Der Tag, an dem bei 1860 die Lichter ausgingen …

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Die Stadt kaufte den Löwen 1982 das Vereinsheim an der Auenstraße und einen Teil der Turnhalle für 4,1 Millionen Mark ab – es half nichts

München - Der TSV 1860 und die Lizenz zum Fußballspielen – da schrillen bei Löwen-Fans sofort die Alarmglocken. Denn der Klub ist nicht nur in dieser Hinsicht ein „gebranntes Kind“.

1982 war’s, als der DFB dem TSV 1860, der die Zweitliga-Saison als Vierter abgeschlossen hatte, die Lizenz verweigerte und ihn in die Bayernliga strafversetzte. Der Tag, an dem die Lichter ausgingen. Und abwegig erschien eine Wiederholung des Horrorszenarios in der momentanen Lage keinesfalls. Löwen-Geschäftsführer Dr. Robert Niemann sagt: „Das Schlimmste wäre ein Lizenzentzug gewesen, auch das ist bei der DFL thematisiert worden.“

1982 gab’s zwar die DFL noch nicht, wohl aber den DFB, der für die Lizenzvergabe zuständig war. Schon im Frühjahr 1981 hatte der Verband dem damals von Präsident Erich Riedl geführten Klub die Spiel­erlaubnis nur unter einer Bedingung gewährt: Die Hypobank dürfe ihr Darlehen an die Löwen in Höhe von 3,5 Millionen Mark nicht in der Saison 81/82 zurückfordern.

Von Wetzel bis Mayrhofer - die Löwen-Präsidenten seit 1952

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Adalbert Wetzel (1952-1969): Pokalsieger '64, Europacup-Finale '65, Deutscher Meister '66 - Adalbert Wetzel (links) steht für die goldene Ära der Löwen, allerdings auch für erste finanzielle Turbulenzen. Als die Mannschaft 1966 Trainer Merkel in einer Meuterei absetzte, spielte Wetzel mit Selbstmordgedanken. Er lebte dann aber doch noch bis 1990. © tz
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Franz Sackmann (1969-1974): Er kann den erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga 1970 nicht verhindern. Der mehrfach angepeilte Wiederaufstieg scheitert. Unter dem CSU-Staatssekretär wurde die Gesundschrumpfung in der 2. Liga propagiert. Das mit dem Abstieg klappte, das mit der Gesundung allerdings überhaupt nicht. © tz
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Erich Riedl (1974-1982): Zwei Aufstiege, zwei Abstiege - und der Lizenzentzug 1982. Acht Millionen D-Mark Schulden weist die Bilanz aus. Eine Frist, das Desaster noch zu umgehen, lassen die L.öwen verstreichen. © tz
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Richard Müller (1982-1984): War vor seiner Amtszeit Masseur bei den Profis des FC Bayern. Ein guter Freund der Fans - mehr nicht. Er versucht, noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Trotz eines finanziellen Kraftakts, der die Schulden deutlich verringert, bleibt es beim Zwangsabstieg in die Bayernliga. © tz
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Karl Heckl (1984-1988): Der schwerreiche Bauunternehmer steckt geschätzte fünf Millionen D-Mark in den Verein, doch der Aufstieg gelingt nicht. Nach vier Jahren gab er entnervt auf: „Ich bin der einzige Mensch, der bei 1860 Millionär geworden ist. Vorher war ich Milliardär…“ Fünf Monate später erliegt er einem Herzinfarkt. © tz
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Liselotte Knecht (1988-1992): Nach neun langen Jahren Bayernliga gelingt 1991 die Rückkehr in Liga zwei - der nur ein Jahr später der erneute Abstieg folgt. Auch "die Lilo" scheitert schließlich. © tz
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Karl-Heinz Wildmoser (1992-2004): Rückkehr in die Bundesliga. Uefa-Cup-Teilnahme, Champions-League-Qualifikation, sechs Nationalspiele - und der Stadion-Skandal, in dessen Zuge er eine Nacht im Gefängnis verbringt. © dpa
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Karl Auer (2004-2006): Der Fleischfabrikant kann den Abstieg 2004 nicht mehr verhindern, ebenso das immer offensichtlicher werdende finanzielle Desaster. Er tritt aus gesundheitlichen Gründen zurück. © dpa
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Alfred Lehner (2006-2007): Die Löwen stehen vor der Insolvenz, die nur durch den Verkauf der Arena-Anteile an den FC Bayern verhindert werden kann. Nicht verhindern kann Lehner peinliche Wahlpossen und brutale Wahlkämpfe. Musste eine Versammlung nach einer Minute platzen lassen, weil falsch eingeladen wurde. © Jantz
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Albrecht von Linde (2007-2008): Der Kompromisskandidat zwischen den Bewerbern Steiner und Wettberg tritt nach dem Ziffzer-Paukenschlag ("Dieser Präsident ist eine Schande") zurück. © dpa
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Rainer Beeck (27. Mai 2008 bis 7. Februar 2011): Der Flughafen-Manager und Porsche-Fahrer war gut zweieinhalb Jahre im Amt. © Sampics
Dieter Schneider (seit 7. Februar 2011): Nach dem Rückzug von Rainer Beeck ist Dieter Schneider in das Präsidentenamt aufgerückt. Am 7. März 2013 kündigte er seinen Rückzug an. © sampics
Hep Monatzeder: Am 14. März 2013 erklärte er, für die Nachfolge von Dieter Schneider zu kandidieren. Zum 1. April 2013 übernahm er das Amt, fiel aber bei der Delegiertenversammlung durch. Er blieb bis zum 14. Juli kommisarisch im Amt. © sampics / Stefan Matzke
Seit dem 14. Juli 2013 ist Gerhard Mayrhofer der neue Oberlöwe. Er wurde mit überwältigender Mehrheit ins Präsidentenamt beim TSV 1860 München gewählt. © sampics / Stefan Matzke

