Aufstieg auf der Autobahn

1860: Warum Fröhling um ein Haar in Hamburg geblieben wäre

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Angekommen, trotz einiger Hindernisse: Torsten Fröhling, der neue Chefcoach des TSV 1860.

München - Torsten Fröhling, der neue Chefcoach des TSV 1860, kann seit dem 3:0 in Fürth überall nachlesen, dass er doppelt so gut punktet wie seine Vorgänger – die Lobeshymnen gibt’s wie üblich gratis dazu. Dabei wäre er um ein Haar in Hamburg geblieben.

Wären die Frau und seine Kinder jetzt hier und nicht in Hamburg, sie würden bestimmt staunen, wie rasant das zuletzt ging mit ihrem „Todde“ und dem sehr speziellen Menschenschlag in und um München herum.

Torsten Fröhling, der neue Chefcoach des TSV 1860, kann seit dem 3:0 in Fürth überall nachlesen, dass er doppelt so gut punktet wie seine Vorgänger – die Lobeshymnen gibt’s wie üblich gratis dazu. „Er gibt uns ein gutes Gefühl“, sagt Vizekapitän Daniel Adlung. „Er ist ein durch und durch positiver Mensch: pragmatisch, offen – ohne Schnörkel“, schwärmt Präsident Gerhard Mayrhofer. Kurzum: Der Neue kommt an. Dabei hätte nicht viel gefehlt und der gebürtige Mecklenburger wäre wie so viele „Zuagroaste“ an den für München typischen Hürden gescheitert. Den hohen Preise, den reservierten Menschen. Aber der Reihe nach.

Fröhling, 48, geboren in Bützow bei Rostock, zehn Jahre Profi bei mittelmäßigen Nordklubs, danach Nachwuchstrainer in halb Norddeutschland (HSV, St. Pauli, Altona, Oldenburg, Kiel), spricht von „Schicksal“, dass er im Sommer 2013 einen biografischen Ausreißer in den Süden der Republik gewagt hat – und am Ende auch geblieben ist. Beim HSV, wo Fröhling damals die U 17 betreute, war gerade Frank Arnesen vom FC Chelsea gekommen. Ein großer Name als Sportchef – mit großen Plänen im Gepäck. Umstrukturierung bis runter in den Jugendbereich. „Man hat mir mitgeteilt, dass mein Vertrag nicht verlängert wird“, erinnert sich Fröhling. Da kam der Anruf von Wolfgang Schellenberg gerade recht.

Der Nachwuchsleiter der Löwen, den Fröhling seit der gemeinsamen Zeit an der Trainerakademie kennt, bot den Job als U 19-Coach an. Fröhling war zunächst begeistert, dann aber skeptisch, vor allem wegen der Verdienstmöglichkeiten. „Boah, dachte ich, da bringst du ja noch Geld mit“, erzählt er und rechnet laut vor: „700 Euro die Zweizimmerwohnung, 200 Euro die Heimfahrt einmal im Monat. Und wenn die Familie in den Ferien kommt, willst du ja was unternehmen.“ Trotzdem hat er sich ins Auto gesetzt. „Selbst im Jugendbereich gibt es nicht endlos Jobangebote, und ich wollte nicht arbeitslos sein.“

Während er das Auto Richtung München steuerte, ergab sich bereits die nächste Wendung: Markus von Ahlen, damals U 21-Coach, wurde zu den Profis hochgezogen. Fröhling stieg auf, noch ehe er angefangen hatte. Er muss noch heute darüber schmunzeln: „Ich bin als U 19-Trainer runtergefahren – und als U 21-Trainer zurück.“ Mit dem Gehalt als Regionalligatrainer ging seine Rechnung etwas besser auf. Aber da war ja noch die Sache mit der Mentalitätsbarriere.

Fröhling: "München gefällt mir gut"

Sportlich lief es von Anfang an gut, privat so lala. „Man sagt den Hamburgern ja nach, dass sie trocken und spröde sind, aber das ist nichts gegen hier“, sagt er. Zu seinem Glück lernte er Hans Jauernig kennen, die gute Seele im Nachwuchsbereich. Der ältere Herr zeigte Fröhling die Biergärten, die Berge – die schönen Seiten des Lebens im Süden. „München gefällt mir gut“, sagt der Herzenshanseat heute. „Hamburg ist aber ein bisschen pulsierender.“

Und vor allem ist Hamburg: seine Heimat: „Das ist so, das bleibt auch so.“ Ein Umzug mit Sack und Pack ist auch jetzt nicht angedacht, da er als Profitrainer Fuß zu fassen scheint. Die Genossenschaftswohnung am Osterbekkanal will er ungern aufgeben („Die kostet fast nix“), Frau und Kinder nicht aus ihrem sozialen Umfeld reißen. „Wenn man wüsste, dass man langfristig wie Schaaf oder Streich arbeiten kann, würde ich die Familie runterholen.“ Aber wer weiß: Im Sommer könnte ein neuer Sportchef kommen, wie damals in Hamburg, und dann heißt es: „Tschüss Herr Fröhling! Wir setzen jetzt auf unsere Leute.“

Für die Leute, die ihn nach München gelockt haben, ist es durchaus von Vorteil, dass Fröhling ohne Familie hier lebt. Zu Schellenberg, seinem Förderer, habe er damals gesagt: „Du Wolfi, sieh es so: Wenn ich hier bin, bin ich 24 Stunden für den Verein da. Keiner wartet auf mich. Ich kann am Wochenende ohne Druck Jugendspiele besuchen.“ Klar vermisst er seine Familie, aber Fröhling ist ein pragmatischer Mensch. Es ist eine Situation, mit der er gut leben kann. „Seefahrer sind noch mehr unterwegs“, nennt er ein Beispiel, das nur einem Hamburger einfallen kann.

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Fröhling kann die Tücken der Branche gut einschätzen. Jetzt wird er hochgejubelt und mit jedem Punkt mehr zum Hoffnungsträger. Doch wehe, sagt er, wenn die nächsten Heimspiele nicht so laufen. „Mir ist bewusst, dass der Profifußball ein Haifischbecken ist. Wenn wir gegen Aalen und Aue nicht gewinnen, ist alles wieder schlecht.“

Für ihn wäre es bitter, denn das Heimatwochenende, sein erstes seit sechs Wochen, ist bereits geplant. Nach dem Spiel gegen Aalen heißt es für Fröhling: Ab ins Auto, Bruce Springsteen „Live in Dublin“ in den CD-Player – und ab nach Hamburg. Fröhling hofft, „dass wir gewinnen“, doch egal, wie die Partie ausgeht: Daheim angekommen, wird er nicht mehr der Trainer Fröhling sein, sondern „Todde“, der Ehemann und Papa: „Da will ich dann keinen Anruf kriegen. Da bin ich dann nur für die Familie da.“

Von Uli Kellner

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