Löwen-Kapitän über die Neuzugänge

Schindler vor Auftakt: "Jetzt ist mehr Zug drin"

+
„Jetzt sind keine Kompromisse mehr gefragt", findet Christopher Schindler (r.).

München - Löwen-Kapitän Christopher Schindler hat ein hartes Jahr hinter sich. Im "Münchner Merkur" spricht der 25-Jährige über die Neuzugänge, den Abstiegskampf und die Aufbruchstimmung.

Christopher Schindler, 25, ist von Kindesbeinen an ein Löwe. Das letzte Jahr war für den Kapitän des TSV 1860 das wohl schwierigste. Seine Mannschaft befand sich im permanenten Abstiegskampf. Auch die kommenden Monate dürften mindestens ebenso nervenaufreibend werden. Mit 14 Pünktchen liegen die Löwen auf dem vorletzten Rang – noch nie standen sie nach der Winterpause in der 2. Liga schlechter da. Dennoch regt sich vor dem Zweitliga-Auftakt an diesem Samstag (ab 13 Uhr bei uns im Live-Ticker) gegen den 1. FC Nürnberg tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung. Im Interview mit unserer Zeitung nahm Schindler Stellung zur aktuellen Situation und ließ dabei auch Optimismus anklingen. „Wir haben ein gutes Gefühl in der Mannschaft“, sagte er.

Christopher Schindler, Sie sind schon im letzten Jahr durch das Stahlbad des Abstiegskampfs gegangen. Wie haben Sie diese Erfahrung in Erinnerung, auf was machen Sie sich nun gefasst?

Christopher Schindler: Das ging damals arg an die Substanz, und ich war heilfroh, als es vorbei war. Ich habe nicht gut geschlafen, der Abstiegskampf hat mich viel beschäftigt. Ich weiß natürlich aus dem letzten Jahr, dass es zum Ende hin noch schlimmer, der Druck noch höher wird. Da kommt dann ein Endspiel nach dem anderen. Da prasselte alles mögliche auf dich ein.

Wie geht man mit diesem Stress am besten um?

Schindler: Man muss schauen, dass man nicht ständig an Fußball denkt. Man muss die Gedanken an den Abstiegskampf auch mal von sich fern halten. Wenn du da den Kopf zwischendurch nicht mal frei kriegst, dann macht dich das kaputt. Du muss Zeit finden, in der du Kraft sammelst, abschaltest. Wichtig war für mich in der letzten Zittersaison auch mein privates Umfeld. Ich weiß jetzt genau, auf wen ich mich verlassen kann. Das war eine wichtige Erfahrung für mich.

Nach dem in letzter Sekunde erzielten 2:1 im alles entscheidenden Relegationsspiel...

Schindler:Da ist eine unheimliche Last von mir gefallen, und ich war so glücklich, dass dieser Druck endlich von mir gewichen ist. Ich war wirklich sehr erleichtert. Leider war die Sommerpause nur sehr kurz – und dann ist es gleich wieder weiter gegangen...

Ist das nicht frustrierend, wenn man nach eben mit knapper Not überstandenem Abstiegskampf gleich ins nächste Schlamassel gerät?

Schindler:Frustrierend ist es nicht. Der Leistungsdruck gehört ja zu unserem Beruf. Dafür spielen wir Fußball. Dass es jetzt gleich zwei Mal in die negative Richtung geht, wir also wieder gegen den Abstieg spielen, das hat sich natürlich keiner gewünscht.

Welche Einflussmöglichkeiten haben Sie denn als Kapitän? Gibt es Krisengespräche mit den Teamkollegen?

Schindler:Es ist in dieser Saison schon vorgekommen, dass wir nach einem Spiel, in dem es nicht gut gelaufen ist, noch länger zusammen saßen. Wir haben dann ganz klar angesprochen, was Sache ist und was man von den anderen erwartet. Das ist nicht immer schön, und es ist nicht immer leicht, die Wahrheit zu sagen oder die Wahrheit gesagt zu bekommen. Aber es ist sehr wichtig, dass man weiß, was der andere von einem erwartet.

Während der Winterpause kamen fünf Neuzugänge. Im Trainingslager wurden die Weichen auf Neustart gestellt. Macht sich der angestrebte Aufschwung schon bemerkbar?

Schindler:Man darf dabei auch die Spieler nicht vergessen, die ihre Verletzungen auskuriert haben und jetzt wieder dabei sind. Das sind quasi auch Neuzugänge. Das schafft einen ganz anderen Konkurrenzkampf, da schaukelt man sich gegenseitig auf jeden Fall mehr nach oben. Man kann sich auf nichts ausruhen, kann sich kein schlechtes Spiel erlauben. Durch die neue personelle Situation können aus jedem ein paar Prozent mehr herausgeholt werden.

