Lebende Legende wird 85 Jahre alt

Kult-Keeper des TSV 1860 „total sauer“: König Radi bricht mit den Löwen

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Am nächsten Dienstag wird Radenkovic 85 Jahre alt.

Torwart-Legende, Titelsammler, Chartstürmer: In den Sechziger-Jahren feierte Petar Radenkovic mit seinem TSV 1860 große Erfolge. Nun ist die Zuneigung für die Löwen merklich abgekühlt.

Belgrad/München - Die Frau am anderen Ende der Leitung in Belgrad ruft nur laut: „Petar, München!“ Das reicht, um ihren Ehemann sofort in Bewegung zu setzen. Schon nach wenigen Sekunden meldet sich eine kräftige Stimme. Und sie kommt einem vor, als hätte sie sich nie verändert. Petar Radenkovic findet sofort zu dem vitalen, serbo-bajuwarischen Ton, den seine Fans seit den frühen 60er-Jahren kennen. 

Seit jener Zeit also, als der frühere Torhüter des TSV 1860 ein Star war – und sein Publikum mit einzigartigen Paraden und Späßen unterhielt. Seinen 85. Geburtstag feiert er am Dienstag. Und hörbar erfreut über den Anruf aus jener Stadt, in der er berühmt wurde vor über einem halben Jahrhundert, sagt er: „Ich fühle mich sehr wohl, ich genieße das Leben.“

TSV 1860: Kult-Torwart Radenkovic konkurriert mit Beatles

Radenkovic – den ein Rundfunkreporter einst Radi taufte – strahlt noch immer jene Lebensfreude aus, die dazu beitrug, dass er bei den Münchner Löwen zu einer Kultfigur wurde. „Goldene Zeiten waren das“, erinnert er sich. Und gern denkt er an seine zweite Heimat zurück: „Ich fühlte mich immer, als wäre ich in München geboren.“ Doch in einem Punkt schwingt beim Radi inzwischen arge Bitterkeit mit. „Ich bin von der Führung von 1860 sehr enttäuscht“, sagt er: „Aus diesem Grund gehe ich auch nicht mehr ins Sechziger-Stadion.“

Harte Worte sind das. Schließlich galt Petar Radenkovic einst als König von Giesing, als der Mann, der für die grandiosen Erfolge der Löwen stand: Pokalsieg 1964, Europacup-Finale 1965, deutsche Meisterschaft 1966. Nicht von ungefähr sang er: Bin i Radi, bin i König! In den Hitparaden schaffte er es mit diesem musikalischen Selbstporträt bis ganz nach oben. 400.000 Scheiben wurden davon verkauft, in den bayerischen Charts wechselte er sich mehrmals mit den Beatles (A ticket to ride) auf dem Spitzenplatz ab.

Besser als die Beatles: Mit „Bin i Radi, bin i König“, landete Radenkovic auf Platz eins der Hitparade.

Im Refrain seines Hits, den jedes Kind in München kannte, heißt es: „…und das Spielfeld ist mein Königreich“. Da war viel Wahres dran, wobei Radenkovic seine Spielräume auch zu fast schon kabarettistischen Einlagen nutzte. „Humor ist eines der wichtigsten Dinge“, sagt er, „mein Stil war attraktiv, die Leute haben sich nie gelangweilt.“ Zu Radis Stil gehörten Soli über das ganze Spielfeld. Ein stürmender Torwart? Das war zuvor nicht vorstellbar gewesen.

Kabarettreif etwa war seine Aktion bei einem Spiel gegen Offenbach. Nationalspieler Berti Kraus zog aus 30 Metern ab, Radenkovic hielt den Ball – und warf ihn zum Stürmer zurück mit der Bemerkung: „Versuch’s nochmal.“ Auch der zweite Schuss wurde Radis sichere Beute. Auf der Tribüne saß der große Kabarettist Dieter Hildebrand, ein eingefleischter Löwen-Fan, der die Szene prompt in einen Sketch einbaute.

