Interview mit 1860-Anführer Richard Neudecker

Löwen-Leader Richard Neudecker: „Wir sind ein Fighterteam!“

Richard Neudecker jubelt mit Sascha Mölders.
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Leitlöwen: Der formstarke Richard Neudecker (l.) mit Toptorjäger Sascha Mölders.

Zusammen mit Kapitän Sascha Mölders ist er ein Garant für Tore, Punkte und Siege. Mit zwei Assists und zwei Treffern in den letzten vier Spielen trug Richard Neudecker, 24, maßgeblich dazu bei, dass die Löwen wieder an die Aufstiegsplätze anklopfen. Aber auch so erweist sich der gereifte Rückkehrer (zuvor 2020 bis 2016) bei seinem zweiten 1860-Engagement als Gewinn. Unser Interview mit dem formstarken Antreiber.

Richard Neudecker, nach vier Siegen in Folge wurde die Aufholjagd Ihrer Löwen am Dienstag gebremst. Wie bewerten Sie das 1:1 gegen Viktoria Köln?
Neudecker: Es schmerzt natürlich, wenn man zur Pause 1:0 führt und am Ende keine drei Punkte mitnimmt. Ich denke aber, dass es alles in allem ein faires Unentschieden war. Trotzdem sind wir auf einem guten Weg und haben eine gute Serie hingelegt. Darüber freuen wir uns, und es ist nicht so, dass jetzt die Welt untergeht, weil wir mal unentschieden gespielt haben.

Sie selbst sind pünktlich zum Saisonendspurt in Topform. Erleben die Löwen-Fans derzeit den besten Richard Neudecker?
Neudecker: Boah, schwere Frage. Ob es der beste Richy ist, weiß ich nicht. Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht. Ich freue mich natürlich, wenn ich der Mannschaft helfen kann. Ich fühle mich gut, versuche immer zu marschieren, und alles in allem macht es einen Riesenspaß.

Viele hatten die Löwen nach dem 0:0 im Nachholspiel in Lübeck abgeschrieben. Wie groß war vor dem Heimspiel gegen Dresden Ihre persönliche Überzeugung, doch noch vorne eingreifen zu können?
Neudecker: Ehrlich gesagt: Wir haben uns da keine großen Gedanken drüber gemacht. Wir haben uns auf das Spiel gegen Dresden gefreut, weil so ein Gegner immer ein guter Gradmesser ist. Dynamo ist das Nonplusultra in der Liga – da willst du einfach zeigen, dass du mithalten kannst (was ja mit dem 1:0-Sieg gelang/Red.).

Beißer und Reißer: „Kampfzwerg“ Richard Neudecker (Selbstbeschreibung), in den letzten vier Spielen mit zwei Assists und zwei Toren.

Sie behaupten also, es wurde bei einem zwischenzeitlichen Rückstand von 12, 13 Punkten nicht gerechnet?
Neudecker: Tatsächlich hatten wir viel gehadert wegen einige unnötiger Punktverluste. Wir haben uns gesagt: Männer, wir als Team wollen es besser machen und zeigen, dass wir mehr drauf haben als bei den besagten Spielen.

Sie meinen sicher die Punkte-Durststrecke im ausklingenden Winter. Michael Köllner wirkte nach der 0:1-Pleite von Duisburg nachhaltig verstimmt. Hat er die Mannschaft das spüren lassen? Gab es mal eine Generalaussprache?
Neudecker: Sagen wir‘s mal so: Er hat in der Kabine deutlich gezeigt, dass er angefressen war. Es gab eine kurze, knappe Ansage. Nicht dass er rumgebrüllt oder Sachen an die Wand geschmissen hat – dazu hat sich der Trainer viel zu sehr unter Kontrolle. Aber: Wenn er von der Mannschaft genervt ist, dann lässt er uns das auch spüren. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen. Wehgetan hat er bisher keinem, außer verbal vielleicht (lacht).

