Wembley-Finale der Löwen vor 50 Jahren

Fredi Heiß: "Du klammerst dich an die alten Erfolge"

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Gegen Nürnberg gab’s eine Wembley-Choreo, bei der Rückkehr in Riem grüßten die Löwen mit „Melonen“, seinen Hut von damals hat Fredi Heiß heute noch Fotos.

München - Fredi Heiß spricht in der tz über das Wembley-Finale der Löwen vor 50 Jahren und warum er den Ärger über den Auftritt der Mannschaft damals bis heute nicht überwunden hat.

Heute vor 50 Jahren stand Fußball-Deutschland Kopf. Wegen der Löwen. Als zweiter deutscher Verein erst standen sie in einem Europacup-Finale. Im berühmten Wembley-Stadion. Leider gegen einen Londoner Verein, der sein Heimrecht nutzte und mit 2:0 gewann. Mit dabei beim TSV 1860 damals: Fredi Heiß, der Rechtsaußen. Die tz sprach mit ihm.

Herr Heiß, anlässlich des 50. Jahrestags des Europacup-Finales der Löwen in Wembley, sollte am 19. Mai eigentlich eine große Feier unter dem Motto „50 Years, lucky tears“ stattfinden – wurde aufgrund der Abstiegsgefahr verschoben. Finden Sie das richtig?

Heiß: Unbedingt. Alle Spieler von damals fanden die Feier zum jetzigen Zeitpunkt nicht passend. Außerdem gefällt mir auch der Ausdruck „lucky tears“, glückliche Tränen, nicht.

Warum?

Heiß: Weil wir nicht glücklich waren. Das Finale war unser schwächster Auftritt der gesamten Europacup-Saison. Wir waren enttäuscht, ich habe den Ärger darüber bis heute nicht überwunden.

Woran lag es?

Radenkovic zeigte tolle Paraden.

Heiß: An vielen Dingen. Wir wohnten zum Beispiel in einem Riesenhotel am Hyde Park. Dort ging es zu wie im Taubenschlag. Wir waren viel zu sehr abgelenkt. Außerdem durften wir am Tag vor dem Finale nicht im Wembley-Stadion trainieren. Wir waren deshalb ziemlich überrascht, als wir den Rasen betraten. Der war zwar super gepflegt, aber wir waren so einen guten Rasen nicht gewohnt. Der Ball sprang anders, weil der Untergrund seltsam federte. Und wir hatten irgendwie Respekt vor West Ham, waren zu ehrfürchtig, obwohl das keine Übermannschaft war – aber als Londoner Team in London… Ich glaube, dass wir sie auf neutralem Platz geschlagen hätten.

Ihr Auftritt stand auch unter keinem guten Stern…

Heiß: Ich hatte mir gut eine Woche zuvor einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zugezogen. Eigentlich war ein Einsatz nicht möglich. Aber Trainer Max Merkel wollte mich unbedingt dabeihaben und ließ extra DFB-Masseur Erich Deuser einfliegen, damit er mich fit kriegt. Ich habe dann mit einem dicken Pressverband gespielt, aber der hat mich mehr behindert, als dass er mir geholfen hätte.

Wie gut haben Sie West Ham vorher gekannt?

Heiß: Wir kannten fast keinen Spieler. Das war damals ja alles noch ganz anders als heute. Den Bobby Moore haben wir gekannt, das war’s schon.

Und ausgerechnet einer, der selbst vielen bei West Ham kein richtiger Begriff war, hat dann beide Tore geschossen: Reservist Alan Sealey.

Heiß: Von dem hat man auch hinterher nicht mehr viel gehört…

Was ging nach dem Spiel ab?

Heiß: Im Wembley-Stadion gab es ein Bankett mit den Spielern beider Mannschaften. Als dann unsere Frauen dort auftauchten und auch Platz nehmen wollten, waren die Offiziellen der Uefa geschockt. So was war nicht üblich. Schließlich wurden die Frauen an einen Tisch in ein Eck verpflanzt und mithilfe einer spanischen Wand unsichtbar gemacht. Ein Wahnsinn!

Wie aufregend war die Saison, der Weg ins Finale?

Heiß: Das waren schon super Abende. Gegen Porto habe ich beim 1:1 und 1:0 beide Tore geschossen. Und dann die Spiele im Halbfinale gegen den AC Turin. Unvergesslich. Erst ein 0:2 in Italien, dann zu Hause ein 3:1. Es musste das Entscheidungsspiel in Zürich her. In der ersten Halbzeit habe ich dort das Spiel meines Lebens abgeliefert. Eine italienische Zeitung schrieb damals: „Wir fürchten nur Gott und Fredi Heiß.“ Das war mir richtig peinlich. Am Ende zogen wir mit einem 2:0 ins Finale ein.

War der Titel immer das Ziel?

Heiß: Absolut. Wir wussten, dass wir eine Supertruppe beisammen haben, die das schaffen kann.

Und ihr hattet Merkel…

Heiß: Ja, der Max. Allein, wie der uns vor dem Rückspiel heiß gemacht hat. Aber er konnte auch anders. Wenn ich zu wenig lief, dann kam er schon mal an die Seitenlinie und bot mir einen Stuhl an. Oder er hängte mir einen Schal um, damit ich im Stehen nicht so friere…

Gegen Luxemburg habt ihr einen indirekten Elfmeter geschossen. Grosser tippte an, Brunnenmeier schoss. Wie kommt man auf solche Ideen?

Heiß: Mei, wir waren halt viel und lang im Trainingslager. Da ist dir so ein Blödsinn schon mal eingefallen.

Trotz der Niederlage war der Empfang nach der Rückkehr aus London überwältigend, oder?

Heiß: Ja. Schon ab dem Flughafen Riem standen die Leute an den Straßen und haben uns gefeiert. Das ging so weiter bis zum Marienplatz.

Wie hoch war die Prämie?

Heiß: 3000 Mark. Aber das Geld haben wir erst ein Jahr später bekommen, zusammen mit der Meisterprämie. Die betrug auch 3000 Mark.

Wembley gilt immer noch als Mythos. Warum?

Heiß: Weil nur wir damals große Erfolge für den Verein eingefahren haben. Deshalb sind auch unsere Namen immer noch so bekannt. Und damals waren in München fast alle Blaue. Allein in der Großmarkthalle und im Schlachthof – nur Sechziger. Und die jetzigen Löwen-Fans klammern sich halt an die alten Erfolge.

tz

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