Ex-Löwe spielt jetzt in US-Liga

Aigner im Interview: „Ein bissl wie der Münchner Süden“

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Grüße aus Colorado: Stefan Aigner genießt mit seiner Frau Laura die neue sportliche Heimat.

Für Stefan Aigner läuft es sportlich gerade bei den Colorado Rapids. Dennoch kehrt der Ex-Löwe schon bald nach Deutschland zurück. Das Interview mit dem Mittelfeldspieler.

München - Stefan Aigner hat sich eingelebt in seiner neuen Wahlheimat, den USA. Auch die sportliche Bilanz des Ex-Löwen bei seinem Klub Colorado Rapids kann sich sehen lassen. Eine Torvorlage und zwei eigene Treffer stehen nach sieben Einsätzen für den Außenstürmer zu Buche. Wie es ist, auf 1600 Metern Höhe Fußball zu spielen, und warum es in drei Wochen schon wieder zurück nach Deutschland geht, erzählt Aigner im tz-Interview.

Herr Aigner, der Oktober ist der Aigner-Monat bei den Rapids. Ein Kopfballtor beim 2:1 gegen Montreal vor zwei Wochen, am Samstag der Führungstreffer beim 1:1 gegen Dallas. Läuft bei Ihnen!

Aigner: Ja, ich kann mich nicht beschweren. Leider hat’s gegen Dallas nicht zum Sieg gelangt, die Chancen waren da. Jetzt werd’ ich schauen, dass ich in den letzten zwei Spielen noch mal alles raushau’, und dann geht’s in der neuen Saison hoffentlich richtig los.

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Wie sehr wurmt es Sie, dass Colorado keine Chance mehr auf die Playoff-Qualifikation hat?

Aigner: Ich wusste schon, als ich gekommen bin, dass es in dieser Saison fast aussichtslos ist, von daher hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Aber natürlich ist es schade, dass es Anfang November schon wieder vorbei ist - jetzt wo ich meine Form gefunden habe.

Die Vorbereitung startet erst Mitte Januar. Was machen Sie bis dahin?

Aigner: Wir, also meine Frau Laura und unser Sohn Felix (19 Monate, d. Red.) fliegen nach dem letzten Spiel zurück nach Deutschland, die Wohnung hier haben wir nicht aufgegeben. Und am 18. Januar geht’s zurück nach Denver. Langweilig wird’s uns nicht.

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Wie haben Sie sich eingelebt?

Aigner: Super! Wir haben ein Haus in Washington Park gemietet, zum Training brauche ich mit dem Auto eine halbe Stunde. Die Landschaft erinnert mich ein bissl an den Münchner Süden, in 25 Minuten bist du in den Bergen. Und die Leute sind so was von nett, wir könnten es uns echt nicht schöner wünschen. Am Anfang war halt viel zu erledigen mit dem Haus, der Green Card und der Social Security Number. Zum Glück hat uns eine Klub-Angestellte viel geholfen mit den organisatorischen Sachen. Ohne diese Sozialversicherungsnummer geht zum Beispiel überhaupt nix, da kannst du nicht mal einen Handyvertrag abschließen.

Sind Sie auch essenstechnisch schon angekommen?

Aigner: Mittlerweile ja. Es ist nicht leicht, was Gesundes zum Essen zu finden, da musst du schon schauen. Als ich gesehen hab, dass Würstl mit Ketchup hier ein völlig normales Frühstück sind, da hat’s mich schon gerissen. Aber im Verein wird sehr auf Ernährung geachtet, das ist alles extrem professionell.

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Wie wurden Sie vom Team aufgenommen?

Aigner: Auch da gibt’s keinen Grund zur Klage. Das ist alles sehr locker hier. Als ich zum ersten Mal in die Kabine gekommen bin, hab ich gemeint, wir wären Tabellenführer, so gut war die Stimmung. Das soll jetzt nicht heißen, dass es an Ehrgeiz fehlt, im Training geht’s schon Vollgas zur Sache beim Kampf um die Plätze. Aber du kannst halt nicht absteigen, das nimmt dem Ganzen im Gegensatz zu Deutschland den existenziellen Druck.

Wer sind Ihre ersten Ansprechpartner in der Mannschaft?

Aigner: Unser Co-Trainer Conor Casey hat lange Jahre in Deutschland gespielt, auch mit Shkelzen Gashi, unserem Schweizer, kann ich Deutsch reden. Das hat mir am Anfang schon geholfen. Aber inzwischen verstehe ich beim Training und bei den Ansprachen alles und ich will mich ja auch mit allen gut verständigen können. Schulenglisch und amerikanisches Alltagsenglisch, das ist natürlich schon eine Umstellung, aber es wird täglich einfacher.

