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Die Freude der Fans: 1860-Aufstiegsheld und Publikumsliebling Schorsch Metzger wird 75

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Jubelpose: Schorsch Metzger war nicht nur ein spektakulärer Dribbler, sondern auch torgefährlich
Jubelpose: Schorsch Metzger war nicht nur ein spektakulärer Dribbler, sondern auch torgefährlich. © Imago

Georg Metzger war schon beim Aufwärmen der Lässigste. Meist startete er gemächlichen, schleppenden Joggingschrittes und trabte – den Oberkörper nach vorne gebeugt – über den Platz.

München – Das reichte oft schon, um die Sechziger-Fans im Stadion aktiv werden zu lassen. Ein langgezogenes, inniges „Schooorschiii!“ kam da von den Rängen. Metzger, der Schorschi oder Schorsch also, war Publikumsliebling.

Und die Zuneigung, die ihm der Anhang des TSV 1860 nicht zuletzt mit Sprechchören entgegenbrachte, verdiente er sich mit seiner aufsehenerregenden Spielweise. Er war der Inbegriff des Flügelflitzers. Seine Haken schlug er nahe der rechten Seitenlinie, mit pfeilschnellen Sprints und Turbo-Dribblings sorgte er immer wieder für Spektakel. Jede Bewegung schien geprägt von Leichtigkeit und Raffinesse. Es war eine Freude, ihm zuzusehen.

Zehn Jahre lang trug Metzger das blaue Trikot, stieg zweimal mit den Löwen in die Erste Liga auf (1977, 1979), bestritt in dieser Zeit 283 Punktspiele (73 Tore). Doch von seinem Nachruhm ist – zumindest vereinsintern – nicht viel übrig geblieben. Den Kontakt zu den Sechzigern hat Metzger völlig verloren. Was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass ihm plötzlich seine Ehrenkarte für die Heimspiele verwehrt worden war. Das schmerzt natürlich einen Spieler, den die Fans einst als Aufstiegshelden feierten. Seither hat der Metzger Schorsch, der an diesem Samstag seinen 75. Geburtstag feiert, keine Partie des TSV 1860 mehr besucht.

Dabei hat der schmale, flinke Mann einst mit ungewöhnlicher Vereinstreue aufgewartet. Im Grunde war Metzger ja viel zu gut für die Zweitklassigkeit, und er hatte nicht von ungefähr öfters Angebote aus der Bundesliga. Der Hamburger SV, Hertha BSC und der 1. FC Köln waren darunter, wie er sich erinnerte. Doch zu einem Wechsel konnte er sich nicht entschließen: „Mein Herz hing an München.“

Zum TSV 1860 München war er in schwieriger Zeit gekommen. Anno 1970 war das gewesen. Die Löwen waren eben in die Regionalliga Süd (eine von damals fünf zweiten Spielklassen) abgestiegen, vier Jahre zuvor feierten sie auf dem Marienplatz noch die Deutsche Meisterschaft. Ein gewaltiger Absturz also, dem von Vereinsseite das trotzige offizielle Motto entgegengesetzt wurde: Wir kommen wieder!

Doch das Versprechen war – trotz großer personeller Anstrengungen – überraschend schwer einlösbar. Die Sechziger, zu deren Spitzenspielen bis zu 70 000 Zuschauer ins Olympiastadion strömten, starteten in jede Saison mit höchsten Ansprüchen, scheiterten aber Jahr für Jahr knapp am Wiederaufstieg. Der heute noch oft zitierte Löwen-Blues nahm hier wohl seinen Anfang.

„Wir hatten jedes Jahr fünf, sechs neue Spieler und einen neuen Trainer – bis wir zusammengefunden hatten, war der Rückstand zur Tabellenspitze schon so groß, dass wir ihn nicht mehr aufholen konnten“, erinnert sich Metzger.