„Bestes Torwart von Welt“ im Trikot des TSV 1860

Häufig im Fernsehen wiederholt wurde eine spektakuläre Momentaufnahme, die Petar Radenkovic als Multi-Tasking-Talent zeigte: Mit der einen Hand fuchtelte er wild, um dem Schiedsrichter eine angebliche Abseitsstellung zu signalisieren – mit der anderen Hand wehrte er gleichzeitig einen Scharfschuss ab.

Zum geflügelten Wort wurde auch Radenkovics Selbsteinschätzung: „Bestes Torwart von Welt.“ Der Superlativ erinnerte – wohl nicht ganz ungewollt – an den Boxer Cassius Clay alias Muhammed Ali, dem Superstar dieser Zeit. Dessen Credo lautete: „I am the greatest.“ Ich bin der Größte.

Sicher, Radenkovic war einer der weltbesten Torhüter seiner Ära, aber seine enorme Popularität, die ihm sogar bei Auswärtsspielen den Beifall der gegnerischen Fans bescherte, schöpfte er aus seiner Begabung als extrovertierter, charmanter Showman. Die Fußball-Fans hatten ihre helle Freude am dribbelnden, singenden, feixenden Torwart, der sich wenig um die Konventionen scherte. „...was die andern Leute sagen, ist mir gleich, gleich, gleich“, sang er. In den 60er-Jahren taten sich die so disziplinierten, arbeitssamen, gehorsamen Deutschen noch etwas schwer mit dem Lässig- und Unbeschwertsein.

Der Abstieg der Löwen 1970 markierte bei Radenkovic, der Sechzig mal als „eines der größten Phänomene im Weltfußball“ bezeichnete, das Karriereende mit 36 Jahren. Er blieb jedoch in München, wurde Geschäftsmann, handelte mit Spirituosen (Radi-Slibovitz), betrieb ein Wienerwald-Lokal, hatte eine Kneipe (Radis Treff). Erst nach dem Tod seiner Olga, mit der er 53 Jahre zusammen war, zog er sich in seine Geburtsstadt Belgrad zurück. Dort fand er sein spätes Glück und heiratete mit 78 seine zweite Frau Slobodanka. Nach München zieht es den Radi aber immer wieder zurück. Drei- bis viermal im Jahr besucht er die Stadt. Vor drei Wochen erst traf er sich mit den Meisterspielern Peter Grosser, Fredi Heiß und Bernd Patzke. Man habe über die alten Zeiten geplaudert, erzählt Grosser, und auch über die neuen. Wie der Radi darüber denke? Grosser meint: „Er ist total sauer und will mit dem Verein nichts mehr zu tun haben. Er hat sich von Sechzig frei gemacht.“

TSV 1860: Der Krach zwischen Radi und Merkel 

Für Schlagzeilen sorgte Radis Dauerzwist mit Trainer Max Merkel, Meistermacher und Wiener Erz-Grantler. „Fußballerisch haben wir uns bestens verstanden.“ Ansonsten aber überhaupt nicht. „Er war ein Zyniker. Er hat Spieler vernichtet und sie krank gemacht.“ Die Fehde eskalierte in der Saison nach der Meisterschaft. 

Petar Radenkovic galt einst als König von Giesing, als der Mann, der für die grandiosen Erfolge der Löwen stand.

Merkel hatte fast die ganze Mannschaft gegen sich aufgebracht, im Training beleidigte er Radenkovic mit einem Schimpfwort („jugoslawische Sau“), nur mit Mühe konnten die Teamgefährten verhindern, dass der in Rage geratene Radi handgreiflich wurde. Bald darauf kam es im Mannschaftskreis zur Abstimmung: 17 von 20 Spielern waren gegen Merkel, der Coach musste gehen.

Dieter Reiter verkündet als Wiesn-Gast der Löwen Neuigkeiten zum geplanten Stadion-Umbau: Der Stadtrat soll das Projekt vor der Sommerpause 2020 absegnen.

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