Systemdebatte droht

Offensivstil in Gefahr: Trainer Fröhling braucht Siege

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Man kennt sich: Wunschspieler Liendl (l.) traf im April als Gegner auf die Löwen (hier mit Stahl). Erwartet wird, dass der Steirer bald die Trikotfarben wechselt.

München - Der 1860-Trainer Torsten Fröhling braucht Siege, um sein attraktives Spielkonzept in Ruhe reifen zu lassen. Eine Systemdebatte käme zur Unzeit. Schlechte Nachrichten gibt es von Stephan Hain.

Torsten Fröhling verpackte seinen tiefsitzenden Frust in einen kleinen Scherz. „Irgendjemand nimmt uns immer die Punkte weg“, sagte der Trainer des TSV 1860, als er am Sonntag um seinen Kommentar zum Spiel gebeten wurde. Sowohl beim 2:2 in Nürnberg als auch beim 0:0 gegen Union Berlin fühlten sich Fröhling und sein Team um den verdienten Lohn für ihr nimmermüdes Anrennen gebracht. „Klar stört mich das“, sagte Fröhling, als sein Gesicht wieder ernste Züge annahm: „Wir haben in den letzten beiden Spielen vier Punkte weniger geholt als wir hätten können oder müssen. Wenn man so viel Aufwand treibt und nur zwei Punkte mitnimmt, dann ist das schon schlimm.“

In vier Spielen standen Pfosten und Latte sechsmal einem Erfolgserlebnis im Weg – macht Platz eins in der Aluminiumwertung der Liga. Der nüchterne Blick auf die reale Tabelle schmerzt Fröhling umso mehr: Rang 16 – mit erst zwei geschossenen Toren. Fast schon ein schlechter Witz: Denn waren die Löwen am Ende der vergangenen Saison zurecht auf dem Relegationsplatz gelandet, so ist der Fußball, den das Fröhling-Team neuerdings bietet, durchaus spektakulär.

Nur eine Laune des Schicksals also, die lausige Momentaufnahme? „Für das, was wir geleistet haben, ist die Punkteausbeute nicht gut und zu gering“, sagt Rubin Okotie, den es kaum tröstet, dass er neuerdings regelmäßig zu Chancen kommt. Daniel Adlung, der in Nürnberg einen Punkt rettete, gegen Union aber zwei Punkte aus elf Metern verballerte, sieht es so: „Natürlich würden wir gerne weiter oben stehen. Wir hätten das auch verdient nach den Leistungen, die wir bisher abgerufen haben. Ich glaube aber: Wenn wir die Art und Weise weiter an den Tag legen, dann werden wir ziemlich schnell Punkte holen.“

Defensivfußball ist für Fröhling eine Pein

Fröhling, der am Montag 49. Geburtstag feierte, sieht die Sache nicht ganz so entspannt. Punkte sehnt der Trainer nicht nur herbei, um auch weiterhin in Ruhe arbeiten zu können. Zuletzt war es ja fast schon irritierend ruhig um den Traditionsverein mit dem Hang zum Chaos. Fröhling benötigt die Punkte auch, um nicht intern in Erklärungsnot zu geraten. Gefragt, ob er nach zwei verschenkten Siegen binnen sechs Tagen etwas von seinem Team einfordern werde, fragte er entgeistert zurück: „Einfordern?“ Das sei im Fußball immer so eine Sache, fügte er hinzu: „Irgendwann sagen die Spieler auch mal: ,Trainer, lass uns doch wieder ganz einfach Fußball spielen – vielleicht kriegen wir dann ja mal wieder ein paar Punkte.’“ Das jedoch, eine Systemdebatte, ist das Letzte, was Fröhling derzeit gebrauchen kann. Mit jeder Faser seines Körpers steht er hinter dem neu eingeführten Offensivkonzept, das komplex ist, aber auch schön anzuschauen. Eine Rückkehr zu zweckmäßigem Defensivfußball wäre für Fröhling eine schwer zu ertragende Pein.

Nur zu einer leichten Überarbeitung wäre der Trainer in einem ganz bestimmten Fall bereit. Sollte Michael Liendl, 29, wie geplant von Fortuna Düsseldorf zu 1860 wechseln, würde Fröhling bereitwillig einen Platz für den Österreicher schaffen. Mit einer Mittelfeldraute oder einer Dreier-Offensivreihe hinter Okotie wäre der Spielmacher leicht einzubauen, ohne vom neuen Offensivstil abzurücken. Liendl könnte dann Pechvogel Stephan Hain ersetzen, der wochenlang mit einer Kniestauchung ausfällt.

Schon die Zahlen, mit denen Liendl aufwartet, legen nahe, warum Düsseldorfs Zehner als Wunschspieler von Fröhling und Sportchef Necat Aygün gilt. In 52 Zweitligaeinsätzen brachte es Liendl auf elf Tore und zwölf Vorlagen – da kann bei 1860 nur Assistkönig Adlung mithalten. Der Vizekapitän ist übrigens ein überzeugter Verfechter des neuen Offensivstils: „Unsere Spielweise ist jetzt eine ganz andere“, sagte Adlung und fügte in aller Gelassenheit hinzu: „Es braucht einfach ein bisschen Zeit.“ Wohl dem, der sie bekommt.

Uli Kellner

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