Problem-Fans im Visier

Hooligan-Jagd im Grünwalder Stadion – Unterwegs mit dem Fußball-Staatsanwalt beim Zwickau-Spiel

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Münchens Stadien sind sein zuhause: Franz Gierschik (58) ist seit 2006 Fußball-Staatsanwalt

Franz Gierschik kennt Münchens Stadien wie kaum ein anderer: Seit 2006 ist er Fußball-Staatsanwalt – und kennt die Szene ganz genau. Hooligan-Gewalt, Pyrotechnik, Vandalismus: Das sind die Verbrechen, die der 58-Jährige anklagt, wenn es sein muss.

Ich liebe Fußball“, sagt Franz Gierschik. „Aber wenn sich einer draußen aufführt, ist mir egal, von welchem Verein er ist.“ Mittwochabend, 18 Uhr: Der Fußball-Staatsanwalt nimmt die U-Bahn zum Wettersteinplatz. Noch eine Stunde bis zum Heimspiel der Löwen gegen Zwickau. Das Grünwalder Stadion brodelt. „Wichtig ist, dass die Leute gefahrlos mit ihren Familien ins Stadion gehen können“, sagt der Oberstaatsanwalt. Für das Spiel hat die Polizei die mittlere Risiko-Stufe ausgerufen. Gierschik trägt weißes Hemd, Stoffhose und sportliche Schuhe. Sein Ausweis öffnet alle Türen: Vor Anpfiff schaut er in der Einsatzzentrale der Polizei vorbei, schräg hinter dem Gästeblock. In dem großen Glaskasten überwachen Beamte die Stadion-Umgebung. Kurze Lagebesprechung mit Polizeidirektor Alfred Hauck (48). Beide sind sicher: „Heute passiert nichts.

Probleme gibt es oft außerhalb des Stadions

Im Vorfeld des Spiels hatte eine Zaunfahne der Zwickau-Fans für Unruhe gesorgt: „Unsere politische Abteilung prüft derzeit den Verdacht, dass darauf verfassungsfeindliche Symbole abgebildet sind“, sagt Gierschik. Zum Spiel sind die Ultras nicht angereist, weil nicht sicher war, ob sie mit der Fahne ins Stadion dürfen. „Wenn es Probleme gibt, dann oft außerhalb“, so Gierschik: Etwa, wenn sich Hooligans zu Prügeleien treffen. Wie zuletzt im Mai in der Schillerstraße, als 50 vermummte Wolfsburg-Fans sich mit Anhängern des FC Bayern schlägerten.

Löwen-Fans mit Pyrothechnik bei einem Spiel des TSV 1860 München gegen Hansa Rostock.

163 Polizisten waren vorgestern im Einsatz. Sie schreiten nur ein, wenn es sein muss. Wie im Mai 2017 beim Relegations-Spiel, als Sitzschalen und Stangen auf das Spielfeld in der Allianz Arena flogen. Der Spielabbruch drohte. „Das war einer meiner härtesten Einsätze“, so Gierschik.

Beim TSV 1860 sind Ausschreitungen die Ausnahme

Er kann Maßnahmen wie Blutentnahmen oder Verhaftungen anordnen – die Polizei entscheidet aber auch selbst, ob zum Beispiel Banner eingezogen werden. So wie in der 40. Spielminute: Im Löwen-Fanblock hängt eine Fahne, die der umstrittenen aus Zwickau ähnelt. Den Vorfall bespricht Gierschik in der Halbzeit mit szenekundigen Beamten in der Gefangenen-Sammelstelle: Ein Container, der Vernehmungsplätze und auch Haftzellen enthält. Am Mittwoch bleiben sie leer.

Ausschreitungen beim TSV 1860 sind sehr selten. Vergangenes Jahr hatte die Polizei die Löwen-Fans sogar gelobt. „Fußball mitten in der Stadt, da muss man alles unter Kontrolle haben“, sagt Gierschik. „Problematisch sind immer nur einzelne Fans.“ Die gebe es aber in jedem Verein.

Fußball-Staatsanwalt mischt sich inkognito unter die Fans

Einmal Löööwe, immer Löööwe“, schallt es durchs Grünwalder. Gierschik ist selbst Löwen-Fan, bei Chancen zuckt er kurz. Aber beruflich muss diese Liebe zurückstehen – und beobachtet das Spiel neben dem Polizei-Unterstützungskommando von der Tribüne aus.

Mit Polizei-Direktor Alfred Hauck bespricht Franz Gierschik die Sicherheitslage in der Leitstelle.

Per Handy steht der Fußball-Staatsanwalt mit Polizei und Sicherheitsdienst in Kontakt – und geht auch selbst in die Fanblöcke, undercover. „Ich will die Stimmung spüren, der persönliche Eindruck ist mir wichtig“, sagt Gierschik.

Dass er selbst eingreifen musste, war die Ausnahme in seiner Karriere: „Aber ich habe auch schon Fans verhaftet oder bin bei Schlägereien dazwischen gegangen“, sagt er. Gegen Zwickau bleibt alles ruhig: „Wir sind zufrieden“, sagt Gierschik. Mit den vier Kollegen seiner Abteilung wird er die neue Saison begleiten – und auch2020 bei der EM im Einsatz sein, wenn vier Spiele in München ausgetragen werden. Gierschik lacht. „Fußball ist mein Leben, das kann man schon sagen.

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Eine brutale Attacke ereignete sich vor dem Bayern-Spiel gegen Borussia Dortmund: Masskrug-Hooligan meldet sich nach Fahndung bei Polizei.

Der Chemnitzer FC hat sich von Kapitän Daniel Frahn getrennt. Dafür verantwortlich sei dessen Nähe zu rechtsradikalen Fanlagern, heißt es vom CFC.

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