TSV 1860: Mentalcoach im Interview

Ex-1860-Psychologe Böswald: „Das Team ist mental nicht auf der Höhe“

Die 1860-Profis lassen nach dem 1:1 beim Halleschen FC die Köpfe hängen.
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Hängende Köpfe: Momentan ein nicht gerade seltenes Bild beim TSV 1860.

Frust nach dem Nichtaufstieg, zu wenig externe Zugänge - das sind die Gründe für das aktuelle 1860-Tief. So sieht es zumindest Ex-Teampsychologe Alfred Böswald.

München - Er weiß, wie es in den Köpfen von Fußballprofis aussieht, speziell bei Spielern des TSV 1860. Alfred Böswald, 59, war als Mentalcoach Bestandteil des Trainerteams in der Löwen-Saison 2007/08. Ein turbulentes Zweitligajahr war das mit Jungtrainer Marco Kurz, Manager Stefan Reuter und dem labilen Offensivgenie Berkant Göktan. Über viele Jahre hatte Böswald eine Praxis für Persönlichkeitsbildung in Weilheim, inzwischen ist der sechsfache Vater als Buchautor tätig, der aber immer eines geblieben ist: 1860-Fan. Als solcher und als langjähriger Psychotherapeut beschäftigt auch ihn die sportliche Stagnation beim Tabellenzwölften der 3. Liga. Wir sprachen mit ihm.

Herr Böswald, die Löwen entwickeln sich zu Remis-Königen und treten sportlich auf der Stelle. Woran liegt’s aus Ihrer Sicht? Der Kader hat sich personell ja kaum verändert.

Böswald: Für mich ist die Erklärung ausschließlich in der zurückliegenden Saison zu sehen. Es ist eine Mannschaft, die teilweise stark über ihre Verhältnisse gespielt hat – auch, was Einzelpersonen angeht. Das beste Beispiel ist Sascha Mölders, der für die 3. Liga herausragende Quoten erreicht hat. Es ist keineswegs ein Automatismus, dass sich so etwas wiederholt. Dazu kommt der Misserfolg auf der Zielgeraden. Aus den letzten drei Spielen in Wiesbaden gegen Bayern und in Ingolstadt wurden nur zwei statt neun Punkte geholt – das ist natürlich ein Mega-Misserfolg, der sich in den Köpfen festsetzt.

So nachhaltig?

Böswald: Das Team rutscht da mental in ein tiefes Tal, auch der einzelne Spieler. Das wegzuleugnen, wäre naiv. Daran kann der beste Trainer nichts ändern und auch nicht der beste Sportdirektor oder Präsident. Menschen bleiben Menschen. Die Jungs waren so nah dran, viele hatten den Aufstieg fest eingeplant – und dann scheiterst du auf den letzten Metern. Danach wieder die Kampfmontur anzuziehen, sich wieder mit denselben Gegnern messen zu müssen, 38 Spieltage lang – das ist nicht so einfach, wie man glaubt. Mein Eindruck ist: Die Mannschaft versucht routinemäßig, etwas aus sich rauszuholen, das momentan einfach nicht da ist.

Mein Eindruck ist: Die Mannschaft versucht routinemäßig, etwas aus sich rauszuholen, das momentan einfach nicht da ist.

Ex-1860-Psychologe Alfred Böswald.

Wie hätte der Verein gegensteuern können?

Böswald: Ganz einfache Antwort, auch wenn sie schmerzhaft ist: Nicht jeder Spieler ist ein Mentalitätsmonster – und in unserer Mannschaft schon gar nicht. Das sind alles feine Kerle und prima Teamspieler – aber es sind nur ganz wenige Leitwölfe dabei. Deswegen hätte man dem einen oder anderen Spieler die Freigabe geben können – und dafür das eine oder andere auch mal ruppigere Mentalitätsmonster dazuholen können. Damit Mölders als Anführer nicht so alleine dasteht.

Sie meinen also, der Schlüssel wäre auf dem Transfermarkt gelegen?

Böswald: Ich sage: Man hätte das Team verstärken müssen, zwingend! So nachvollziehbar sie sind, die Erklärungen von Köllner und Gorenzel: Wirtschaftliche Voraussetzungen, bindende Zweijahrespläne… Alles ehrenwert und irgendwo nachvollziehbar, aber es gibt ja auch noch einen Investor, und der muss doch ein Megainteresse daran haben, dass nach drei Jahren Drittklassigkeit der Zug wieder Richtung 2. Liga und damit Richtung Kapital fährt.

Bescheiden hatte Michael Köllner nur das Trio Bär/Goden/Deichmann als Verstärkungen gefordert. Hat er zu stark auf seine Fähigkeiten als Trainer gesetzt?

Böswald: Ich würde nicht sagen, dass sich Michael Köllner generell überschätzt. Ich halte ihn für einen sehr klugen, besonnenen und absolut professionellen Trainer. Das hat man ja die letzten beiden Jahre gemerkt: Er weiß schon, was er kann – aber gegen die Psychologie des Misserfolgs ist er momentan machtlos.

Hinzu kam jetzt auch noch der Corona-Wirbel, der den Trainer und eine halbe Mannschaft rausnimmt. Wie bewerten Sie den Umgang des Vereins mit dieser Problematik?