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Eine Umstellung ist auch die Höhe. Denver liegt auf 1600 Metern. Wie haben Sie das beim Training zu spüren bekommen?

Aigner: Das war schon heftig. Ich hab drei, vier Wochen gebraucht, bis ich mich richtig akklimatisiert hatte. Und trotzdem ist es bei den Spielen nicht leicht. In der Halbzeit sind immer vier Ärzte da, die einem bei Bedarf Sauerstoff geben, das unterschätzt man leicht. Die andere Umstellung sind natürlich die langen Flüge. Ich habe am Anfang clevererweise gefragt, ob wir viel mit dem Bus fahren, da wurde ich erst mal ausgelacht. Zwei Stunden Flug, das ist hier ein Kurztrip. Der Flo Jungwirth (Aigners Ex-1860-Kollege, inzwischen bei den San José Earthquakes) hat mir erzählt, dass sie in anderthalb Wochen mal 18.000 Kilometer geflogen sind!

Wie hoch ist das fußballerische Niveau in der MLS?

Aigner: Das Gefälle ist sehr groß. Von sehr gutem Zweitliganiveau bis zu mittlerem Drittliganiveau ist alles dabei. Und wenn du gegen New York City spielst mit Leuten wie Andrea Pirlo und David Villa, die sind halt immer noch Extraklasse. Die Stärke liegt bei fast allen Mannschaften in der Offensive. Die Leute wollen Spektakel und Tore sehen, darauf legen die Klubs den Schwerpunkt. Defensiv gibt’s dafür einige Schwächen. Für mich als Offensivspieler ist das nicht das Schlechteste.

Als Fußballer sind Sie in Denver hinter den Baseball-Stars der Rockies, den Footballern der Broncos, den Basketballern der Nuggets und den Eishockey-Cracks der Avalanche nur in der Sportart Nummer fünf unterwegs. Haben Sie bei den großen US-Sportevents schon mal reingeschaut?

Aigner: Ich bin nicht der große Fan, aber neulich waren wir mit einem Teamkollegen beim Baseball. Hat Spaß gemacht, auch wenn ich die meiste Zeit mit dem Kleinen auf dem Spielplatz neben dem Stadion war (lacht).

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Wie ist die Stimmung bei den Spielen der Rapids?

Aigner: Das ist schon sehr ordentlich. Gegen Montreal und Dallas hatten wir jetzt zweimal um die 16.000 Zuschauer. Und unser Stadion fasst nur 18.000. Mit Deutschland ist es natürlich schwer zu vergleichen, allein schon weil es wegen der Entfernungen kaum Auswärtsfans gibt.

Dann lassen Sie uns zu 1860 kommen. Wie intensiv verfolgen Sie Ihren ehemaligen Verein?

Aigner: Mein Vater ist bei jedem Spiel im Stadion, wenn wir telefonieren, dann geht’s immer auch über Sechzig. Ich halte mich dazu übers Internet auf dem Laufenden. Mich freut’s für den Biero, dass es so gut läuft, er wird seinen Weg als Trainer machen, da bin ich mir ganz sicher. Und natürlich freue ich mich auch für die Fans, dass sie endlich mal wieder was Positives erleben. Ich hoffe, dass diese Saison mit dem bestmöglichen Ergebnis für Sechzig enden wird.

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Wie tief sitzt der Stachel des Abstiegs noch?

Aigner: Er ist tief gesessen und ich habe lange gebraucht, bis er etwas herausgegangen ist. Leider kann ich’s nicht mehr ändern, was passiert ist. Ich kann nur hoffen und mitfiebern, dass es mit dem Biero jetzt wieder bergauf geht.

Ihr Vertrag in den USA läuft bis 2020, dann sind Sie knapp 33. Schon Pläne für das Danach?

Aigner: Nein, so weit denke ich jetzt noch nicht. Klar ist, dass es als Spieler in Deutschland nicht einfach sein wird, noch mal Fuß zu fassen. Wenn du nach Amerika gehst, dann bist du erstmal raus aus dem Fokus. Mit 25 Jahren wäre ich sicher nicht rübergewechselt, aber mit knapp 30 war das was anderes. Ich wollte einfach noch mal was ganz Neues erleben. Und bisher hab ich’s nicht bereut.

Aigner im Exklusiv-Interview: „Dritte Liga, da hätte ich überlegt“

Interview: Ludwig Krammer

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