Der Klub fand treue Freunde wie den im März dieses Jahres verstorbenen Peter Englert sowie Sepp Hilz und Franz Bickel, die für den TSV 1860 bürgten. Die sportlich in die Zweitklassigkeit abgestiegenen Löwen durften im Fußball-Unterhaus spielen – aber mit einer (zu) teuren Mannschaft. Horst Woh­lers, Wolfgang Sidka, Rudi Völler (37 Saisontore, Zweitliga-Rekord) und der neu verpflichtete Erich Beer waren keine Billiglöhner, hinzu kamen Intrigen in der Vereinsführung.

Riedl und der technische Direktor Hans Ettlinger auf der einen sowie Trainer Wenzel Halama (er warf im April 1982 hin) und der neue Manager Jupp Kapellmann auf der anderen Seite lagen im Dauerclinch. Spielergehälter wurden teilweise mit dreimonatiger Verspätung gezahlt, nach dem 2:0-Sieg im Februar 1982 gegen Schalke (1860 war Tabellenführer) beanspruchte das Finanzamt das Eintrittsgeld der 30 000 Zuschauer – im Frühjahr 1982 hatten die Löwen acht Millionen Mark Schulden. Der Liga-Ausschuss des DFB verweigerte die Lizenz für die Saison 1982/1983. Riedl legte Beschwerde beim DFB ein, der dem Klub eine Frist bis Ende Mai gab, neue Unterlagen einzureichen. Das geschah nicht. Am 4. Juni beschloss der DFB-Vorstand den Lizenzentzug. Hektisch versuchte die Klubführung, die Bilanzen ins Lot zu bringen. Für 4,1 Millionen Mark wurde ein Teil der Turnhalle an der Auenstraße an die Stadt München verkauft, 1,2 Millionen zahlte Leverkusen für Herbert Waas (18). Auch Riedl ging, doch die Probleme blieben.

Der neue Präsident Richard Müller und Schatzmeister Englert bissen beim DFB auf Granit, also zogen die Löwen vor das Landgericht Frankfurt, wollten die Wiedereingliederung in die Zweite Liga erklagen. Es sah eine Zeitlang gut aus, bis der DFB seinen Chefjustiziar Götz Eilers von der WM einfliegen und dem Gericht erklären ließ, dass man die in Kürze beginnende Zweite Liga nicht auf 21 Klubs aufstocken könne. Also schmetterte das Landgericht die Klage der finanziell wieder besser dastehenden Löwen ab.

Auch ein Gnadengesuch an den damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger wurde zurückgewiesen – „in einem schroffen Schreiben“ (Englert). 14 Spieler gingen, 20 kamen – nur die Fans blieben treu: Zum ersten Bayernliga-Heimspiel am 14. August 1982 gegen Landshut (3:2) kamen 14 000 Zuschauer…

tz

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