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Aigner im Exklusiv-Interview: „Dritte Liga, da hätte ich überlegt“

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Von: Ludwig Krammer

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Relegation zur 2. Fussball Bundesliga Jahn Regensburg - TSV 1860 München
Stefan Aigner: „Jetzt bin ich das Gesicht des Abstiegs.“ © sampics / Stefan Matzke

Er war das Symbol des Aufbruchs, jetzt ist Stefan Aigner das prominenteste Gesicht des Abstiegs. Im tz-Interview blickt der 29-Jährige zurück auf die schlimmste Saison seiner Karriere und äußert sich erstmals öffentlich zu seiner Zukunft.

München - Wie war das Verhältnis zu Coach Vitor Pereira und was hat dazu geführt, dass Stefan Aigner sein Kapitänsamt abgegeben hatte? Wir haben mit dem ehemaligen Löwen-Kapitän gesprochen.

Herr Aigner, Sie kommen nach Ihrem Urlaub wieder in die Heimat. Inwieweit ist der Abstieg mit 1860 schon verdaut?

Aigner: Ich hab zwei Wochen gebraucht, um es einigermaßen zu verarbeiten. Zuerst hab ich’s gar nicht realisieren können, was da eigentlich passiert ist, mein Kopf war komplett leer. Aber wenn man die ganze Saison verfolgt hat, dann muss man sagen, dass wir völlig verdient abgestiegen sind. Das ist das Traurigste.

Haben Sie die Situation bei den Löwen falsch eingeschätzt, als Sie im vergangenen Sommer von Eintracht Frankfurt in die Zweite Liga gewechselt sind?

Haben Sie die Situation bei den Löwen falsch eingeschätzt, als Sie im vergangenen Sommer von Eintracht Frankfurt in die Zweite Liga gewechselt sind?

Aigner: Das sind die Fragen, die man sich stellt… Mir war bewusst, dass die Erwartungshaltung extrem groß sein wird und der Schuss auch nach hinten losgehen kann. Aber ich hab’s gemacht und ich würde es auch wieder machen.

Was hat Sie damals überzeugt, dass Sechzig der richtige Schritt sein würde?

Aigner: Mir war in erster Linie wichtig, dass erfahrene Leute da waren wie Kosta Runjaic und Thomas Eichin, die gesagt haben, dass hier eine Mannschaft für den Aufstieg aufgebaut wird. Das Ziel für die erste Saison sollte ein Platz im oberen Mittelfeld sein, der zweite Schritt dann der Angriff auf die Bundesliga – mit einem soliden Fundament. Damit konnte ich mich identifizieren.

„Die späten 1:1-Gegentore gegen Stuttgart und Sandhausen waren sicherlich zwei Knackpunkte“

Ihr Start war ja durchaus in Ordnung.

Aigner: Ich hab’s hinbekommen, den Druck in positive Energie umzumünzen. Dann kam diese saudumme Verletzung (Innenband-Anriss im Knie), nach der ich es selten geschafft habe, zu meiner vollen Leistung zurückzufinden. Auch wegen diverser Positionswechsel.

Körperlich waren Sie nach dem Winter wieder fit, oder?

Aigner: Ja, daran lag’s nicht. Es sind halt nach und nach viele Dinge zusammengekommen, die irgendwann ihre Wirkung entfaltet haben.

Können Sie das konkretisieren? Sascha Mölders hat kein gutes Haar an Vitor Pereira und seinem Umbruch gelassen.

Aigner: Grundsätzlich finde ich es besser, wenn man vor der eigenen Haustür kehrt und sich fragt, ob man alles getan hat, um nicht abzusteigen. Ich mag es nicht, dass jetzt jeder auf den anderen zeigt. Es ist mir zu einfach, jetzt alles auf Pereira zu schieben, ich glaube nach wie vor, dass er ein guter Trainer ist. Seine Ansprachen waren emotional und präzise, auch wenn er alles auf Englisch gemacht hat.

Warum ging’s dann schief?

Warum ging’s dann schief?

Aigner: Wie gesagt: Es gibt nicht den einen Grund. Das Problem war die Masse an Veränderungen im Winter, auch die Sprache zählt dazu. Das ist alles kein Problem, wenn du Erfolg hast und vorne mitspielst. Aber wenn du halt unten nicht wegkommst und die Punkteabstände immer kleiner werden, dann entwickelt das Ganze irgendwann eine andere Dynamik.

Gab’s einen Knackpunkt?

Gab’s einen Knackpunkt?

