Gefühlter Sieg, aber kein Befreiungsschlag

Kein Treue-Bekenntnis zu Fröhling - Möhlmann Kandidat?

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Sechzger-Trainer Torsten Fröhling. 

München - „Die Mannschaft lebt“, sagte 1860-Trainer-Torsten Fröhling nach dem leidenschaftlich erkämpften 2:2 gegen Leipzig. Trotzdem ist es ungewiss, ob der angezählte Trainer auch die Länderspielpause nach dem Bielefeldspiel übersteht.

Je länger das ungleiche Duell dauerte, desto unterhaltsamer wurde das Hin und Her auf dem Rasen, und das Publikum, das vor dem Anpfiff noch spöttische Plakate ausgerollt hatte („Im Kolosseum haben die Löwen auch mal gewonnen“), es war offensichtlich zufrieden. Es herrschte Partystimmung wie zuletzt beim Pokalerfolg des TSV 1860 gegen Hoffenheim, viele der 21.600 Arena-Besucher brüllten: „Steht auf, wenn Ihr Löwen seid!“ Und sehr viele Zuschauer kamen dieser Aufforderung nach.

Die gute Laune der 1860-Fans hatte damit zu tun, dass Rubin Okotie soeben mit seinem ersten Treffer seit sieben Monaten das 2:2 (1:1) gegen Leipzig erzielt hatte – dabei blieb es. Aber auch zuvor hatte sich der weiterhin sieglose Tabellenvorletzte ausgesprochen bissig präsentiert. Technisch und in punkto Schnelligkeit konnten die Löwen der Millionentruppe aus Leipzig zwar kaum Paroli bieten, doch sie zeigten alles, was im Abstiegskampf gefordert ist: Leidenschaft, Kampfgeist, Moral. Hinten warf sich der rustikale Brasilianer Rodnei in jeden Zweikampf, vorne sorgten der quirlige Marius Wolf und der erstarkte Okotie für gelegentliche Entlastung und zwei Tore. Zweimal waren die Gastgeber in Rückstand geraten, zweimal zeigten sie eine positive Reaktion und glichen zeitnah aus. Leipzigs Ralf Rangnick, Trainer der feinen RB-Fußballer, sprach hinterher von einer „gefühlten Niederlage“.

Von der Logik her müssten die Löwen nach diesem Spielverlauf und gegen diesen übermächtigen Gegner das Gegenteil empfunden haben. War das 2:2 also ein gefühlter Sieg zum Abschluss einer mit Unentschieden gespickten Woche (zuvor zweimal 1:1)? „Egal, wer kommt: Wir müssen Spiele gewinnen. Deswegen bin ich heute mit dem Ergebnis nicht zufrieden“, haderte Kapitän Christopher Schindler. Trainer Torsten Fröhling, der ja um seinen Job bangt, sagte: „Ein Befreiungsschlag war’s nicht, weil wir nur einen Punkt bekommen haben. Aber wir haben gezeigt, dass wir gegenhalten können, dass die Mannschaft lebt, dass wir Rückstände aufholen können.“

Mit dieser Aussage bewies Fröhling feine Antennen, denn seine Einschätzung deckte sich mit jener von Markus Rejek, der nach Spielende für die Geschäftsführung sprach, also auch für Partner Noor Basha. Rejek, sonst ein seltener Gast in der Interviewzone, lobte den Auftritt der Mannschaft („Bärenstarke mentale Leistung“), vermied es aber mit umständlichen sprachlichen Verrenkungen, den angezählten Coach mit einem Vertrauensbonus auszustatten, der über den kommenden Freitag hinausgeht. „Torsten Fröhling ist unser Trainer“, sagte er: „Die ganze Diskussion brauchen wir jetzt nicht zu führen. Wir fahren mit Torsten noch nach Bielefeld, wir arbeiten weiter in Ruhe unsere Sache ab und lassen uns nicht verrückt machen.“ Jetzt keine Diskussion, mit Fröhling noch nach Bielefeld – wie eine Arbeitsplatzgarantie hörte es sich wahrlich nicht an, was Rejek in seinem öffentlichen Manifest mitteilte.

Rejek ließ durchblicken, dass von Auftritt und Ergebnis in Bielefeld einiges, wenn nicht alles abhängen könnte. „Es ist alles okay. Wir haben nur zu wenig Punkte“, sagte er zunächst, um bedrohlich hinzuzufügen: „Nach Bielefeld ist Länderspielpause – da kann man dann auch noch mal was machen.“

Dem Vernehmen nach ist ein Trainerwechsel keineswegs ausgeschlossen. Peter Neururer, mit dem sich Basha vor einer Woche getroffen hatte (Rejek: „Geht mal davon aus, dass wir uns abstimmen“), wird Fröhling zwar nicht beerben, wie Interimspräsident Siegfried Schneider in der SZ klarstellte. Nach Informationen unserer Zeitung ist Benno Möhlmann ein aussichtsreicherer Kandidat. Fröhlings Chancen zu bleiben, setzen einen Sieg voraus – oder zumindest eine ähnlich mitreißende Leistung und eine ähnlich kluge Taktik (Spielmacher Liendl als dritter Sechser neben Adlung und Degenek) wie gestern gegen die starken Leipziger.

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Neururer kein Thema – und Möhlmann?

Dass das 2:2 unter dem Strich glücklich war, daran gab es keine Zweifel. Und dass die Lage angespannt bleibt, verriet Schindlers eher missmutiger Vorausblick auf den morgigen Wiesn-Abend im Hackerzelt. „Das interessiert mich eigentlich gar nicht“, brummte der Kapitän: „In erster Linie ist das ein Sponsorentermin. Ich glaube nicht, dass einer von uns Spielern vorhat, sich da volllaufen zu lassen.“

Fröhling dagegen könnte eine Entlastungsmass womöglich gebrauchen, denn es bleibt unklar, wie die Mannschaft zu ihrem gefeierten Retter aus dem Vorjahr steht. Haben die Spieler gestern auch für ihn gekämpft? „Nö“, erklärte Schindler: „Es geht auch nicht um irgendwelche Personen, es geht um den Verein.“ Okotie sagte: „Wir sitzen alle in einem Boot – der Trainer und wir Spieler. Daher war es wichtig, dass wir einen Punkt geholt haben.“ Wolf sagte: „Ich bin überzeugt davon, dass der Trainer bleibt. Wir stehen hinter ihm, er steht hinter uns – ich glaub, das hat man heute gesehen.“

Uli Kellner

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