Aus dieser Zeit stammt auch eine Anekdote, die Metzger vorübergehend den Ruf eintrug, bisweilen so seine Launen zu haben. Es war im August 1974, als er im Spiel gegen FSV Mainz 05 von Herward Koppenhöfer, einem früheren Bayern-Profi, seiner Erinnerung nach „fünf bis sechsmal Mal“ umgesäbelt wurde – ohne dass es eine Verwarnung für die Missetaten gegeben hätte. Als er aber seinen raubeinigen Widersacher im Zweikampf umrempelte („ein ganz normales Foul“), sah er sofort Gelb. Kurz darauf blieb ein weiteres Foul von Koppenhöfer ungeahndet. „Da hab’ ich mir gedacht: Das gibt’s doch nicht, der kriegt wieder nichts!“ Also entschloss sich Metzger, den Schiedsrichter an seine Pflichten zu erinnern, indem er kurz die Gelbe Karte aus dessen Brusttasche zupfte. Die prompte Folge war Rot für Metzger – der einzige Platzverweis seiner Karriere.

Die ganz großen Stunden schlugen für Metzger in der Saison 1976/77. Nachdem die Sechziger sechs Mal den Sprung zurück ins Oberhaus verpasst hatten, war auch die Finanzkraft des Traditions-clubs geschwunden, dem qualitativ geschrumpften Kader traute kaum einer den Aufstieg zu. Doch es sollte anders kommen. Der damalige Trainer Heinz Lucas funktionierte den Rechtsaußen Metzger zum Spielmacher um. Und in dieser Rolle erwies sich der Schorsch als Idealbesetzung. Er war nunmehr der dribbelstarke Antreiber – und schoss dazu noch stolze 14 Tore.

Die Löwen wurden Zweiter, mussten zu den legendären Relegationsspielen gegen Arminia Bielefeld, Zweiter der Nordgruppe antreten. Nach einem frustrierenden 0:4 Hinspiel, schafften die Münchner im Olympiastadion ein kleines Fußballwunder und schlugen mit einem 4:0 zurück. Das so wichtige vierte Tor erzielte der – nach vierwöchiger Zwangspause – eben erst von einem Bänderriss genesene Metzger selbst. Er war im Strafraum gefoult wurden – und trat auch als Elfmeterschütze an. „Das war wirklich nervenaufreibend“, sagt er.

Und auch im nun fälligen Entscheidungsspiel in Frankfurt, für das Sonderzüge für gut 20 000 Münchner Fans organisiert wurden, spielte Metzger eine Hauptrolle. In der vorletzten Minute hämmerte er den Ball vorbei an Uli Stein, dem späteren Nationaltorhüter, zum 2:0 ins Netz, der Aufstieg war perfekt – und der so leichtfüßige Mann mit der Nummer 10 hatte den Schlusspunkt unter eine grandiose Saison gesetzt.

Metzgers Karriere endete 1980. Er war 34, die Folgen eines Beinbruchs machten ihm schwer zu schaffen. Der Fußball hatte ihm keine Reichtümer eingebracht („mit dem Geldverdienen war es damals bei weitem noch nicht so wie heute“), sein neuer Arbeitsplatz war in der Fürstenfeldbrucker Stadtverwaltung.

Zwei Krebserkrankungen im Abstand von zehn Jahren überschatteten sein weiteres Leben, er wurde Frührentner mit 44, zuletzt überstand er auch noch einen Schlaganfall. Auf seine Gesundheit angesprochen, meint er nur: „Nun ja, könnte besser sein.“

Der Fußball ist fast völlig aus seinem Leben verschwunden. Ab und zu trifft er sich noch mit den früheren Teamkollegen Hansi Rebele, Alfred Kohlhäufl und Jimmy Schmitt. Seinen 75. Geburtstag wird Metzger daheim in Herrsching am Ammersee feiern. „Im kleinsten Kreise“, wie der Jubilar betont. Es wird also keine Feierlichkeiten geben, und schon gar keine offiziellen Würdigungen – doch verdient hätte sie der Metzger Schorsch allemal.

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