„Große“ Löwen gegen „kleine“ Bayern

Ist das ein richtiges Derby? Für Bierofka keine Frage…

Bierofka hat noch die echten Duelle zwischen den Stadtrivalen erlebt – da kann 1860 gegen Bayern II nicht mithalten.

München – Es fängt schon damit an, dass Daniel Bierofka nicht recht weiß, welchen Namen er dem Kind geben soll. „Es ist ein bisschen komisch“, sagt der Trainer des TSV 1860: „Letztes Jahr haben wir noch mit der U 21 gegen Bayern II gespielt, jetzt ist es die erste Mannschaft.“ Bierofka wägt ab: „Es ist schon mehr Derby als das Spiel in Augsburg, weil es ja um die Münchner Stadtmeisterschaft geht.“ Aber, kürzt er die Debatte mit sich selber ab: „Ob das am Sonntag ein richtiges Derby ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Es ist in jedem Fall ein Spiel, das man unbedingt gewinnen will.“

„Ein Spiel, das man unbedingt gewinnen will“

1860-Urgestein Bierofka, 38, zählt zu jenen Münchnern, die sich noch gut an das Original-Derby erinnern können, das die Stadt bis 2004, bis zum Löwen-Abstieg aus der Bundesliga, zweimal pro Jahr in Ekstase versetzt hat (und noch einmal 2008, als man das bis dato letzte Mal im DFB-Pokal aufeinander traf). „Vier Derbys habe ich als Spieler erlebt“, berichtet Bierofka: „Gewonnen habe ich leider keines. Einmal, da war ich 22, hab ich das 1:0 geschossen, am Ende haben wir trotzdem verloren. 1:5 ist es damals ausgegangen.“

Wie es sich anfühlt, als Löwe gegen die echten Bayern zu gewinnen, also die Profis, das weiß Bierofka aber zumindest aus zweiter Hand, von Willi Bierofka, 64: „Mein Vater hat ja auch für 1860 gespielt und 1977/78 gleich das erste Derby nach dem Aufstieg gewonnen. 3:1. Es gibt noch alte Filmaufnahmen, die mir mein Dad mal gezeigt hat.“ Darauf unter anderem zu sehen: Jene legendäre Watschn, die Karl-Heinz Rummenigge dem Löwen Beppo Hofeditz verpasst hat, nachdem der ihn ein „rotes Schwein“ genannt hatte.

Szenen wie diese zählten damals zur üblichen Derby-Folklore. Auch später in den 90er-Jahren, als sich Werner Lorant und Mario Basler Wortgefechte am Seitenrand lieferten, Alukoffer durch die Gegend flogen – und meist auch Spieler vom Platz. Jede Menge Prominenz war damals am Start: „Scholl, Kahn, Effenberg, Salihamidzic, Elber . . ..“ Die Namen sprudeln nur so aus Bierofka heraus. Aber: Lang, lang ist’s her.

Bierofka: „Hätte nie gedacht, dass es so schnell geht“

So lang, dass es den Spielern aus den aktuellen Kadern wie Geschichten vom Urgroßvater vorkommen muss. Die meisten aus der aktuellen 1860-Generation hatten noch Milchzähne im Mund, als die Löwen ihr vorerst letztes Derby in der Bundesliga verloren (am 25. April 2004; Siegtorschütze: Roque Santa Cruz). Und heute: Löst das mehr aus als sonst bei seinen Spielern, wenn es jetzt zweimal im Jahr zum Kräftemessen mit der Zweitvertretung des in anderen Sphären schwebenden Rekordmeisters kommt?

Bierofka hält kurz inne. Er grübelt. Die letzten vier Spiele gegen Bayern II ziehen vor seinem inneren Auge vorbei: 1860 hat zwei davon 2:0 gewonnen, zweimal 0:0 gespielt. Er sagt dann: „Gedacht hätte ich es nie, dass sich beide Vereine mal so voneinander entfernen würden. Vor allem hätte ich nicht gedacht, dass es so schnell geht, nachdem wir ja bis vor zwei, drei Jahren regelmäßig im vorderen Drittel der 2. Liga vertreten waren.“ Bieroka findet: „Schon brutal, dass es so weit gekommen ist.“

Was die Frage aufwirft: Ist das echte Derby momentan so weit entfernt wie noch nie in der 157-jährigen bzw. 117-jährigen Geschichte der beiden Klubs? Bierofka sagt mit Verweis auf sein Alter: „Die Hoffnung ist schon da, dass wir das noch mal erleben werden. Momentan ist das allerdings viel zu weit weg, um ernsthaft darüber nachzudenken.“ Als er die Löwen im Sommer am Boden liegend übernahm, sei der Verein faktisch kaputt gewesen. „Jetzt“, so Bierofka, „haben wir wieder ein zartes Pflänzchen, das wachsen kann, wenn wir es solide und behutsam aufpäppeln.“ Dass das ein steiniger Weg wird, ist dem Urmünchner bewusst: „Erst mal müssen wir Meister werden, dann die Relegation schaffen, uns dann in der 3. Liga etablieren . . .“ Und selbst dann wäre das große Derby noch Lichtjahre entfernt, denn: „Die Chance, dass die Bayern mal absteigen und wir uns in einer unteren Liga begegnen, ist doch eher gering“, sagt der Coach und schmunzelt.

Wird es am Sonntag kribbeln?

Und trotzdem wird es am Sonntag etwas mehr kribbeln als sonst. Blau gegen Rot im Grünwalder Stadion. Das Derby TSV 1860 gegen FC Bayern II läuft auch live im Free-TV. Dafür sorgen schon die Ultras, die jedes der letzten Aufeinandertreffen zu einem Wettstreit machten: Wer liefert den lautesten Support, wer die kreativsten Choreos? Zumindest für die Fans ist das kleine, das Pseudo-Derby ein willkommener Ersatz in Zeiten, da es sonst wenig Berührungspunkte zwischen den früheren Erzrivalen gibt. Den FC Bayern treibt die Frage um, wie er die Champions League gewinnen kann, ohne sein berühmtes Festgeldkonto zu plündern. Die Löwen sind schon froh, wenn sie im Frühjahr die Relegation erreichen, den größten Nervenkitzel, den der Amateurfußball bereithält. Klassischer Fall von auseinander gelebt.

Oder wie Bierofka sagt: „Am Ende gibt es am Sonntag genauso drei Punkte wie in den Spielen gegen Eichstätt oder Pipinsried.“

TSV 1860 gegen FC Bayern: Was sagen die Fans vor dem München-Derby

Rubriklistenbild: © Imago

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