Wie bewerten Sie die Neuverpflichtungen?

Schindler:Mit den neuen Spielern ist mehr Erfahrung in die Mannschaft gekommen. Das sind Spieler, die sich mit dem Abstiegskampf absolut auskennen. Und es sind Leute, die den Unterschied ausmachen können. Wir haben in der Offensive mit Maxi Beister und Levent Aycicek Spieler dazubekommen, die richtig ins Eins gegen Eins gehen können. Da waren wir bisher etwas zu brav, zu vorhersehbar. Wir haben uns ja nur wenige Torchancen herausgespielt. Jetzt sind wir durch die unterschiedlichen Spielertypen variabler. Wir haben ein gutes Gefühl in der Mannschaft, das ist auch spürbar...

Wie zeigt sich das?

Schindler:Durch die Art, wie trainiert wird. Die ganze Mannschaft hat jetzt einen anderen Zug drin. Auch bei den kleinsten Spielformen – wie Spiel auf Hütchentore oder Fußballtennis – will jeder unbedingt gewinnen. Wir gehen auch sehr offen miteinander um. Es gibt keine Grüppchenbildung. Man merkt, dass alle einen guten Draht zueinander haben.

Jetzt ist personell das gemacht worden, was eigentlich schon im Sommer hätte passieren müssen. Sie hatten vor einem halben Jahr rasche Verstärkungen gefordert. Das ist nicht geschehen. Hat Sie das sehr geärgert?

Schindler:Die Situation im Sommer war sicher nicht positiv. Dabei hätte der 2:1-Sieg in der Relegation gegen Kiel eine Signalwirkung haben können. Aber dieser Effekt ist verpufft. Wir hatten uns natürlich erhofft, dass die Mannschaft schon im Sommer verstärkt wird. Ein paar Spieler hätten uns sicher gut getan. Es ist anders gekommen, das hat es uns nicht leichter gemacht. Und es ist auch schnell abwärts gegangen. Daran ist aber nichts mehr zu ändern. Wir haben jetzt eine neue Situation und müssen uns auf das konzentrieren, was auf uns zukommt.

Als erstes am Samstag der 1. FC Nürnberg. Es werden über 50.000 Zuschauer kommen, die Erwartungen sind hoch.

Schindler:Wir sind natürlich froh, dass wir vor so einem großen Publikum spielen dürfen. Das spornt auf jeden Fall an. Jetzt sind keine Kompromisse mehr gefragt, wir müssen gegen jeden Gegner auf Sieg spielen...

Nicht einfach gegen den Tabellendritten.

Schindler:Sicher, die Nürnberger stehen deutlich besser da als wir. Aber man hat beim 2:2 im Hinspiel auch gesehen, dass sie eigentlich nicht viel besser sind als wir. Das Spiel hätten wir gewinnen müssen.

Sie haben kurz vor Schluss per Kopf nur den Pfosten getroffen...

Schindler:Ja, und wir hatten noch zwei Riesenchancen. Es war ganz eng. Wenn es immer Kleinigkeiten sind, die fehlen, dann wurmt das einen besonders. So gesehen haben wir gegen Nürnberg irgendwo noch eine Rechnung offen. Wir wollen zeigen, dass wir uns bisher unter Wert geschlagen haben.

Der gewaltige Besucherandrang nach bislang verkorkster Saison ist ein typisches Löwen-Phänomen. Da scheint man ständig zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt zu schwanken...

Schindler:Ja. Das macht den Verein auch aus. Wenn man mit den Fans redet, hört man immer wieder: „Wir sind das Leiden gewöhnt.“ Und so ist es tatsächlich. Aber man hat letztes Jahr auch gesehen: Wir waren am Boden – und sind wieder aufgestanden. Und das wollen wir in dieser Saison auch schaffen.

Das Interview führte: Armin Gibis

Auch interessant

Meistgelesen

Türk und Keeper Strobl retten Punkt für kleine Löwen
Türk und Keeper Strobl retten Punkt für kleine Löwen
Wahnsinns-Summe! Marinkovic jetzt zu teuer für die Löwen?
Wahnsinns-Summe! Marinkovic jetzt zu teuer für die Löwen?
Löwen stellen Münchner Unternehmen als neuen Partner vor
Löwen stellen Münchner Unternehmen als neuen Partner vor

Kommentare