Aigner: Die späten 1:1-Gegentore gegen Stuttgart und Sandhausen waren sicherlich zwei Knackpunkte. Aber man muss einfach sagen, dass wir keine echte Mannschaft waren, keine Einheit. Wir haben uns alle gut verstanden, das schon, aber es ist was anderes, ob du miteinander auskommst oder ob du ein eingeschworener Haufen bist. Das war der große Unterschied zu Bielefeld oder Aue, da hilft dir die ganze Qualität nichts.

Wie war Ihr Verhältnis zu Pereira? Sie haben früh das Kapitänsamt abgegeben.

Aigner: Ich habe das damals als zusätzliche Belastung gesehen, weil ich nicht die Form hatte, auf dem Platz voranzugehen. Das war das eine.

1. FC Heidenheim - TSV 1860 München 2:1
Am Boden angekommen: Stefan Aigner nach der bitteren 1:2-Niederlage gegen den 1. FC Heidenheim. © dpa

„Ich hatte nie das Gefühl, dass wir Regensburg schlagen können“

Und das andere?

Aigner: Ein Kapitän soll ja nicht nur die Binde rumtragen, er soll ein Verbindungsglied zwischen Mannschaft und Trainer sein. Das war bei mir nicht mehr möglich. Ich hatte keine echte Verbindung zum Trainer und nicht das Gefühl, dass ich ein wichtiger Spieler für ihn bin. Die alten Hierarchien waren nichtig. Es gab keinen Mannschaftsrat mehr, keine Mannschaftskasse, so ist alles nach und nach zerfallen.

Das klingt jetzt aber doch nach Trainerkritik…

Aigner: Ausnehmen kann sich keiner. Mich stört’s nur, wenn es heißt, der Trainer sei alleine schuld gewesen. Ein Faktor war sicherlich auch, dass es nach Thomas Eichin keinen Sportchef mehr gab.

Daniel Bierofka sagt, er habe bei seinem Einstieg vier Wochen vor Saisonschluss eine tote Mannschaft vorgefunden.

Aigner: Ja, da hat er recht. Pereira hat uns genau das in seinen Ansprachen auch vorgeworfen. Dass wir uns auf dem Platz zu wenig unterstützen, dass diese Undiszipliniertheiten wie im Trainigslager in Bad Wörishofen allen schaden. Aber da war es eigentlich schon zu spät.

Welche Undiszipliniertheiten?

Aigner: Da will ich nicht ins Detail gehen. Es war halt auch wieder ein Faktor.

Die folgende Relegation…

Aigner: …war eine einzige Katastrophe. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir Regensburg schlagen können. Egal wie wir attackiert haben, die hatten immer Überzahl und für fast jede Situation eine Lösung. Mir ist es die ganze Zeit vorgekommen, als hätten die zwei Spieler mehr auf dem Platz gehabt. Das war ein Klassenunterschied – oder eigentlich zwei.

Welche Vorwürfe machen Sie sich selbst?

Aigner: Dass ich den Erwartungen nicht gerecht geworden bin. Ich habe zu selten an meine Form vor der Verletzung anknüpfen können, auch wenn ich immer alles versucht habe. Jetzt bin ich das Gesicht des Abstiegs. Das ist bitter, aber Fakt.

„Es war wie ein Alptraum“

Wie haben Sie den Zwangsabstieg in die Regionalliga erlebt?

Aigner: Da waren wir schon im Urlaub. Es war wie ein Albtraum, gerade auch mit dem Gedanken an die Fans. Wenn man sieht, wie die uns trotz der vielen grausamen Spiele unterstützt haben. Das haben sie nicht verdient.

Was glauben Sie, wie’s weitergeht bei 1860?

Aigner: Zur politischen Lage will ich öffentlich nichts sagen, das steht mir nicht zu. Sportlich ist es aus meiner Sicht das Beste, dass Daniel Bierofka jetzt Trainer ist.

Wären Sie in der Dritten Liga geblieben?

Aigner: Das war eine Überlegung, ja. Ich bin das schon mit der Familie durchgegangen. Aber Regionalliga… Ich bin 29, Sport ist mein Beruf. Ich will mich nicht kleiner machen als ich bin und auf höchstmöglichem Niveau spielen.

Der FC Augsburg soll Interesse signalisiert haben.

Aigner: Ich kann dazu nur sagen, dass ich persönlich noch mit keinem Verein geredet habe. Ich werde am Wochenende mit meinem Berater telefonieren.

Was ist Ihr Anspruch?

Aigner: Bundesliga oder ein guter Verein im Ausland.

Welche Rolle spielt das Geld?

Aigner: Es wird so viel Schmarrn erzählt. Wer mich aufs Geld reduziert, ist auf dem falschen Dampfer.

Interview: Ludwig Krammer

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