Böswald: Wenn man es rein auf die Person Günther Gorenzel bezieht, kann ich nur sagen: Größte Hochachtung. Er macht fast zu viel. Gorenzel liefert momentan eine One-Man-Show. Von den Betroffenen hingegen gibt es bisher keine Statements. Ich halte das für einen Fehler, denn durchs Telefon ist man ja nicht ansteckend. Es wäre ratsam gewesen, wenn Köllner seinen persönlichen Standpunkt dargestellt hätte. Ansonsten verkauft sich 1860 wie andere Vereine, die von Corona betroffen sind. Das ist eine Schocksituation – die Sechzig gerade zum schlechtesten Zeitpunkt trifft.

Hat das Thema auch internes Spaltpotenzial?

Böswald: Schwierige Frage. Aus psychologischer Sicht stufe ich Köllner als Alphalöwe ein, Gorenzel ist der klassische Betalöwe. Das bedeutet: Der Betalöwe versucht, ein treuer Vasall zu sein, der Ordnung in die Sache bringt. Fällt dann das Alphatier aus, muss er in die Bresche springen, obwohl er nicht der typische Lenker und Leiter ist. Ich vermute: Im Kopf von Gorenzel reift da ein gewisser Ärger, vielleicht sogar Wut. Man darf nicht vergessen: Gorenzel hat Köllner geholt. Er wusste: Nach der Legende Bierofka holt er einen echten Leuchtturm – und genauso ist Köllner anfangs aufgetreten. Er hat eine unglaubliche Motivation und Stimmung reingebracht. Umso schlimmer ist es jetzt für Gorenzel, dass Köllner einen Tiefschlag produziert, der auch ihn als Sportchef trifft.

Würden Sie trotzdem soweit gehen wie im Frühjahr 2020? Damals bezeichneten Sie das Duo Köllner/Gorenzel als „Glücksfall für 1860“.

Böswald: Ich bleibe dabei – wenn sich beide besinnen. Köllner muss aufhören, die Dinge schönzureden, auch sein eigenes Wirken schönzureden. Die Mannschaft ist mental nicht auf der Höhe, und er als Trainer steht da massiv in der Pflicht. Wenn Sie das Spiel in Halle nehmen: Teilweise war es erschreckend, wie langsam die Mannschaft ihre Angriffe vorträgt. Da steht ein Stephan Salger hinten und weiß nicht, wohin er den Ball spielen soll. Das ist eine Aufgabe, die nur einer zu lösen hat: der Trainer. Köllner muss den Anspruch an sich selbst wieder schärfen – und vielleicht auch wieder von dem hohen Ross herunterklettern, dass er der neue König von Giesing ist. Das ist er momentan noch nicht.

Die Option, auf dem Transfermarkt nachzurüsten, hat 1860 verstreichen lassen. Stellt sich die Frage: Was können die Verantwortlichen akut tun, um die Saison zu retten?

Böswald: Ganz einfache Antwort: Köllner muss wieder die Begeisterung in sich wecken, die er anfangs versprüht hat. Momentan ist sie ihm nicht anzumerken, und natürlich strahlt das auf die Mannschaft ab. Das bestehende Spielermaterial ist nach wie vor sehr gut – es muss aber vom Trainer wieder mit Lust, Laune und Spielwitz eingestellt werden. Spürt Köllner diese Begeisterung nicht mehr, müsste er die Konsequenzen ziehen und gehen.

Das bestehende Spielermaterial ist nach wie vor sehr gut – es muss aber vom Trainer wieder mit Lust, Laune und Spielwitz eingestellt werden.

Ex-1860-Teampsychologe Alfred Böswald.

Und Gorenzel?

Böswald: Wir haben einen Markt an arbeitslosen Spielern, der bestückt ist mit exzellenten Fußballern. Halle am Sonntag hat es doch vorgemacht. Jan Löhmannsröben, unter der Woche erst verpflichtet, war der Spieler, an dem sich alle aufgerichtet haben. Ohne ihn hätte der HFC das Spiel verloren. Warum leisten wir uns den Luxus, auf diese Option zu verzichten?

Was macht Ihnen als Fan und Psychologe Hoffnung, dass 1860 in dieser Saison noch die Kurve kriegt?

Böswald: Hoffnung macht mir, dass das ganze Team viel zu gut ist für Mittelmaß – und dass der Verein weit weg davon ist, wie früher im Chaos zu versinken. Ich glaube, dass wir das erleben, was andere Vereine auch schon erlebt habe. Siehe Ingolstadt. Die sind zweimal unglaublich knapp am Aufstieg gescheitert. Wie schwierig war es für diesen Verein, wieder in die Spur zu kommen? Das ist aber ein ganz normaler Prozess, der allen voran den Trainer fordert. Ich gehe also davon aus, dass wir weiter eine durchwachsene Vorrunde erleben; auch weitere überraschende Tiefschläge sind möglich. Gleichzeitig rechne ich aber damit, dass wir eine sehr starke Rückrunde spielen. Spätestens im Winter werden der Trainer, der Sportdirektor und die Gesellschafter die richtigen Schlüsse ziehen, damit wir – das sage ich mit allem Optimismus – am Saisonende auf Platz zwei landen.

Interview: Uli Kellner

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