gibt, die Verantwortung übernehmen und als positives Beispiel vorangehen wollen. Typen wie Thomas Müller, Xabi Alonso oder Philipp Lahm hat nicht jeder in der Mannschaft.

"Aus diesem Muster gilt es auszubrechen"

1860 hat zumindest einen Sascha Mölders.

Beckmann: Das ist aus der Distanz betrachtet durchaus einer, der die Leute mitnehmen kann. Aber seine Position ist natürlich nicht ideal, er ist als Stürmer ja selbst von Unterstützung abhängig.

Möhlmann sagte nach dem KSC-Spiel, er sei psychologisch vielleicht zu einfach gestrickt, um zu verstehen, warum eine Führung der Mannschaft keine Sicherheit bringe. Können Sie ihm auf die Sprünge helfen?

Beckmann: Ich schätze Herrn Möhlmann sehr, er ist ein Trainer, der viel reflektiert und keine vorschnellen Urteile fällt. In diesem Fall wäre es aus psychologischer Sicht aber tatsächlich zu einfach zu sagen, dass ein 1:0 Selbstvertrauen bringen müsste. Gerade wenn eine Mannschaft es des Öfteren erlebt hat, wie Spiele gegen sie gekippt sind, kann da schnell die berühmte Angst des Kaninchens vor der Schlange entstehen. Selbsterfüllende Prognosen, dieses „es geht ja eh wieder schief“ – aus diesem Muster gilt es auszubrechen.

Nur wie?

Beckmann: Mit bestimmten Stichworten zum Beispiel, die im Training abgesprochen werden. Es muss Programme geben, taktische Verhaltensweisen, die in solchen Situationen greifen. Die Mannschaft muss ein Bewusstsein entwickeln: „So, jetzt haben wir etwas, das uns so schnell keiner nehmen kann. Und wir holen uns noch mehr!“ Beim ersten Anzeichen von Lethargie gilt es sofort gegenzusteuern.

Nicht gerade wenige Aufgaben für die letzten paar Wochen der Saison.

Beckmann: Gerade in Sachen Kommunikation dauern Wunder manchmal etwas länger. Aber die Lage ist nicht aussichtslos. Entscheidend ist, dass die Mannschaft nach vorne gewandt ist. Klar ist die Stimmung im Abstiegskampf eine andere als wenn du mit einer Erfolgsserie im Rücken nach den Sternen greifst. Aber dieses Gefühl zu erzeugen, wir heizen dem Gegner jetzt mal richtig ein, das sollte kein Ding der Unmöglichkeit sein.

Rubriklistenbild: © sampics / Stefan Matzke

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Zwölf Verträge enden 2018 - welche dieser Spieler bleiben Löwen?
Zwölf Verträge enden 2018 - welche dieser Spieler bleiben Löwen?
Schon jetzt ist klar: Eric Weeger wird am Sonntag Rekord brechen
Schon jetzt ist klar: Eric Weeger wird am Sonntag Rekord brechen
Löwen-Reserve: Nächster Sieg in Traunstein?
Löwen-Reserve: Nächster Sieg in Traunstein?
1860 vor dem Derby in Augsburg: Tabelle gut, Team gut, Stimmung gut
1860 vor dem Derby in Augsburg: Tabelle gut, Team gut, Stimmung gut

Kommentare