Harte Prüfungen in der Schule des Lebens

Flucht, Armut, Bomben: Milos Degenek ist ein Kämpfer 

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Auch im Herzen schon ein Löwe: Defensivkraft Milos Degenek.

München - Milos Degenek, 21, hat schon viel erlebt: Flucht auf einem Traktor, Bombenhagel, Armut – bei 1860 hofft er nun, sein Glück zu finden.

Wenn er zurückblickt auf sein junges Leben, muss sich Milos Degenek unweigerlich über sein Alter wundern. „Ich bin erst 21“, sagt er, „aber ich habe schon mehr erlebt als Leute mit 90.“ Die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, sind nicht immer die schönsten gewesen: Flucht, Verlust, Armut. „Es war oft schwer für mich“, sagt er. Seit zwei Monaten spielt Degenek als Fußballprofi beim TSV 1860, brachte es sogleich zur Stammkraft, seine erste Zwischenbilanz hört sich ganz danach an, als ob er endlich sein Glück gefunden hat: „Für mich ist das wie ein Traum.“

Man kann Degenek und seine Hochgefühle gut verstehen. Schließlich fing sein bewegtes Leben mit Not, Angst und Schrecken an, von einer erfreulichen Zukunft war zunächst nichts zu sehen. Seine Großfamilie – Eltern, Bruder, Großeltern, zwei Tanten – fristete ihr Dasein in ärmlichen Verhältnissen. Acht Personen bewohnten ein Häuschen mit 45 Quadratmetern: ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer – das war alles.

Doch auch diese kümmerliche Existenz ging verloren. Der Balkankrieg brach aus, den serbischstämmigen Degeneks blieb 1995 nur die Flucht auf einem Traktor. Nach neun Tagen erreichten sie Belgrad, der damals 18 Monate alte Milos wurde auf der gefährlichen Reise mit Milch und Brot ernährt. „Wir mussten versuchen, ein neues Leben anzufangen“, erzählt Degenek. Der Vater – ein früherer 800-m-Läufer, der für Jugoslawien EM-Bronze errang – brachte die Seinen mit dem schmalen Salär eines Lkw-Fahrers durch. „Unser Leben war richtig schwer, und trotzdem war es schön. Wenn man nichts hat, genießt man auch die kleinen Dinge“, erinnert sich Milos Degenek.

Als Fünfjähriger erlebte er, wie Belgrad von Nato-Fliegern bombardiert wurde, 1999 war das: „Ich hörte die Granaten, in fünf, sechs Kilometern Entfernung ist alles in die Luft gegangen, alles brannte – schlimmer kann es nicht mehr kommen.“

Ein Jahr darauf beschloss die Familie, nach Australien auszuwandern. Der nächste Neuanfang. „Du kannst die Sprache nicht, hast keine Freunde“, beschreibt Degenek die Startschwierigkeiten. Sein Vater fand schließlich einen Job auf dem Bau, die Mutter arbeitete als Putzfrau. „Das war nicht so ein schönes Leben, wo man sagt: Du wachst mit einem Lachen im Gesicht auf“, so Degenek: „Wir waren schon glücklich, dass wir etwas zu essen, zu trinken, zu schlafen hatten.“

Harte Zeiten waren das, in denen Milos lernte, zu kämpfen, mit Widrigkeiten zurechtzukommen. In seinen früheren Jahren in Australien erwachte in ihm auch die Leidenschaft für den Fußball. Jeden Morgen stand er um halb sieben auf, trainierte noch vor der Schule auf einem nahen Spielfeld. Bald machte Milos im Team des „Australian Institute of Sport“ auf sich aufmerksam, wurde in australische Nachwuchsteams berufen. Mit 18 entschloss sich Degenek zu einem weiteren Neustart. Micky Stevic – früherer 1860-Profi, Spielvermittler und Freund von Degeneks Vater – knüpfte 2012 den Kontakt zum VfB Stuttgart. Sportchef Fredi Bobic gab dem Mittelfeldspieler („meine Lieblingsposition ist der Sechser“) einen Dreijahresvertrag, Bruno Labbadia holte den Neuling für sechs Monate in den Profi-Kader, dreimal saß er bei Bundesligaspielen auf der Ersatzbank.

Nach einer Achillessehnenoperation 2014 fand sich Degenek aber im Abseits wieder: „Ich war wie vergessen. Es hat sich niemand mehr für mich interessiert, ich war tief am Boden“, erinnert sich Degenek. Seine Reaktion: „Ich habe mehr trainiert als jeder andere.“ Sein Trainer beim Drittligisten VfB Stuttgart II habe ihm nach zwei Monaten aber erklärt: „Ich beobachte nicht mehr, wie du trainierst. Das ist mir egal. Du kannst machen, was du willst, du wirst nicht spielen.“ Sein Traum von einer Profikarriere schien beendet zu sein.

Doch Stevic, sein Berater und väterlicher Beistand, klopfte daraufhin bei 1860 an. Degenek machte zunächst ein Probetraining beim U 21- Team, Coach Daniel Bierofka empfahl den Neuling an die Zweitligamannschaft weiter, Cheftrainer Torsten Fröhling erkannte die besonderen Fähigkeiten des 21-Jährigen, der dieser Tage in Australiens U 23-Nationalteam berufen wurde: „Milos ist ein Kämpfer, der seine Chance sucht.“

Degenek, der sich auf Anhieb als defensive Verstärkung profiliert hat, meint: „Ich hänge mich in jedem Training rein, als ob es das letzte in meinem Leben wäre.“ Man merkt: Hier ist einer durch eine besonders harte Schule gegangen. Die des Lebens.

Armin Gibis

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