TSV 1860: Erstmals nach 511 Tagen auswärts mit Fans

Wöll, Hell und Fehling: Ausgebremst nach 50 Allesfahrer-Jahren

Die drei Allesfahrer des TSV 1860: Franz Hell, Fritz Fehling und Roman Wöll.
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Nichts ist mehr, wie es war: Die drei Allesfahrer und Urlöwen Franz Hell, Fritz Fehling und Roman Wöll.

Am 7. März 2020 waren die Allesfahrer letztmals mit 1860 unterwegs, in Jena. 511 Tage später dürfen sie endlich wieder reisen, doch Wöll sagt: „Ois ist anders.“

Über Jahrzehnte war es ein Ritual, so unabänderlich wie der Löwe im Vereinswappen. Roman Wöll hat in der Nacht auf Samstag einen gemieteten Kleinbus abgeholt, im Morgengrauen seine Allesfahrerkollegen eingesammelt – und dann ging sie los, die Fahrt zu den Stadien Deutschlands. Erst in der Bundesliga, später in der 2. und 3. Liga – selbst im Regionalligajahr 2017/18 war es noch üblich, dass der Roman stets mit Fritz (Fehling), Franz (Hell) und Co. auf Reisen ging. Keiner beschreibt das Prinzip Allesfahrer so griffig wie der 66-jährige Wöll: „Man fährt hin, nimmt im Idealfall drei Punkte mit – und dann fährt man wieder zurück.“

Die letzte von ungezählten Fahrten dieser Art führte die treuen 1860-Fans nach Jena, am 7. März 2020. Dann kam Corona – eine nicht enden wollende Phase des Entzugs. Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass einem Allesfahrer das Lebenselixier genommen wird, wenn er nicht mehr reisen und die Löwen live schauen darf. Jetzt, nach 511 Tagen, wäre es erstmals wieder möglich. Der TSV 1860 tritt am Samstag in Wiesbaden an – mit geöffnetem Block für Auswärtsfans. Jedoch: Der Allesfahrer-Bus – er ist Geschichte, ausgebremst worden von der Corona-Pandemie. Franz Hell sagte am Donnerstag: „Weder habe ich eine Karte noch weiß ich, ob ich überhaupt hochfahre. Die eineinhalb Jahre jetzt – die haben einen fast entwöhnt.“ Die neue Normalität ist, dass Hell zu Hause vor MagentaTV sitzt, während seine Löwen spielen. Wöll sorgt sich um seinen alten Weggefährten. „Er hockt auf der Couch, trinkt einen Tee – sogar zu den Heimspielen zieht es ihn nicht mehr hin.“ Wölls Diagnose: „Der Franz hat eine Sinnkrise.“

Der Fritz fährt irgendwo mit. Der Franz zieht gerade alleine sein Ding durch.

Roman Wöll über seine alten Allesfahrer-Weggefährten.

Nun muss man dazu sagen: Bei Hell liegt es nicht nur an Corona, dass sich seine Prioritäten verschoben haben. Auch die Gesundheit macht dem 67-Jährigen zu schaffen – und Anfeindungen andersdenkender Fans. Und trotzdem: Bis Anfang 2020 wäre es undenkbar gewesen, dass zwei Tage vor dem Spiel noch alles unklar ist, was den Samstag angeht. Seinen Wissensstand fasste Wöll Donnerstagmittag so zusammen: „Der Fritz fährt irgendwo mit. Der Franz zieht gerade alleine sein Ding durch.“ Und was ihn selber angeht: Er hat sich bei einem Fanclub eingebucht, bei den „Kasinger Löwen“, die ab Lenting einen Reisebus gechartert haben.

Wöll wirkt zufrieden, dass er beim zweiten Spiel in Folge live dabei sein kann. Richtige Begeisterung hört sich allerdings anders an. „Mei“, sagt er: „Es ist halt nicht mehr, wie’s mal war. Andere Leute, anderer Ablauf – ois ist eigentlich anders. Das letzte Mal mit dem Reisebus bin ich nach Smederevo gefahren.“ Eine UI-Cup-Reise vor 20 Jahren. Wöll sagt: „Es ist irgendwie alles auseinandergerissen worden. Das zermürbt einen ein bisserl. Es waren schließlich mehr als 50 Jahre, dass wir drei zusammen auswärts gefahren sind.“

Immerhin: Die Freundschaft hat nicht gelitten während der Corona-Krise: „Mit dem Roman war ich am Montag beim Stammtisch“, berichtet Hell, „der Fritz hat während Corona jedes Spiel mit mir auf Magenta geschaut. Zwischen uns passt weiterhin kein Blatt Papier.“ Was die drei Ü 60-Löwen eint, ist nicht nur angestauter Verdruss durch die Corona-Hindernisse, sondern auch die fortschreitende Digitalisierung, die keine Rücksicht auf Allesfahrer nimmt. Hell: „Ich bin ja ein Old-School-Man, sag ich immer. Mit dem Computer bin ich nicht ganz so fix, und auch beim Internet hab ich gewisse Vorbehalte.“

Es stresst die drei, dass es Tickets in Pandemie-Zeiten nur noch online gibt, Personaldaten penibel angegeben werden müssen. Hell findet: „Wir Älteren, die seit 50 Jahren bei Sechzig sind, werden schon ein bisschen benachteiligt.“ Wöll sieht’s genauso: „Ich bin für die Wiedereinführung des Kassenhäuserls“, sagt er: „Inzwischen musst du tagelang rumtun, um überhaupt an eine Karte ranzukommen. Und du kannst auch nicht mehr vorausplanen. Früher warst du einfach immer dabei, jetzt kriegst du maximal für jedes dritte, vierte Heimspiel eine Karte.“

Aber: Vielleicht muss sich auch alles erst wieder einspielen. Wöll schaut sich nach einem neuen Kleinbus-Verleiher um, für den nächtliche Rückgaben kein Problem sind. Fehling, 69, setzt auf ein Ende der Corona-Beschränkungen. „Irgendwann muss die ganze Sch… doch mal vorbei sein“, sagt er in der Hoffnung, dass das ein Neustart für den Allesfahrer-Bus wäre: „Also, wenn ich daran nicht glauben würde, dann wäre ich fehl am Platze.“ Und auch bei Hell gibt es Hoffnung: „Für Lautern hab ich mir bereits ein Ticket besorgt.“ Es ist das übernächste Auswärtsspiel. 400 km einfach – ideale Allesfahrer-Distanz. Gesprächsstoff gäbe es reichlich nach 17 Monaten im Allesfahrer-Abseits. uk

Der TSV 1860 München ist gut aus den Startlöchern gekommen. Der Auftaktsieg soll in Wiesbaden nun vergoldet werden - allerdings plagen Michael Köllner Abwehrsorgen. Der Liveticker.

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