Wer gejagt wird, hat Druck; wer jagt, kann befreit aufspielen. Wie viel von dieser Weisheit steckt in der jüngsten Siegesserie?
Neudecker: Ich weiß nicht, wen wir jagen, jedenfalls keine anderen Vereine. Wir wollen einfach jedes Spiel gewinnen und achten gar nicht auf die Tabelle. Wir fahren gut damit, immer nur auf das nächste Spiel zu schauen. Für uns ist sehr wichtig, dass wir konzentriert bleiben und alles geben, was wir haben. Wenn wir jemanden jagen, dann beim Fangspiel im Training unsere Mitspieler (grinst).

Der Satz mit der Jagd stammt aber von keinem Geringeren als Sportchef Günther Gorenzel…
Neudecker: Wie gesagt: Mich interessieren die anderen Vereine nicht. Die sollen ihren Stiefel runterspielen, wir versuchen unsere Entwicklung fortzusetzen – und dann schauen wir, was am Ende dabei rauskommt.

Das 3:2 gegen Verl hat gezeigt, dass die Mannschaft jetzt auch nach Rückschlägen cool bleibt. Ist das eine neue Qualität, auf die man sich auch im Endspurt verlassen kann?
Neudecker: Ich weiß nicht, ob das eine neue Qualität ist. Ich habe diese Mentalität schon immer in der Mannschaft gesehen. Wir konnten sie vielleicht nicht immer auf den Platz bringen, aber da war sie trotzdem. Wir sind und bleiben ein Fighterteam - auch wenn wir vieles spielerisch lösen wollen. Diese Einstellung hilft uns enorm.

Phillipp Steinhart hat kürzlich vom Zusammenhalt in der Mannschaft geschwärmt. Habe er so noch nie erlebt, sagte er. Sehen Sie das als Rückkehrer ähnlich?
Neudecker: Absolut. Ich glaube, als neuer Spieler während einer Pandemie ist es nie leicht. Es gibt keine Partys, du kannst nicht zusammen was essen gehen… Außerhalb des Sports und des Fußballs hast du ja nichts. Du triffst dich in der Kabine und das war’s. Wie ich trotz dieser Umstände aufgenommen wurde, das ist etwas ganz Besonderes. Neue Spieler wie der Keanu (Staude) werden das auch bestätigen, ich habe erst kürzlich mit ihm darüber gesprochen. Auch ihm gefällt es richtig gut bei uns, der Zusammenhalt ist riesig, alle haben Bock darauf, dass wir uns als Team entwickeln.

Mit Wehen, Bayern II und Ingolstadt warten auf den letzten Metern noch ein paar harte Brocken. Schärft das die Sinne oder hätt’s auch ein bisserl leichter kommen dürfen?
Neudecker: Klar werden die letzten drei Spiele knackig, aber auch schon die davor. Mannheim, Lautern. Da ist jetzt kein leichter Gegner mehr dabei, das sind alles richtige Brocken. Gegen die musst du erst mal was holen.

Sascha Mölders pusht das Team und ist in jeder Lage für ein Tor gut. Wie beruhigend ist das für die Mittelfeldreihe dahinter und überhaupt für das Team?
Neudecker: Sehr beruhigend. Wenn du weißt, dass Sascha auf dem Platz steht, dann weißt du, dass sich gewisse Lücken auftun werden. Meistens konzentrieren sich ja zwei, manchmal sogar drei Gegenspieler auf ihn. Wir wissen auch, dass Sascha ein absolutes Mentalitätsmonster ist, der jedem Gegner in jedem Spiel weh tun kann. Es tut einfach gut, ihn in unserer Mannschaft zu haben. 20 Tore sind auch nicht ganz so schlecht für einen 36-Jährigen (lächelt).

Wenn Sie die Wahl hätten: Würden Sie die sichere Relegation nehmen? Oder sich lieber am 22. Mai auf ein Alles-oder-nichts-Spiel in Ingolstadt einlassen?
Neudecker: Boah, über diese Frage würde ich gerne ein paarmal schlafen. Das ist ein ganz dünnes Eis – und für mich noch viel zu weit entfernt. Relegation ist sicher kein Spaß, ich habe aber noch keine als Spieler erlebt, daher kann ich da nicht viel zu sagen. Was ich aber sagen kann: Die Relegation 2018 war sicher eine Riesensache für den Verein. Schade, dass ich nicht schon damals dabei war.

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